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COMIC!-JAHRBUCH 2016

Der britische Comicmarkt

Von Paul Gravett
Aus dem Englischen von Marcus Kirzynowski


1990 habe ich auf dem Internationalen Comic-Salon Angoulême eine Ausstellung mit dem Titel «God Save The Comics!» kuratiert, eine der Eröffnungsausstellungen im brandneuen Centre National de la Bande Dessinée et de l’Image, eröffnet vom damaligen Kulturminister Jack Lang. 25 Jahre später freue ich mich, berichten zu können, daß sich die britischen Comics auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts einer guten Gesundheit und vitalen Vielfältigkeit erfreuen – trotz einiger anderslautender Gerüchte und Fehlwahrnehmungen über den derzeitigen Zustand und Status des Mediums. Diese Verwirrungen beruhen zum Teil auf der eigentümlichen Position des Vereinigten Königreichs, das geographisch näher an Kontinentaleuropa liegt, aber kulturell – mit Sicherheit, was die Comics betrifft – wesentlich näher an den USA.

Die spezielle Comic-Beziehung zwischen Großbritannien und Amerika reicht weit zurück. Sobald unsere Einfuhrembargos aus dem Zweiten Weltkrieg in den späten 50ern aufgehoben worden waren, wurden Bündel zufällig zusammengestellter unverkaufter amerikanischer Comichefte, mit Schnüren zusammengebunden, als Ballast in den Laderäumen der Frachtschiffe benutzt, die den Atlantik überquerten. Wie exotische Artefakte in die britischen Zeitschriftenläden gespült, wurden sie in die untersten Fächer der Drehständer gestopft. Viele Leser britischer Comics wie ich selbst mögen amerikanische Comics zuerst über ihre Schwarzweiß-Nachdrucke entdeckt haben, aber sobald sie die vierfarbigen Originale in die Finger bekamen, gab es kein Zurück mehr. Kein Wunder, daß britische Comicfans in erster Linie Fans amerikanischer Comichefte wurden, und daß für so viele die größte Ambition ist, ihre amerikanischen Lieblingsfiguren zu zeichnen oder für sie zu schreiben.

Ein langhaariger Londoner namens Barry Smith bereitete den Weg dafür, indem er 1968 nach New York flog, mit wenig Geld, aber großen Träumen, die Marvel-Helden zu zeichnen, die er verehrte und bislang als Pin-Ups auf den Backcovern des britischen Reprint-Wochenmagazins FANTASTIC gezeichnet hatte. Als illegaler Einwanderer, darauf angewiesen, auf einer Parkbank in Manhattan zu schlafen, bewies Smith Durchhaltevermögen und erlangte letztlich Aufträge für «The Avengers», «X-Men», «Daredevil» und schließlich «Conan the Barbarian». In letzterem Fall half es, daß Smith so begie-rig war, daß er ein niedrigeres Seitenhonorar akzeptierte, weil Marvel zusätzlich für die Lizenz bezahlen mußte, um Robert E. Howards Pulp-Helden zu adaptieren. Steve Parkhouse und Paul Neary hatten ihren Durchbruch ebenfalls etwa zu dieser Zeit. Dieses Trio sollte die Vorhut für eine voll ausgebrochene British invasion in den 80ern bilden, als DC Dave Gibbons, Brian Bolland und später Alan Moore von den britischen Magazinen 2000AD und WARRIOR abwarb. Seitdem hat das Arbeiten für den allmächtigen Dollar vielen britischen Comicmachern ermöglicht, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, insbesondere als Gelegenheiten in der Heimat nach der Krise der frühen 90er und dem Zusammenbruch von Robert Maxwells Verlag Fleetway rar wurden.

