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COMIC!-JAHRBUCH 2017

Charly-Eiselt-Preis für die beste
Publikation eines Newcomers:
"Nomaden" von Jan Vismann

Interview von Alexander Christian


Jan Vismann (*1985 in Rheine) ist ein deutscher Comiczeichner, Illustrator und Designer, der gerade an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg ein Masterstudium in Illustration absolviert. Sein Debütwerk "Nomaden", mit dem er zuvor an der Fachhochschule Düsseldorf erfolgreich seinen Bachelor in Kommunikationsdesign abgeschlossen hat, veröffentlichte Vismann im Jahr 2015 im Berliner Jaja Verlag. Daneben hat Vismann selbst drei kürzere Zines herausgebracht: "VAA Island", "Unter Wasser" und "Doppelgånger".

Die Inspiration zu "Nomaden" lieferte das bis heute rätselhafte Tunguska-Ereignis, das sich am 30. Juni 1908 in der entlegenen sibirischen Region Krasnojarsk abspielte. Vismann bietet dazu eine durchweg skurrile Alternativerklärung an, die sich selbst mit den wildesten Außenseitertheorien messen kann. In seinem postapokalyptischen Setting streifen ein bärtiger Vagabund und ein Roboter als Nomaden durch die verbotene Zone rund um den historischen Schauplatz. Immer auf der Hut vor den drohenden Wächtern und mit Hilfe neuer Verbündeter löst das ungleiche Paar schließlich das Rätsel um einen merkwürdigen Stein, dem magische Kräfte innewohnen. Agent Fox Mulder hätte seine helle Freude an diesem Abenteuer. Auch die Jury des ICOM Independent Comic Preises zeigte sich sichtlich angetan und zeichnete Vismanns "Nomaden" mit dem Charly-Eiselt-Preis für die beste Publikation eines Newcomers aus.


COMIC!: Wie bist du auf das Tunguska-Ereignis aufmerksam geworden?

Jan Vismann: Es gab diese Videos bei YouTube, in denen ein Meteoroid über Rußland zu sehen war. Viele Autos in Rußland haben mittlerweile Kameras on board, die den Meteoroiden aufgezeichnet haben. Der ist dann ein paar Tausend Meter über der Erde verglüht, hat aber einen riesigen Lichtkegel hinter sich hergezogen und mehrere Fensterscheiben zu Bruch gebracht.
Ich habe nach weiteren Meteoroiden oder Abstürzen recherchiert, weil mich diese Aufnahmen fasziniert haben. Dann bin ich auf eine alte Schwarz-Weiß-Foto-graphie eines russischen Wissenschaftlers gestoßen, der mit der Tunguska-Expedition beauftragt war. Auf dem Foto sieht man mehrere Bäume, die platt zu Boden gedrückt wurden. Bei der Expedition hat man keinen Krater finden können, aber die entnommenen Bodenproben waren radioaktiv. Das konnte sich damals so recht keiner erklären. Und so gab es einen anderen Wissenschaftler, der behauptete, daß es ein bemanntes Raumschiff gewesen sein muß, welches auf der Suche nach Wasser – der größte Süßwassersee der Erde ist der Baikal in Sibirien – abgestürzt ist.

COMIC!: Das hybride Reittier ist ein gutes Beispiel, für die postapokalyptische Welt, die du in "Nomaden" entworfen hast. Ein Zwischending aus Lama und Dromedar, das auf dem Buchrücken sogar wie ein Seeungeheuer aussieht. Wie würdest du selbst diese Welt beschreiben?

Jan Vismann: Science-Fiction. Mit einem Hauch von Zoologie und Astronomie.

COMIC!: Bei "Nomaden" treffen so vertraute Kulturtechniken wie einen Fisch am Stock über dem Feuer zu garen auf Raumschiffe, Roboter und rätselhafte Objekte, die an den Obelisken aus Kubriks "2001 Odyssee im Weltraum" erinnern. Sind nomadische Formen der Lebensführung der Schlüssel für das Überleben unter den lebensfeindlichen Bedingungen, die du in "Nomaden" schilderst?

Jan Vismann: Vielleicht eine von vielen Möglichkeiten. Nomaden führen ein sehr einfaches Leben und sind mit der Natur nahe verbunden. Die Nenzen in Sibirien sind ein indigenes Volk, das zum Teil noch nomadisch lebt. So etwas gibt es auch heute noch. Sie leben in Zelten und reisen mit ihrem Vieh und Schlitten in der Tundra umher. Eine romantische Vorstellung, vielleicht auch das wahre echte Leben. Dieses Volk war eine Inspiration für den Alltag in meiner Geschichte. 

COMIC!: Wie siehst du die Zukunft nomadischer Lebensformen angesichts der globalen Landflucht und Verstädterung?

