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COMIC!-JAHRBUCH 2017

Doch irgendwie bewegend
Trickfilm-News

VonHeiner Lünstedt


Da es sich bei vielen Animationsfilmen, die neu starten um Fortsetzungen handelt, hält sich die Vorfreude oft in Grenzen. Formelhafte Werke wie
der fünfte "Ice Ahe"-Film bestätigen die schlimmsten Befürchtungen. Doch es lohnt sich trotzdem dranzubleiben, denn Pixars "Findet Dorie" zeigt aufs Schönste, daß es auch möglich ist, Altbekanntes so neu anzurühren, daß es köstlich mundet. Noch schöner ist es natürlich, wenn mit Disneys "Zoomania" oder mit "Pets" von Illumination Entertainment plötzlich Animationsfilme auftauchen, die durch neue Figuren, bewegende Geschichten und frische Ideen überraschen. Doch damit es nicht zu US-amerikanisch zugeht, bleibt zu hoffen, daß "Erinnerungen an Marnie" nicht wirklich der letzte Kinofilm des Studio Ghibli ist.

Hier einige Anmerkungen zu ausgewählten Kino-Trickfilmen und zu DVD/Blu-ray-Premieren der letzten zwei Jahre.


Alles steht Kopf
von Pete Docter und Ronaldo del Carmen
USA 2015

Das 15. Werk aus den Hause Pixar dürfte vom Konzept her mit das Gewagteste sein, was jemals als Grundlage für einen abendfüllenden gut budgetierten Animationsfilm für die ganze Familie in Erwägung gezogen wurde. Die Hauptfiguren heißen Freude, Kummer, Wut, Angst
und Ekel. Sie bewohnen den Kopf der kleinen Riley
und kümmern sich um das Wohlergehen des Mädchens. Freude bemüht sich darum, daß Riley immer gut gelaunt ist. Daher hält sie ihre ständig frustrierte Kollegin Kummer für ihre Feindin. Doch als nach einem Notfall im Leben von Riley sowohl Freude als auch Kummer zu einer Odyssee durch das Seelenleben des kleinen Mädchens aufbrechen müssen, wird klar, daß Freud und Leid gleichermaßen wichtig sind. Inspirations-Quelle für "Alles steht Kopf" ist der geniale antifaschistische Disney-Cartoon "Reason and Emotion" von 1943. Hier wird der menschliche Kopf von einem kleinen vernünftigen Anzugträger (Reason) und einem triebhaften Steinzeit-Männchen (Emotion) bewohnt. Recht anschaulich wird gezeigt, wie Adolf Hitler an jeglicher Vernunft vorbei den Neandertaler im Menschen ansprach und zu Untaten anstachelte. Dieses Gleichnis haben die Pixar-Macher für "Alles steht Kopf" mit viel Phantasie verfeinert und tricktechnisch perfekt in Szene gesetzt. Es ist schön, daß Pixar doch noch mehr kann, als das positive Image seiner Erfolgsfilme durch mittelprächtige Fortsetzungen zu beschädigen.


Alois Nebel
von Tomás Lunák
Tschechien 2011

Der Film spielt in den achtziger Jahren kurz vor und nach dem politischen Umschwung in Osteuropa. Hauptschauplatz ist Bíly Potok, ein abgelegenen Ort an der tschechoslowakisch-polnischen Grenze. Hier arbeitet Alois Nebel als Fahrdienstleiter. Vor allem wenn es nebelig trüb wird, was in der abgelegenen Gegend recht häufig geschieht, bekommt Alois Nebel seine düsteren Erinnerungen auch nicht mehr durch das Lesen von Kursbüchern in den Griff. Als dann auch noch ein mysteriöser Fremder die Grenze überschreitet, werden einige scheinbar lange verdrängte Gespenster der Vergangenheit wieder verdammt real ...
Formal ist der auf dem gleichnamigen Comic basierende Trickfilm "Alois Nebel" ein Meisterwerk. Die meisten Szenen wurden zunächst mit realen Darstellern gedreht und dann durch Rotoskopie und Computer-Animation so verfremdet, daß der Film wie ein perfekt bewegter (aber auch bewegender) schwarzweißer Comic mit klaren harten Konturen wirkt, der stilistisch irgendwo zwischen "Persepolis" und "Sin City" angesiedelt ist. Die Geschichte ist erstaunlich vielschichtig. Erzählt wird von Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden, sowie von Wendehälsen, die zu allen Zeiten ihre Schwarzmarktgeschäfte durchziehen und auch nach dem Abzug der sowjetischen Truppen weiter an den Schalthebeln der Macht sitzen. Doch in erster Linie geht es um die zu Depressionen neigende Hauptfigur, Alois Nebel, der es zunehmend schwerer fällt, noch in seiner klar strukturierten Eisenbahner-Welt klarzukommen.