Deshalb ist es verzeihlich, wenn Sie britische Comicmacher hauptsächlich, wenn nicht gar ausschließlich, wegen ihrer bekannteren und oft in hohem Maß innovativen und erfolgreichen amerikanischen Arbeiten kennen, in die sie oft einen gewissen anarchischen Geist und die frische Perspektive eines Außenseiters einbringen. Die Sicht ist vertretbar, daß Comics wie «Hellblazer», «Scarlet Traces» oder «League of Extraordinary Gentlemen», obwohl sie in Amerika veröffentlicht wurden, im Grunde durch und durch britische Comics sind. Beispielsweise ist es schwer vorstellbar, wie amerikanische Leser sich in etwas so verschrobenes und in britisch-asiatischem Leben verwurzeltem wie «Vimanarama» von Grant Morrison und Philip Bond einfühlen könnten. Auf den Spuren von Neil Gaiman, James Robinson, Grant Morrison, Peter Milligan, Mark Millar, Garth Ennis und Warren Ellis hält diese transatlantische Liebesbeziehung bis heute an, wobei der Schwerpunkt weiterhin darauf liegt, noch mehr britische Szenaristen wie David Hine, Kieron Gillen, Tony Lee, Nick Spencer, Paul Cornell, Andy Diggle, Dan Abnett und Anthony Johnston anzuwerben. Für diese, wie auch eine ganze Reihe talentierter Zeichner wie Dougie Braithwaite, Frank Quitely, Sean Phillips, Frazer Irving und Christian Ward, sichert das den Lebensunterhalt, und auch wenn man oft mit den Spielzeugen von jemand anderem spielen muß, kann man seine Spuren an ihnen hinterlassen, diese Marken am Leben erhalten und vielleicht einen Teil der Tantiemen abbekommen. Einige dieser Künstler und andere wie Mark Buckingham, Andi Watson, Warren Pleece, Simon Gane und Jamie McKelvie haben an eigenen Schöpfungen gearbeitet, zum Beispiel für Verlage wie DC Vertigo, Marvels Icon, Oni, Slave Labor oder woanders, und das Glück gehabt, auch von einigen willkommenen Urheberrechten zu profitieren.

Die Präsenz von Briten im amerikanischen Comic ist unleugbar und substantiell, aber das soll nicht heißen, daß es heute keine heimischen Comics Made in Britain mehr gebe – ganz im Gegenteil. Unsere eigene Veröffentlichungslandschaft, in Buchhandlungen, Comicshops, im Zeitschriftenhandel und online, ist aufregend vielfältig. Gelegenheiten sind reichlich vorhanden, von lange etablierten Veteranen bis zu brandneuen Mitbewerbern, von großen Unternehmen bis zu kleinen, aber lebhaften Firmen, von allgemeinen Presse- und Literaturverlagen bis zu Spezialisten für Graphic Novels, von Programmen für Kinder bis zu solchen für Erwachsene.

Wenn wir anfangen, indem wir uns die Regale der Zeitschriftenläden des Landes ansehen, findet man dort immer noch Qualität, auch wenn die Anzahl und die Verkaufszahlen von Comics nur noch ein Schatten vergangener Hochzeiten sind, als EAGLE fast eine Million Exemplare verkaufen konnte und THE BEANO sogar zwei Millionen überschritt. Aus Dundee in Schottland kommend, gelang es D.C. Thompsons humoristischen Wochenmagazinen THE DANDY und THE BEANO, ihren 75. Geburtstag zu erleben. Leider schaffte es ein Relaunch von THE DANDY von einem glatten, weitgehend comicfreien vierzehntägigen Magazin zurück zu seinen Wurzeln als wöchentlicher Comic, mit wiederbelebten Geschichten über berühmte Comedians und TV- und Filmparodien sowie einer Reihe neuer Cartoonisten, die außerhalb des gewohnten Hausstils arbeiteten, nicht, es vor sinkenden Verkaufszahlen zu bewahren und auch seine Umwandlung in ein digitales Format rettete es nicht. THE BEANO kämpft bis heute als populäres Wochenmagazin weiter. Andere Kindertitel sind meistens lizensierte Tie-Ins (zu TV- oder ähnlichen Figuren), aber selbst unter all diesen, mit ihren aufs Cover geklebten Spielzeugbeilagen, gibt es erstklassige Comics, wie etwa John Ross’ im Zeichentrickstil gezeichnete «Doctor Who Adventures» (BBC) oder Lorna Millers verrückte «Moshi Monsters» (SkyJack).

Eine traurigere Nachricht ist das durch die Schuldenkrise verursachte vorzeitige Ende von THE DFC (oder THE DAVID FICKLING COMIC, benannt nach seinem vor Temperament übersprudelnden, mit einer Fliege bekleideten Herausgeber) im Mai 2010, weniger als ein Jahr nach seinem groß angekündigten Start als reines Abomagazin und bevor es vollständig im Pressehandel vermarktet werden konnte. Die gute Nachricht ist, daß THE DFC ein eindrucksvolles Aufgebot neuer Schöpfer von All-Ages-Comics hervorgebracht hat, von deren Serien viele jetzt in gesammelter Form als ansehnliche Hardcover-Alben französischer Art bei David Fickling Books erscheinen. Beispielweise haben der Bühnen-Autor Ben Haggarty und der Filmdesigner Adam Brockbank in der mystischen, hypnotisierenden Serie «MezoLith» eine der besten All-Ages-Phantasien des modernen Comics geschaffen. Und die andere gute Nachricht ist, daß der intelligente junge Redakteur von THE DFC, Ben Sharpe, für drei Jahre die Finanzierung gesichert hat, um ein neues wöchentliches Kindermaga-zin herauszugeben, treffend THE PHOENIX genannt, das am 7. Januar 2012 aus der Asche aufgestiegen ist. Erhältlich im Abonnement, in der Supermarktkette Waitrose und einigen Buchhandlungen und Comicshops, überschritt es 2014 die 150. Ausgabe und begann, seine beliebtesten Serien in gesammelter Form als Bücher zu veröffentlichen. Immer wieder ist bewiesen worden, daß computerspielende, internetsurfende Kinder, obwohl sie vielleicht nicht mit Comics aufgewachsen sind, diese enorm lieben, wenn sie ihnen denn gezeigt werden. Einst gescholten, Analphabetentum, Unmoral und sogar schlechte Augen zu befördern, sind Comics inzwischen von Organisationen wie The Reading Agency, The Book Trust und sogar The School Librarians’ Association [Verband der Schulbibliothekare] als effektive Werkzeuge empfohlen worden, um unwillige Leser zu motivieren. 2014 bekam dieses Anliegen Unterstützung durch eine neue Wohltätigkeitsorganisation, Comics Literary Awareness oder CLAW, und die Ernennung von Dave Gibbons zum ersten britischen Comic-Preisträger.