Jan Vismann: In meinem Buch nimmt der Mensch erst nach einer postapokalyptischen Katastrophe nomadische Lebensformen an. Der Mensch ist bequem. Ich glaube nicht, daß ein zivilisierter Großstädter freiwillig wieder in einem Zelt leben würde und mit einem Schlitten umher reisen mag. Aber schon jetzt gibt es den Trend der Stadtflucht. Ob die Menschen deshalb gleich zu Nomaden werden, ist fraglich. Vielmehr werden im Umland die günstigeren Mietpreise gesucht. 

COMIC!: Wie können wir uns deinen Schaffensprozeß beim Comicmachen vorstellen, und wie hast du "Nomaden" technisch umgesetzt?

Jan Vismann: Da "Nomaden" mein erster längerer Comic war, kann man sich vorstellen, daß das sehr holprig angelaufen ist. Am Anfang habe ich ohne Storyboard einfach drauflos gezeichnet – immer mit der Idee, der Story, im Hinterkopf. Den groben Plot hatte ich kurz vorher notiert. Das ging aber vom Zeitmanagement nicht lange gut. Dann habe ich erst einmal das Storyboard ganz grob runter gezeichnet und mich dann an die Reinzeichnung gemacht. Gezeichnet wurde analog mit Bleistift und digital am Rechner.

COMIC!: Wie brichst du deine Seitenarchtitektur in eine so abwechslungsreiche und dynamisch getaktete Einteilung wie bei "Nomaden" runter?

Jan Vismann: Ich habe mir ein Raster überlegt, mit dem ich sehr viele Freiheiten habe, wie ich die Seiten gestalte. Das hat sich bei "Nomaden" hinterher ausgezahlt. Manchmal ist man aber auch besser dran, wenn man sich limitiert. Dann ist das Raster gesetzt, und man kann sich auf die Geschichte konzentrieren. 

COMIC!: Welche Überlegungen hast du bei der Wahl des Farbschemas angestellt? Wolltest du damit das fremde Setting etwas übersichtlicher und zugänglicher gestalten?

Jan Vismann: Die zwei farbigen Papiere in "Nomaden" haben eine besondere Bedeutung. Die blauen Seiten spielen in der Gegenwart, während die rosafarbenen Seiten die Vergangenheit darstellen. Das ist ein kleiner Kniff gewesen, um dem Leser deutlich zu machen, daß hier in der Erzählung etwas anders ist, als auf den vorherigen Seiten.

COMIC!: Das Farbschema hat mich an die Technik der Viragierung im Stummfilm erinnert. Dort konnte eine Blaufärbung für nächtliche Aufnahmen stehen und rosa eingefärbte Sequenzen für verschiedene Gemütszustände. Wolltest du mit der monochromen Farbgebung bei "Nomaden" auch eine bestimmte Atmosphäre oder Stimmung erzeugen? Auf mich wirkte das fremde Setting auf den blauen Seiten beispielsweise ruhiger, übersichtlicher und auch zugänglicher, als wenn du die Welt in bunten Farben ausgemalt hättest.

Jan Vismann: Genau, ich wollte es möglichst schlicht halten, aber ganz auf Farbe verzichten wollte ich auch nicht. Ich habe lieber Pastelltöne gewählt, weil diese auf mich ruhiger wirken. Die Geschichte ist ja schon sehr wild, und man springt von einer Zeit in die nächste. Da sorgen die vollflächig gefärbten Seiten für etwas Ruhe.

COMIC!: Vor "Nomaden" hast du bereits eine Handvoll Kurzcomics in limitieren Auflagen und im Selbstverlag herausgebracht. Darin wird deutlich, daß die Materialität für dich eine wichtige Rolle spielt. Wie beziehst du unterschiedliche Papiersorten und Bindungen in deine Arbeit ein?

Jan Vismann: Das Papier und die Bindung sind mir schon sehr wichtig. Manchmal kommt das aus praktischen oder finanziellen Gründen einfach zu kurz. Ich achte aber darauf, daß meine Arbeiten auf gutem und passendem Papier gedruckt werden. Eine schöne Bindung, vielleicht sogar händisch, ist toll, aber kein Muß. 

COMIC!: Wie bist du zu solchen Zines gekommen, und was macht speziell dieses Format für dich aus?

Jan Vismann: Das tolle an Zines ist, daß mit wenig Geld und etwas Geschick eigene Kurzgeschichten produziert werden können. In der Herstellung kostet das nicht viel, nur Fleiß. Auf Comicfestivals sieht man haufenweise Comiczeichner mit DIY-Comics in limitierten Auflagen. Vielleicht macht das auch den Reiz aus – unabhängig zu sein.

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November 2016
Format: DIN A4
Umfang: 224 Seiten, davon 60 redaktionelle Farbseiten
Preis: EUR 15,25
ISBN 978–3–88834-947-8
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