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COMIC!-JAHRBUCH 2016

Sonderpreis der Jury für eine
bemerkenswerte Comicpublikation
"Ach, so ist das?!" von Martina Schradi

Interview von Clemens Heydenreich


COMIC!: Homosexuelle Lebensweisen als Thema des Comics – ganz naiverweise könnte man da sagen: Aber das ist in Deutschland doch nichts Neues. Was würdest du jemandem antworten, der von deinem Projekt "Ach, so ist das?!" zum ersten Mal hört, sich weder mit dem Gegenstand noch mit dem Medium besonders auskennt und dich fragt: "Braucht es das denn noch? Ist das nicht das, was dieser Ralf König schon seit Jahrzehnten macht?"

Martina Schradi: Das ist mir immer ein bißchen peinlich, wenn ich mit dem großartigen Ralf König verglichen werde. Ich denke, das sind zwei Paar Stiefel: Unser bzw. mein Ansatz ist ein ganz politischer, würde ich sagen, es kam von vornherein eher darauf an, vorhandene Klischees abzubauen. Da sehe ich den Unterschied: Ralf König spielt ja mit diesen Klischees, ganz satirisch, und nimmt sowohl das Hetero- als auch das Homo-Publikum auf den Arm. Das ist ja das Tolle und Geniale an ihm. Mein Ansatz ist aber eher der, solche Klischees zu dekonstruieren.

COMIC!: Hast du da vielleicht sogar schon eine Art Rückkoppelung zwischen Kunst und Leben festgestellt – ich meine: Mußtest du gar schon Klischees dekon-struieren, die die Leute gar nicht im Kopf hätten, wenn sie nicht Ralf König gelesen hätten?

Martina Schradi: (Lacht) Das kann ich nicht beurteilen. Aber auf jeden Fall gibt es zu diesem Thema in der Öffentlichkeit eben so feste Bilder. Wenn wir nur mal an CSDs denken, und wie darüber berichtet wird: Da sieht man immer so schrille Leute, oft in Lederkla-motten oder gekoppelt mit irgendwelchen SM-Figurationen. Das ist ja das, womit auch Ralf König arbeitet, sehr lustig und humorvoll. Aber das spiegelt eben nur einen Teil der LGBTI-Community wider. Da gibt es auch jede Menge Leute wie du und ich, mit all ihren Macken zwar, aber die ein ganz durchschnittliches Leben führen. Das Besondere an unserem Projekt ist, zu zeigen, was für Absurditäten die manchmal erleben, nur weil sie in einem Merkmal ein bißchen anders sind als die große Mehrheit.

COMIC!: Was an diesem Projekt war für dich etwas Neues – etwas, das du so noch nie gemacht hattest?

Martina Schradi: Eigentlich alles! Sowohl von der Herangehensweise, wildfremde Leute zu interviewen und mit ihnen Biographiearbeit zu machen, als auch von der Comicarbeit. Überhaupt: Solch ein großes Comicprojekt hatte ich vorher nie gemacht, ich hatte nur kleinere Comics im Eigenverlag herausgebracht. Kurzgeschichten von 10 bis 15 Seiten in DIN-A-5-Heftchen, die einfach Alltagsstorys und sowas erzählten ...

COMIC!: ... also: fiktionale und keine dokumentarischen? ...

Martina Schradi: ... ja, genau. Auch das Dokumentarische war für mich völlig neu.

COMIC!: Das Projekt wurde gefördert von einer Stiftung des Bundesfamilienministeriums namens "Toleranz fördern – Kompetenz stärken", und zwar als erstes Projekt zum Thema "LGBTI". Worin bestand diese Förderung, und wie kamt ihr darauf, sie zu beantragen?

Martina Schradi: Wir haben sie beantragt vor dem Hintergrund, daß wir politische Arbeit im deutschsprachigen Raum leisten und daß wir, um das pädagogisch auch verbreiten zu können, finanzielle Unterstützung brauchen. Darauf hat sich die Förderung hauptsächlich bezogen – wir haben Zuschüsse bekommen, um die Wanderausstellungen zu finanzieren und um Flyer und Printmaterial und die Webseite zu machen. Das ist ja so ein Programm zum Abbau von Diskriminierungen, und Grund für die Zusage war, daß unser Projekt ziemlich einzigartig dastand, sowohl von der Zielgruppe als auch vom Ansatz her. Ein Vorteil für uns war dann übrigens: Daß auf ihm ein offizieller Stempel vom Familienministerium draufstand, hat uns auch einen gewissen Schutz geboten, wenn unser Projekt angegriffen und kritisch gesehen wurde. Dann konnten wir immer sagen: Das ist im Rahmen von dem-und-dem Programm eine wichtige Arbeit, die wir da leisten.

COMIC!: Wie seid ihr an eure Interviewpartner herangekommen?

Martina Schradi: Da habe ich erst mal im Freundeskreis herumgefragt, dann gab es Pressemitteilungen, und nachdem es durch die Presse ging, haben sich unheimlich viele Leute gemeldet, die mitmachen wollten. Leider konnten wir nicht alle berücksichtigen und mußten auswählen.

COMIC!: Das, wofür du nun den ICOM-Preis bekommen hast, ist ja nun das Buch, das im Zwerchfell Verlag erschienen ist. War es von Anfang an Ziel des Projekts, bei einer Buchpublikation zu landen, oder ging es erst einmal peu à peu und als "work in progress" voran?

Martina Schradi: Eher Letzteres. Die Ausstellungsarbeit war am Anfang das ganz große Ziel, und dann bekam ich den Eindruck, daß sich die Geschichten doch auch zusätzlich für eine Publikation gut eignen würden. Und dann hat sich schnell der Kontakt zum Zwerchfell Verlag ergeben: Ich habe unter Bekannten herumgefragt, und [der Comic-Blogger, Anm. C.H.] Andi Preller hat gemeint, ich könnte doch mal bei Zwerchfell anklopfen; das habe ich gemacht, und die Anfrage stieß auf offene Türen, weil das Projekt übers Internet vorab schon recht bekannt geworden war. Die haben sich gefreut und sofort "Ja" gesagt.

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Martina Schradi
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Dezember 2015
Format: DIN A4
Umfang: 264 Seiten, davon 24 redaktionelle Farbseiten
Preis: EUR 15,25
ISBN 978–3–88834-946-1
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