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COMIC!-JAHRBUCH 2016

«Liedermacherfans waren keine Nerds»
Interview mit Burkhard Ihme

von Nikolaus Gatter


Eine der profiliertesten Mehrfachbegabungen alsComiczeichner, Texter und Komponist mit Bühnenerfahrung ist der langjährige ICOM-Vorsitzende und Herausgeber dieses Jahrbuchs, Burkhard Ihme. Geboren und aufgewachsen in Stuttgart, gehörte er vor dreißig Jahren der zweiten Liedermachergeneration nach den «Waldeck»-Festivals an. Während bei den meisten Kollegen unprofessionelle Eigenwerbung und -vermarktung dominierten, studierte Ihme an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste; seine Erfahrung im Bereich Graphik und Graphik-Design wurde ihm für Plattencover und Plakate nützlich. Aus Cartoons, die er zu Programmheften und Szenezeitschriften beisteuerte, ging die Comicfigur Reino hervor.
Reinos eher freudloses Dasein als Liedermacher verwickelt ihn regelmäßig in groteske und dystopische Abenteuer, die nicht selten in von dunklen Mächten gesteuerten Katastrophen oder im totalitären Überwachungsstaat enden. Makaber bis absurd waren auch manche Lieder, die Burkhard vorzutragen pflegte: Mal läuft ein schwärmerischer Balzversuch auf die Androhung von Gewalttaten hinaus, mal treibt ein Serienmörder, nachdem alle Tötungsphantasien ausgelebt sind, als Architekt seine Opfer in den kollektiven Selbstmord. Starker Tobak, der zu Gelächter, mitunter aber auch zu Widerspruch und Protest im Publikum reizte. Der Reino-Humor lebt hingegen von wiedererkennbaren Ritualen und Stereotypen der linken BRD-Szene, zu deren kulturellen Ausdrucksformen die Liedermacherei gehörte. Zugleich machen Burkhard Ihmes Comics den Eindruck eines unendlichen Maskenspiels. Überraschende Enthüllungen treiben die Handlung voran, der Schluß führt fast immer zur großen «Verwandlung». Zitate aus der Populärkultur, Filmszenen, literarische und politische Anspielungen sorgen für Komik bei mitdenkenden Lesern.
Ein langjähriger Wegbegleiter Ihmes, der Ex-Liedermacher und «Dilbert»-Übersetzer Nikolaus Gatter, stellte die Fragen.


COMIC!: Wer dich als Musiker, Liedermacher und Komponisten kennengelernt hat, der nebenbei Graphik studiert, stellte spätestens in den frühen 80er Jahren fest, daß es Comics von dir gab. Wie hast du selber die Prioritäten gesetzt?

Burkhard Ihme: Sehr unterschiedlich, je nach Zeitpunkt. Im Studium blieb ja Zeit für andere Interessen. Und manchmal fiel es auch zusammen: Das Lied «Aktzeichnen» [siehe COMIC!-Jahrbuch 2013] schrieb ich für ein Kabarett, das sich an der Akademie der Bildenden Künste gründen wollte, aber über die ersten Sitzungen nicht hinauskam. Und bei Akademiefesten hatte ich auch Gelegenheit zu Auftritten, neben Kommilitonen wie Thomas Felder (schwäbischer Liedermacher), Shmuel Reblaus (den kennt heute keiner mehr, auch nicht das Internet) und Thommie Bayer. Das Cover meiner Langspielplatte bei pläne (1979) hab ich als Semesterarbeit gestaltet. Ich mußte mich nur selten zwischen den beiden Bereichen entscheiden. 1984 fand ein
Treffen der AG Song (der Arbeitsgemeinschaft der Liedermacher) in Essen zeitgleich mit dem ersten Comicsalon in Erlangen statt. Als ich dagegen 1981 an meiner Diplomarbeit, einem Trickfilm, arbeitete, bekam ich beim Victor-Jara-Treffen auf Burg Wahrberg ein Zimmer mit einem Leuchttisch, an dem ich in den Pausen und abends weiter an der Animation arbeiten konnte.

COMIC!: Welche musikalischen Einflüsse haben dich geprägt?

