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COMIC!-JAHRBUCH 2017

Bester Independent Comic:
"Tobisch" von Joachim Brandenberg

Interview von Carmen Jonas


1906 schreibt O. Henry, ein amerikanischer Schriftsteller, die Geschichte "Tobin’s Palm". Darin erwartet der irische Einwanderer Daniel Tobin seine Verlobte Kathy, die ihm nach New York gefolgt ist. Als die beiden sich jedoch verpassen, macht er sich auf die Suche nach ihr. Joachim Brandenberg hat diese literarische Vorlage adaptiert. Sein Comic "Tobisch" beschreibt den Rahmen des Originals, ist aber vom Beginn bis zum Ende der Geschichte Joachims eigenständiges Werk. Gefühlvoll, witzig, mit kreativen und handwerklichen Raffinessen ausgestattet, nutzt er jede Möglichkeit, die ihm Bild, Text und – Ton bieten, um "Tobisch" aus gängigen Comicrastern hervorzuheben, und seine Leser zu überraschen.


COMIC!: Wann ist in dir der Entschluß gereift, einen Comic zu gestalten?

Joachim Brandenberg: Vor etwa fünf Jahren begann mir mein Kurzfilm "Tobisch" Kopfschmerzen zu  bereiten. So langsam mußte ich einsehen, daß ich ohne ein Team aus Animatoren und Synchronsprechern niemals fertigwerden würde, und beschloß, das Medium zu wechseln. "Tobisch" hätte ein zwanzigminütiger Film werden sollen. Dann wurde er doch ein Comic. Aus dem nüchternen Grund, daß er nur so die Chance hatte, jemals fertigzuwerden. Anfangs fiel mir das schwer, vor allem wegen der Musik. Dann habe ich immer mehr gemerkt, was in einem Comic möglich ist, und mich damit angefreundet. 

COMIC!: Warum hast du eine 110 Jahre alte Geschichte als Vorlage für deinen ersten Comic gewählt?

Joachim Brandenberg: Ich habe eine Kurzgeschichtensammlung von O. Henry in die Finger bekommen und war einigermaßen begeistert. Ich weiß zwar, warum seine Geschichten heute nicht mehr gelesen werden, sie sind schlecht gealtert, ihr "überraschendes" Ende überrascht einfach niemanden mehr. Trotzdem mag ich die Charaktere in Henrys Geschichten sehr. "Tobin’s Palm" war nicht meine erste Wahl, aber als ich begonnen habe, die Figur Tobin und ihr kleines Abenteuer weiterzuentwickeln, hat sich alles verselbständigt.

COMIC!: Aus welchen Einzelelementen bestehen deine vielschichtigen Collagen?

Joachim Brandenberg: Alte Fotos. Neue Fotos. Texturen jeglicher Art: Papier, Kleidung, alte Bücher, Postkarten, ach eigentlich alles, was gebraucht wurde. Zeichnungen, analog und digital. Und das kommt dann alles in den Mixer, wird zerschnitten, neu arrangiert, separat bearbeitet und übermalt. Wäre "Tobisch" Musik, würde man sagen, er besteht größtenteils aus Samples. Auch wenn viele davon selbstgemacht sind. Die Technik ist schon irgendwie die gleiche.

COMIC!: Wie hast du die einzelnen Panels entwickelt?

Joachim Brandenberg: Die Panels selbst bestehen aus eingescannten alten Postkarten. Die mußte ich in Photoshop auf das Format bringen und die Ränder selbst noch mal als oberste Ebene obendrauf setzen, damit die schönen, ausgefransten Kanten auch zu sehen sind.

COMIC!: Woraus besteht der chronologische Arbeitsablauf der einzelnen Panels?

Joachim Brandenberg: Im ersten Schritt habe ich die Geschichte auf die etwa hundert Seiten aufgeteilt und dabei grob anskizziert. Dann kam die richtige Vorzeichnung, wieder mit Bleistift. Von da ab ging es am Rechner weiter: Die eingescannte Vorzeichnung ist die unterste Ebene, auf der in Hunderten, Tausenden von Ebenen zunächst die Formen der Objekte, dann ihre Strukturen und Texturen, schließlich Schatten und Lichtkanten hinzukamen. Immer wieder und überall habe ich mit dem digitalen Pinsel nachgeholfen. Durch dieses Drüberzeichnen haben sich die vielen Collage-Elemente erst zu einer Einheit verbunden.