In der Zwischenzeit hat, während der Rest von uns im Jahr 2015 lebt, das Science-Fiction-Wochenmagazin 2000AD, Heimat des Techno-Cops «Judge Dredd», seltsamerweise nie seinen Namen geändert. Nachdem es vom Spielentwickler Rebellion aufgekauft worden war, hatte es Überlegungen gegeben, den Titel vielleicht auf 3000AD upzudaten, aber er ist zu einer so beliebten Marke bei den Fans geworden, daß die Idee fallengelassen wurde. Wie ein zehnjähriges Kind auf einen futuristischen Comic reagiert, der in einem Jahr spielt, in dem es noch nicht einmal geboren war, ist eine andere Frage. Man muß sich ins Gedächtnis rufen, daß sich IPC, als 2000AD 1977 startete, nicht vorstellen konnte, daß einer seiner taumelnden Titel länger als ein paar Jahre überdauern würde. Das Wochenblatt balanciert zwischen dem zarjaz1 Nervenkitzel von «Dredd» und «Slaine» und sogar einem wiederbelebten Dinosaurier wie dem Amokläufer «Flesh» von Pat Mills und James McKay sowie scrotnig1 neuen Serien wie «Greysuit» von Mills und John Higgins, «Dandridge» von Alec Worley und Warren Pleece oder «Stickleback» von Ian Edginton und D’Israeli. Außerdem gibt es das monatliche JUDGE DREDD MEGAZINE und für ältere Leser das konstant rauhe, obszöne und krude VIZ sowie – verschwunden, aber nicht vergessen – Mark Millars CLINT, das zwischen seine importierten Serien zumindest ein wenig einheimischen Inhalt einstreute. Comics tauchen auch in anderen Magazinen auf, wie etwa Hunt Emersons «Firkin the Cat» (immer noch in FIESTA) oder «Phenomenomix» in FORTEAN TIMES.

Was an heutigen Zeitungsständen fehlt, ist hingegen irgendetwas für ältere Leser, das genauso alternativ, progressiv und sogar provokant ist wie etwa CRISIS (1988–91), DEADLINE (1988–95) oder vorher schon ESCAPE (1983–89), stark vermißte Magazine, die geholfen haben, ihre Generationen zu prägen. Dieser Mangel kann zum Teil durch die diabolische Forderung an Verleger erklärt werden, hohe Vorleistungs-Gebühren an den dominierenden Vertrieb und Betreiber der Einzelhandelskette WHSmith zu bezahlen, allein dafür, daß die ihre Periodika auf einer hoch riskanten «Verkauf-oder-Remission»-Basis anbietet. Sogar noch mehr Geld ist nötig, um die Titel prominent im Laden zu plazieren oder im Schaufenster zu bewerben. Man vergleiche das zum Beispiel mit Frankreich, wo NMPP landesweiten Vertrieb für jedermann garantiert, vorausgesetzt, man druckt ausreichend Exemplare und das Magazin ist nicht obszön oder illegal. Zum Glück kann Innovation an anderen Orten durch das Netzwerk der Comic-shops entstehen, seien es Ketten, wie Forbidden Planet, Forbidden Planet International und Travelling Man, oder Einzelläden wie Gosh! in London, Plan B in Glasgow, Dave’s Comics in Brighton und Page 45 in Nottingham, die Produkte über den Vertrieb Diamond Distributors UK auf einer Fixgeschäft-Basis ohne Rückgaberecht verkaufen, was für die Ohren jedes Verlegers magisch klingt.

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Dezember 2015
Format: DIN A4
Umfang: 264 Seiten, davon 24 redaktionelle Farbseiten
Preis: EUR 15,25
ISBN 978–3–88834-946-1
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