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COMIC!-JAHRBUCH 2017

Der US-Comicmarkt
Filmboom und neue Strategien

Von Max Vähling


Im Juni 2016 feierte der US-Comichandel seinen umsatzstärksten Monat seit 1997. Und bereits Anfang des Jahres vermeldeten die Marktblogs ICv2 und Comichron in ihrem gemeinsamen Jahresbericht, daß der Gesamtumsatz der Branche über einer Milliarde Dollars gelegen hatte – zum ersten Mal seit 1993. Es scheint, als habe der US-Markt die Krise der letzten Jahre überwunden.

Die Erfolgsmeldungen basieren auf Vorbestellungen der Händler beim Großvertrieb Diamond, geben also nicht die wirklichen Verkäufe wieder. Allerdings erfaßt Diamond diese Vorbestellungen schon so lange, daß sie sich ebensogut zum Vergleichen eignen wie die Verkaufszahlen. So wurden im Juni 8,5 Millionen Exemplare der erfolgreichsten 300 Hefte bestellt – gegenüber dem Juni 2011, auf dem Höhepunkt der Krise, eine Steigerung von 42 %.
Der neue Erfolg verdankt sich, neben der Erschließung neuer Vertriebsmöglichkeiten und der gesteigerten Aufmerksamkeit für Comicgenres durch Film und Fernsehen, sicher auch einer Öffnung gerade der großen Verlage für neue Inhalte und Perspektiven.


Der Heftmarkt: Neue Strategien

Ein Teil des gestiegenen Umsatzes dürfte auf die ebenfalls gestiegenen Heftpreise zurückzuführen sein. Die Hefte des Marktführers Marvel liegen mit 4,99 $ (in Ausnahmefällen auch mal 5,99 oder, einmal, 9,99) noch über dem Marktschnitt von ca. 3,80 $. Aber vielleicht ist es auch ein Zeichen für einen gesunden Markt, wenn man sich solche Preise leisten kann. Insgesamt bestellten die Comichändler 2015 98 Millionen Hefte. Das sind 6,54 % mehr als 2014 und 33 % mehr als 2010.
Einsamer Spitzenreiter 2015 war Marvels Star Wars Nr. 1 vom Januar mit über einer Million Bestellungen (das zweitplazierte Secret Wars Nr. 1 kam nur auf 590.000). Diesen Spitzenwert erreichte Marvel nicht allein in den Comicläden, sondern durch neue Vertriebswege und Synergien. So gingen einige hunderttausend Exemplare direkt über Loot Crate weg, ein Abosystem, das ursprünglich für Kleidungsstücke gedacht war. Für einen Festpreis erhält man regelmäßig eine Kiste mit Kram, den man behalten oder zurückgeben kann. 2015 hat auch IDW diese Vertriebsmöglichkeit für Orphan Black Nr. 1 genutzt – immerhin das viertplazierte Heft des Jahres und das einzige IDW-Heft in den Top 100.
Andere neue Marktsegmente erschließt Marvel durch die Zusammenarbeit mit dem Jugendbuchvertrieb Scholastic und die Disney-Stores, in denen zwar nur ein Teil des Marvel-Programms verkauft wird, der aber an Menschen, die nicht unbedingt in Comicläden gehen. Daß Marvel zu Disney gehört, ist auch der Grund, weshalb die Lizenz für die «Star Wars»-Comics 2015 von Dark Horse an Marvel zurückgegangen ist.
Natürlich ist «Star Wars» sowieso immer eine lohnende Bank. Daß der Marktanteil von Dark Horse 2015 von etwa fünf Prozent auf unter vier gesunken ist, dürfte nicht zuletzt auch am Verlust dieser Lizenz liegen.
Dem Marktzweiten DC merkt man an, daß er nicht auf vergleichbare Synergien zurückgreifen kann, allerdings berappelt er sich auch. Miniserien wie DC Bombshells und Dauerbrenner wie Batman machen ihren Teil aus, aber auch interessante neue und überarbeitete Titel wie das neugestaltete Batigrl und die schräge Harley Quinn-Serie haben dem Verlag einiges an Aufmerksamkeit verschafft. In diesem Jahr dürfte das verlagsweite Event Rebirth, das die New 52 von 2011 mit dem regulären DC-Universum zusammenführen soll, einiges an Raum wettmachen.