Burkhard Ihme: Bach, Kurt Weill und die Beatles (und wenig davon ist in meinen Liedern zu hören). Aus meiner Kindheit kann ich mich eigentlich nur an drei Schlager erinnern: «Marina, Marina» (Leo Leandros und das Original von Rocco Granata), «Schnaps, das war sein letztes Wort» (das ich nie im Original von Willy Millowitsch hörte, sondern im Kindergarten von einem anderen Jungen lernte) und «Zwei kleine Italiener». Zu Hause hatten wir Klassik und «Wolfgang Mozart, von Gott geliebt», den Montanara-Chor («Jenseits des Tales standen ihre Zelte») und den «River Kwai Marsch». Später kamen dann eine Platte mit Pfadfinderliedern und «Hai und Topsy» (internationale Folklore) dazu. Mein damaliger Klassenkamerad Friedbald Rauscher ist Jazzmusiker, das hat, neben meinem Gitarrenlehrer, der mir den Major-Sieben-Akkord beibrachte, die Musik, die ich komponiert habe, sicher beeinflußt. Eigentlich wollte ich immer so was machen wie Fabian Lau, wie ich zwanzig Jahre später feststellte.

COMIC!: Und die eigentlichen «Liedermacher»? War Georg Kreisler dein Vorbild?

Burkhard Ihme: Kreisler ist ganz wichtig. Obwohl ich ihn, als ich 1971 anfing, noch gar nicht kannte und mehr – wie viele andere – von Reinhard Mey beeinflußt war. Mit der Liederschreiberei ging es damit los, daß ich mit 16 Jahren das halbstündige Theaterstück «Der Doppelmörder» schrieb, stark an die Dreigroschenoper angelehnt und mit Verweisen auf Fernsehserien (und das in der Waldorfschule!), das Friedbald Rauscher vertonte. Bei meinem zweiten Werk, «Dichters Erdenwallen», über einen Besuch Goethes in der Gegenwart, saß dann Kuno Schmid (ein mittlerweile weltbekannter Jazzpianist und damals 15) am Klavier. Und von da an werkelte ich alleine.

COMIC!: Warst du selbst auf der Waldeck [berühmtes Folk- und Liedermacherfestival im Hunsrück]? Welche Festivals waren für deinen Werdegang entscheidend?

Burkhard Ihme: Beim ersten Waldeck-Festival war ich zehn Jahre alt, beim letzten zwar schon 15, ich hatte aber noch nie davon gehört (abgesehen von einem Halbsatz auf dem Plattencover von Hai und Topsy). Das erste Festival, das ich besuchte, war 1974 «Song Lied Chanson» in Ingelheim. In den folgenden Jahren war ich noch auf Festivals in Tübingen, Mainz, Gießen, Lennestadt, Göppingen, beim «Festival der Jugend» in Dortmund, bei einem Liedermachertreffen in Solothurn und auf Einladung der SdAJ dreimal beim «Festival des Politischen Liedes» in Ostberlin und hab überall viele tolle Leute kennengelernt. Aufgetreten bin ich auf der «Harlekinade» in Ludwigshafen (was mir eine Notiz in SOUNDS einbrachte, und wo mir später meine Gitarre gestohlen wurde), in einem kleinen Saal und mit einem Lied auf der Hauptbühne in Tübingen beim «Folk- und Liedermacher-Festival» (wo ich von Anfang an im Organisationskomitee saß und bis 1979 das Programmheft gestaltete), 1976 beim «Open Ohr Festival» in Mainz im Hauptprogramm vor 5.000 Leuten, weil ich einen Texterwettbewerb gewonnen hatte, direkt nach Clannad und vor Hannes Wader (zumindest war das so geplant; er trat dann nicht auf, weil das Publikum wegen der Lärmschutzbestimmungen und der deshalb verweigerten Zugabe von Clannad rebellierte) und beim Nürnberger Bardentreffen (1976 bis 1979). Und natürlich immer wieder bei Treffen der AG Song und bei einem Benefizkonzert zu deren Gunsten in Offenbach 1981, für das ich das Plakat gestaltet habe. Außerdem war ich als einziger Teilnehmer bei allen elf Victor-Jara-Treffen (1977–1988) auf der Burg Wahrberg bei Aurach (Raum Nürnberg), einer siebentägigen Veranstaltung mit Workshops, Diskussionen und Konzerten von und mit bis zu 300 Teilnehmern. Keine Festivals, aber erwähnenswert: Auftritt im Mainzer Unterhaus, zusammen mit Gerd Dudenhöffer u.a., und 1984 im ARD-Abendprogramm als Teilnehmer des «Talentschuppen».

COMIC!: Erste Gedichte hast du mit acht geschrieben,
mit siebzehn bereits zwei Theaterstücke. Noch vor dem Graphikstudium hattest du ein eigenes Liedprogramm. Wie erfolgreich war das?