COMIC!: Aus welcher Intention heraus hast du den Krummnäsigen, der Tobisch Glück bringt, mit dem Geburtsnamen O. Henrys, dem Autor von "Tobin’s Palm", ausgestattet?

Joachim Brandenberg: Der Krummnäsige heißt im Original Mr. Friedenhausman, seine Familie kommt aus Deutschland. Das hätte nicht zur Geschichte gepaßt. Ich wollte ein Kommunikationsproblem zwischen ihm und Tobisch, der kein Englisch kann. Also mußte ich seinen Namen (wie auch die von Johann und Tobisch, eigentlich John und Tobin) ändern. Henrys Geburtsname William Sydney Porter war perfekt, denn Friedenhausman hat viel mit O. Henry gemeinsam, wenn man von der Nasenform absieht. Er beschreibt ihn jedenfalls genau so, wie sich selbst, als Schriftsteller, der sich für die außergewöhnlichen Schicksale und schrulligen Charaktere der Stadt interessiert und ihnen Erzählungen widmet, während die geistige Elite New Yorks in dieser Zeit nur sich selbst feierte. Ward McAllister nannte sie: "The Four Hundred", denn mehr interessante Menschen hätte New York nicht zu bieten: "If you go outside that number you strike people who are either not at ease in a ballroom or else make other people not at ease". O. Henry sah das anders. Er fand, daß alle Menschen in New York interessant wären, ungeachtet des Standes und der Bildung. Daher heißt die Geschichtensammlung, in der auch "Tobin’s Palm" zu finden ist, "The Four Million", nach New Yorks (großzügig aufgerundeter) Einwohnerzahl. Die "Four Hundred" sollen sich, Augenzeugenberichten zufolge, übrigens doch ziemlich gelangweilt haben – unter sich. Tobisch platzt im Buch übrigens bei einem solchen Treffen in den Saal und darf sich selbst ein Bild davon machen.

COMIC!: Tobisch ist ein böhmischer Familienname. Was verbindet dich mit ihm?

Joachim Brandenberg: Böhmisch? Das wußte ich nicht. Ich wollte den irischen Namen "Tobin" nicht zu sehr ändern und habe mich an einen düsteren kleinen Laden im Heimatort meiner Mutter erinnert, in dem es auf ungefähr zehn Quadratmetern (in meiner Erinnerung) massenhaft Kleidung zu kaufen gab. Der hatte kein Ladenschild, war aber im Ort nach der Besitzerin als "Tobisch" bekannt. Solche Läden gibt es heute nicht mehr. Aber das ist ja umso passender für die Geschichte!

COMIC!: Es gab einen österreichischen Juristen namens Eduard Tobisch (1840–1927), dient er als Vorbild für deine Hauptfigur?

Joachim Brandenberg: Den kenne ich nicht. Anscheinens habe ich meine Namenskreation nicht mal gegoogelt. Der Name Eduard war eine schnelle Bauchentscheidung. In der Geschichte kommt sein Vorname sowieso nur ein Mal vor. Mein Tobisch wäre als Jurist im Übrigen auch überqualifiziert.

COMIC!: Warum hast du deinen Geburtsort Günzburg zu dem von Eduard Tobisch gemacht?

Joachim Brandenberg: Weil ich selbstverliebt genug bin, mich bei jeder Gelegenheit in den Mittelpunkt zu drängen. Ich komme ja noch viel öfter vor. Überall eigentlich. In den Gesichtern, fast alle Hände, Stofftexturen meiner Kleidung ... ich bin ein Exhibitionist! Zum Glück weiß das keiner.

COMIC!: Was haben ein Ire und ein Günzburger, außer ihrer Dickschädel gemeinsam?

Joachim Brandenberg: Tobin und Tobisch haben viele Gemeinsamkeiten, aber ich habe die Figur schon auch sehr verändert. Tobin ist streitsüchtiger als Tobisch, trinkt mehr und ist vermutlich etwas schlauer. Ein bißchen wenigstens. Tobisch verblüfft uns, weil er trotz seiner Naivität durchs Leben kommt und Dinge schafft, von denen manche Zeitgenossen nur träumen konnten. 

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November 2016
Format: DIN A4
Umfang: 224 Seiten, davon 60 redaktionelle Farbseiten
Preis: EUR 15,25
ISBN 978–3–88834-947-8
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