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COMIC!-JAHRBUCH 2016

Hörb Schröppel (1951–2014)
Ein Porträt

von Achim Schnurrer


Der Gründung der Edition Kunst der Comics im Jahre 1988 ging eine intensive Phase der Vorbereitung voraus. Alles begann etwa anderthalb Jahre früher, als sich Hörb Schröppel und ich nach dem Aufbau der Ausstellung «Die Welt der Bilderfrauen» in Schwäbisch Hall auf dem Rückweg Richtung Erlangen befanden. Die Ausstellung war einige Monate zuvor für den zweiten Internationalen Comic-Salon in Erlangen entstanden und wanderte nun durch etliche andere Städte. Die zweite Auflage des Salons hatte eindrucksvoll gezeigt, daß eine solche Veranstaltung mehr war als nur ein Strohfeuer, sondern daß sie das Potential besaß, sich zum wichtigsten Ereignis in Sachen Comics im deutschsprachigen Raum zu entwickeln. Bereits nach dem ersten Salon waren Hörb und ich mit der von Riccardo Rinaldi und mir kuratierten Ausstellung «Die Kunst der Comics» durch etliche Städte von Hannover bis Innsbruck getourt.

Zum ersten Mal traf ich Hörb Schröppel 1980. Damals dachte noch niemand an den Erlanger Comic-Salon. Trotzdem kam es zu einer für den späteren Salon sowie für die Entstehung der Edition Kunst der Comics gleichermaßen entscheidenden Initialzündung. Und wieder hatte sie etwas mit einer Ausstellung zu tun. Diesmal handelte es sich um «Die Kinder des Fliegenden Robert», eine Ausstellung, die ich zusammen mit Hartmut Becker für den Kölnischen Kunstverein erarbeitet hatte und die nun ihrerseits in der Städtischen Galerie Erlangen Station machte. Zu den Mitarbeitern des städtischen Kulturamts, die jene zum Teil sehr wuchtigen, großen Rahmen, in denen die kleinteiligen Exponate zusammengestellt worden waren, an die Wände der Ausstellungsräume im Palais Stutterheim brachten, gehörte Hörb Schröppel. Er studierte damals Ur- und Frühgeschichte sowie Archäologie an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen, genauso wie seine Lebensgefährtin Ilse Achatz. Karl Manfred Fischer, der Leiter des Erlanger Kulturamts, besaß ein untrügliches Gespür dafür, wann er es mit engagierten und kreativen Menschen zu tun hatte. Als Hörb ihn auf der Suche nach Jobs zur Finanzierung seines Studiums kennenlernte, bekam er etliche Aufgaben anvertraut. Neben Ausstellungsauf- und -abbau war das nicht zuletzt auch die zeitweilige Leitung des «Kulturtreffs» in der Helmstraße, neben dem Palais Stutterheim gelegen, an das sich die Veteranen des Salons und der vom ICOM organisierten Vorläuferveranstaltungen noch gut erinnern können. Seit 1984 betreute Hörb dann die Messe-Planung für den Comic-Salon, eine logistische Herausforderung, die er mit Bravour meisterte.

Neben vielseitigen künstlerischen Interessen verfügte Hörb seit früher Jugend über großes praktisches Geschick, konnte mit den unterschiedlichsten Materialien und Werkzeugen umgehen und fühlte sich in seiner zupackenden Art von keiner Aufgabe überfordert. Im Gegenteil – je unmöglicher es sich anhörte, was realisiert werden sollte, umso stärker fühlte er sich herausgefordert und umso begieriger machte er sich an die Problemlösung und Realisierung.

Damals mitten in der Nacht auf einer Autobahnraststätte irgendwo zwischen Schwäbisch Hall und Nürnberg fragte er mich, wie gut meine persönlichen Kontakte zu den Comic-Zeichnern seien, deren Werke beim ersten und zweiten Comic-Salon gezeigt worden waren. Das war eine ähnliche Frage, wie sie mir 1985 der Druckereibesitzer Günter Hofmann gestellt hatte, als er mehr aufgenötigt denn gewollt, die beiden Comic-Magazine U-COMIX und SCHWERMETALL übernommen hatte, deren Chefredakteur ich wurde, nachdem ich diese Frage wohl zufriedenstellend beantwortet hatte.

Hörb wies auf die schon damals recht umfangreiche Sammlung der Erlanger «Grafothek» hin, in der viele Blätter, in den meisten Fällen numerierte und signierte Druckgraphiken zeitgenössischer Künstler, zu finden waren. «Genau so etwas bräuchte es auch bei Comics. Hochwertige, mit künstlerischen Drucktechniken hergestellte Blätter. Glaubst du, so was würde sich verkaufen – in Deutschland?» «Möglich, aber wissen würde man das erst, nachdem man es versucht hat.» Und zwar ernsthafter als die beiden von Chris Scheuer und Matthias Schultheiss signierten Blätter, die ich kurz zuvor in Eigenregie herausgebracht hatte. Das war als Test zu wenig gewesen, um wirklich aussagekräftig zu sein. Hörb ging es um mehr: neben Einzelblättern auch um Portfolios, um Objekte, um ausgefallene Comic-Alben im Grenzbereich von Kunst und Kommerz.