Arlo & Spot
von Peter Sohn
USA 2015

Kurz nachdem Pixar mit "Alles steht Kopf" endlich wieder einen richtig guten Film in die Kinos brachte, folgt mit "Arlo & Spot" die Ernüchterung. Der Animationsfilm spielt auf einer Erde, auf der die Dinosaurier überlebt haben und als Farmer oder Cowboys tätig sind, während die Menschen sich noch nicht allzu weit entwickelt haben. Erzählt wird davon, wie sich der Apatosaurier Arlo mit dem kleinen Höhlenmenschen Spot anfreundet. Die prähistorischen Landschaften werden in hyperrealistischen Bildern dargestellt, das Design der Hauptfiguren hingegen nimmt eher plumpe Formen an. Die Story plätschert vorhersehbar dahin, und die einzige wirklich lustige Figur, ein Styracosaurus, der auf seinen Hörnern zahlreiche Wirtstiere beherbergt, tritt nur kurz auf.
In unseren Kinos wurde der zugehörige, sich an ein etwas erwachseneres Publikum richtende Pixar-Vorfilm "Sanjays Super Team" mit Hindu-Göttern als Superhelden leider nicht gezeigt. Erst auf DVD und Blu-ray wird dieses sehenswerte Filmchen nachgereicht.


Asterix im Land der Götter
von Alexandre Astier und Louis Clichy
Frankreich 2014

Nach acht Zeichentrick- und vier Realfilmen mit Gérard Depardieu folgt jetzt der erste computeranimierte Asterix-Kinofilm. Vorlage ist diesmal das 17. Album, "Die Trabantenstadt", und einmal mehr ist der Comic der Verfilmung haushoch überlegen. Der Film ist dort recht gut, wo er nah bei Goscinnys und Uderzos Geschichte bleibt. Der Auftakt, in dem der Imperator
Cäsar das gewaltige Bauprojekt, durch das er das kleine gallische Dorf endlich zu einem Teil des römischen Imperiums machen möchte, als Modell vorstellt, funktioniert auch im Kino bestens. Doch immer, wenn versucht wird, die clever ausgeklügelte Geschichte um neue Ideen zu ergänzen, geht dies ganz schön in die Hose. Ziemlich viel Raum in der Geschichte wird dem Römer Keinbonus eingeräumt, der mit seiner Frau und dem ach so niedlichen Söhnchen eher widerwillig in die Trabantenstadt zieht. Ganz blödsinnig wird es, wenn sich Obelix gegen Ende des Films in eine Art wütenden King Kong verwandelt.
Die Computeranimation ist auf einem halbwegs soliden Niveau, sieht allerdings eher nach Videogame als nach Pixar aus. Wenn ein Römer oder ein Gallier gerade keinen Text aufzusagen hat, steht er unbeweglich im Hintergrund herum. Während die digitalisierten Versionen von fast allen liebgewonnenen Bewohnern des Dörfchens im Kino dabei sind, fehlt leider die attraktive Frau des Greises Methusalix; anscheinend wäre es zu aufwendig geworden, diese auch noch zusammenzupixeln.

Auf den Geschmack gekommen?
Weiterlesen im COMIC!-Jahrbuch 2017

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November 2016
Format: DIN A4
Umfang: 224 Seiten, davon 60 redaktionelle Farbseiten
Preis: EUR 15,25
ISBN 978–3–88834-947-8
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