Relaunches und Eventcomics

Daß die Toptitel fast allesamt die Nummer eins ihrer jeweiligen Serie sind, liegt in der Natur der Sache – die meisten Comicserien fallen nach dem ersten Heft ab, wenn von den ursprünglich nur neugierigen Käufern diejenigen übrigbleiben, die das erste Heft überzeugt hat. Irgendwann nach fünf bis zehn Heften pendeln sie sich auf dem Niveau ein, auf dem sie dann bleiben, wenn auch immer noch mit leichtem Schwund, weil immer mal jemand abspringt.
Die große Ausnahme ist Robert Kirkmans The Walking Dead, das sich als einziger Comic im dreistelligen Nummerbereich stabil bei etwa 80.000 Exemplaren hält (mit Ausnahme der Nr. 150, die den Umsatz mit vier Variantcovers, darunter einem vom ursprünglichen Zeichner der Serie, Tony Moore, vedoppeln konnte). Die einzigen annähernd vergleichbaren Serien 2015 sind Batman, dessen New 52-Reihe von 2011 im letzten Jahr zwar nur Heftnummern in den unteren Vierzigern erreichte, diese aber bei einer Auflage von regelmäßig über 100.000, und Justice League (ca. 80–100.000). Von den anderen Titeln über 100.000 Bestellungen schafften es gerade mal Star Wars, Darth Vader und Amazing Spider Man über Nr. 10.
Fairerweise muß man dazu sagen, daß die meisten Serien bei den «Big Two» auch gar nicht so weit kommen. Außerhalb der auf 52 Monate angelegten New 52 werden die meisten Serien nach ein, zwei Dutzend Exemplaren immer wieder neu gestartet, wenn es sich nicht sowieso um zeitlich begrenzte Miniserien handelt. Der Trend ist nicht neu: Seit 2006 halten sich die Relaunches mehr oder weniger stabil auf so hohem Niveau, daß 2011 nicht mal die New 52 stark ins Gewicht fielen.
Der erhoffte Effekt, daß mit diesen Neustarts der Leserschwund aufgefangen wird, ist allerdings ein eher vorübergehender, denn die Zahlen normalisieren sich nach dem Start eines neuen «Volumes» schnell wieder auf etwa dem alten Niveau.
Oft erfolgen die Reboots im Rahmen von verlagsweiten Neustarts aller oder vieler Serien, etwa nach großen Crossover-Events, die das Universum neu ordnen: zuletzt DC You (2015, nach Convergence), All-New, All-Different Marvel (2015, nach Secret Wars) und was auch immer dieses Jahr nach dem Rebirth-Event bei DC kommt und nach dem Civil War II bei Marvel.
Die Taktik, mit Crossover-Events die zerstreute Aufmerksamkeit der Leser zu bündeln und das frisch geweckte Interesse auf die dadurch veränderten Titel zu lenken, gibt es seit Jahren, und man kann ihrer überdrüssig werden – Bleeding Cools Rich Johnston spricht von «event fatigue» und zählt alleine bei Marvel 14 Events seit 2005 (noch ohne Civil War II), davon alleine drei 2014.
In den Verkäufen scheint sich diese Ermüdung aber nicht niederzuschlagen. Secret Wars fiel zwar nach der durch Loot Crate gepolsterten Nummer 1 erwartungsgemäß ab, hielt sich dann aber zwischen 145.000 und 210.000 Vorbestellungen (das sind gewissermaßen zwei Batmans), und DC gelang es im Juli 2016 dank Rebirth, den sonstigen Marktführer Marvel hinter sich zu lassen.

Auf den Geschmack gekommen?
Weiterlesen im COMIC!-Jahrbuch 2017
Links zum Artikel

Quellen und Literatur

John Jackson Miller, Milton Griepp: Comics and Graphic Novel Sales Top $1 Billion in 2015

Comichron: 2015 Comic Book Sales Figures

Comichron: June 2016 Comic Book Sales Figures

Brian Hibbs: Looking at Bookscan: 2015

David Harper: Relaunches, Reboots, and Rebirths: Comic Books and the Industry’s Growing Obsession with Recency, Sktchd

Rich Johnston: Deconstructing Comics. A Unit Share Anlysis of Marvel's Events, Bleeding Cool News

David Gabriel: Interview, ICv2
Teil 1 von 3

Heidi MacDonald: Comics and Diverse Characters: Where the Sales Are

Victoria McNally: Why 2016 Is the Year to Stop Pretending Women Aren't Geeks

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November 2016
Format: DIN A4
Umfang: 224 Seiten, davon 60 redaktionelle Farbseiten
Preis: EUR 15,25
ISBN 978–3–88834-947-8
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