«Warum machst du das nicht bei Alpha?» Ich erwiderte, daß mein Vorstoß, von einigen Alben limitierte Vorzugsausgaben zu machen, denen kleinformatige signierte Drucke beilagen, trotz des Erfolgs von Hofmann skeptisch gesehen wurde. Sein vordringlicher Wunsch bestand darin, seine Druckmaschinen mit hochauflagi-gen Objekten auszulasten. Aufwendig produzierte Bücher oder gar Einzelgraphiken, von denen maximal 500 Stück hergestellt wurden, paßten nicht in dieses Konzept. «Könntest du dir denn vorstellen, neben Alpha, unabhängig von Alpha, wirklich gut gemachte Comic-Kunst herauszubringen?»

Im Grunde rannte er bei mir mit diesem Vorstoß offene Türen ein. Ich wußte schon nach wenigen Monaten bei Alpha, wie limitiert die Möglichkeiten dort waren. Das bezog sich nicht nur auf verlegerische Experimente, sondern selbst auf Fragen der graphischen Gestaltung der Magazine und Alben. Doch trotz meines Freiberufler-Status’ konnte ich nicht so einfach einen neuen, eigenen Verlag gründen.

Ich machte Hörb deshalb zuerst keine großen Hoffnungen, fragte aber bei nächster Gelegenheit Günter Hofmann, ob er ein Problem darin sähe, wenn ich neben der Arbeit für Alpha Comic künstlerisch hochwertige Produktionen in einem eigenen Verlag herausbringen würde, Alpha könne ja mit dem Vertrieb dieser Objekte ebenfalls profitieren. Zu meiner Überraschung stimm-te er ohne langes Zögern zu, unter der Bedingung, weiterhin dafür zu sorgen, daß die Magazine und Alben reibungslos gedruckt werden könnten. Im Nachhinein denke ich, daß ihm mein von Hörb initiierter Vorstoß sogar ganz recht war. Gut möglich, daß er schon damals daran dachte, Alpha Comic irgendwann zu verkaufen.

Kaum hatte ich Hörb und Ilse darüber informiert, begannen bei Hörb die Ideen zu sprudeln. Wir planten, die Edition Kunst der Comics 1988 beim dritten Comic-Salon erstmals öffentlich zu präsentieren. Zu den Highlights sollten «Comics in kleinen Dosen» gehören.

Hörb sammelte seit Jahren Tomatenmarkdosen und konnte stundenlang erzählen, wann er wo welche Dose gefunden hatte. Tatsächlich wurde einem erst beim Anblick seiner Kollektion bewußt, wie vielfältig die Gestaltung dieser kleinen Blechdinger war. Die Idee war großartig, ausgefallen und würde für Gesprächsstoff sorgen. Doch ungeahnte Schwierigkeiten hätten die Reali-sierung beinahe verhindert. Tomatenmarkdosen werden nur jenseits der Alpen, hauptsächlich in Italien von einigen wenigen Dosenfabriken hergestellt, in denen sie auch bedruckt werden. Die Auflagen der Blechdrucke beginnen bei etwa hunderttausend Stück. Nach vielen Telefonaten und einigen Italien-Reisen bekamen wir heraus, daß es auch Tomatenmark-Abfüller gab, kleine Familienbetriebe, die neutrale, unbedruckte Dosen bekamen, die nach der Befüllung mit einer farbigen Papiermanschette beklebt wurden. Wie es ein glücklicher Zufall wollte, hatte eins dieser Unternehmen knapp zehntausend Dosen übrig. Das bewegte sich in einer realistischeren Größenordnung. Und sie waren bereit, nach der Reinigung ihrer Maschinen auch kleine Comic-Büchlein in sie zu füllen. Damit begannen die nächsten Schwierigkeiten. Hofmann hatte bisher noch nie derart kleine Bücher im Format von ca. zwei mal vier Zentimetern hergestellt. Aber auch die technischen Probleme beim Falzen und Binden wurden gelöst. Blieb noch die Sache mit dem Zoll. Die Freizügigkeit des Warenverkehrs in der EU war noch Zukunftsmusik. Die Miniaturdrucksachen mußten ausgeführt, durch Österreich nach Italien transportiert und, in die kleinen Dosen verpackt, wieder zurückgebracht werden. Es dürfte für die beteiligten Zollbehörden ein ziemlich einmaliger Vorgang gewesen sein, doch auch hier fanden sich dank der Hartnäckigkeit von Hörb und Ilses freundlicher Bestimmtheit Wege, diese bürokratischen Hürden zu meistern.

Ich konnte fünf Künstler gewinnen, uns Material für die Miniatur-Comics zur Verfügung zu stellen: Gerd Bauer, Walter Moers, André Franquin, Hoviv und Gotlib. Ein weiteres Büchlein enthielt eine copyrightfreie Bildergeschichte von Wilhelm Busch

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Dezember 2015
Format: DIN A4
Umfang: 264 Seiten, davon 24 redaktionelle Farbseiten
Preis: EUR 15,25
ISBN 978–3–88834-946-1
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