Burkhard Ihme: Ein ganzes Liedprogramm hatte ich damals noch nicht. Ich hatte bis 1974 zwar etwa 50 Lieder geschrieben, dann aber eingesehen, daß sie nicht gut genug waren, und nur wenige davon jemals live vorgetragen. Und die Lieder, die ich seit 1974 schrieb, reichten lange nicht, um damit einen ganzen Abend zu bestreiten. Das war einer «Karriere» nicht förderlich. Und als ich ein Programm hatte, war es mittlerweile viel schwieriger geworden, Auftritte zu bekommen. Richtig schlechte Erfahrungen hab ich aber, im Gegensatz zu Reino, eigentlich nicht gemacht. Auftritte vor sechs Leuten hatte ich allerdings auch, die blieben dann aber bis zum Schluß.

COMIC!: Deiner LP «Sie meinen es ja gut mit uns» (veröffentlicht 1979, pläne 88 143) lag eine Druckgraphik bei, die das Titellied illustriert. Nicht viele haben eine solche Doppelbegabung. Verrät dein literarisches Werk den bildenden Künstler?

Burkhard Ihme: Das wird man bei Thomas Felder und Thommie Bayer und natürlich Arik Brauer (einem Wiener Maler und Liedermacher) wohl ausgeprägter finden. Ich habe meine Werke nicht aus meiner zeichnerischen Sicht der Welt geschöpft, sondern versucht, Texte zu schreiben, die an das handwerkliche Können von Kästner, Tucholsky und Kreisler heranreichten (sie hatten also eher was von Satire und «neuer deutscher Sachlichkeit» ). Die Druckgraphik sollte übrigens eigentlich aufs Cover, das hat pläne abgelehnt. Ich hab dann auf eigene Kosten 2.700 Exemplare selber im Siebdruck angefertigt.

COMIC!: Ich zitiere eine von dir geschaffene Kunstfigur, den Liedermacher Reino, und stelle (wie er in Band 2] «die Frage aller Fragen: Wie bist du zum Comic-Zeichnen gekommen?»

Burkhard Ihme: Ich habe schon mit vier Jahren Geschichten gezeichnet. Und als ich dann durch mein erstes MICKY-MAUS-Heft, das ich zur Einschulung bekam, die Comics entdeckte, blieb ich dabei. Ich hab danach fast nie mehr etwas «einfach so» gezeichnet. Entweder gehörte etwas zum Studium, hatte einen praktischen Nutzen (wie bei Plakaten) oder es erzählte einen Gag oder eine Geschichte – was für meine zeichnerische Entwicklung vielleicht nicht förderlich war. Üben gehört leider auch dazu.

COMIC!: 1975 trat Reino als Stripserie in der Fachzeitschrift FOLKmagazin auf. Warst du auch sonst für das Heft tätig, hattest du nicht zuvor schon Titelzeichnungen gemacht?

Burkhard Ihme: Jürgen Becker, der ein Folksongmeeting in Kirchheim organisierte, drückte mir 1974 ein paar Hefte des FOLKmagazins (1972 als SING IN gegründet) in die Hand. Ich hab der Redaktion dann gleich einen Bericht von der «Harlekinade» und einen Haufen Zeichnungen geschickt, die dann als Vignetten
zu den Artikeln verwendet wurden. Mein erstes Cover (Dietrich Kittner) und die Vignetten erschienen in der Nummer 1/1975, die erste Folge von «Reino» in der 2/1975.

COMIC!: Die meisten Folgen waren Vorabdrucke aus «Reino – Ein kleiner Leitfaden für Liedermacher.» Die eher negative Bewertung bei einer Umfrage mag damit zusammenhängen, daß das FOLKMAGAZIN vor allem von Musikern gelesen wurde, deren Kulturnische nicht allzu freundlich dargestellt wird. Auf dem Titel 3/75 sieht man Reino von Mikrophonen umstellt ...

Burkhard Ihme: Ich hatte gleich 27 Strips auf einen Schlag gezeichnet. Später gab es dann noch das Titelbild mit Reino und ein Poster, das dem Heft 7/75 beilag. Ein Abdruck außerhalb des Heftes war da nicht geplant. Später trat Reino dann noch im Programmheft des Tübinger Festivals, im FOLKMICHEL und im MUSIKBLATT auf (dazu kamen zahlreiche Cameo-Auftritte in meinen anderen Comics). Die Kritik an «Reino» war zum Teil damit verbunden, daß so der kostbare Platz (das Heft hatte 40–48 Seiten) verschwendet wurde. Meine Titelzeichnungen belegten in der Umfrage Platz 2.

COMIC!: «Leitfaden für Liedermacher», das klingt nach dem Vorsatz, den Liedermachern didaktische Handreichungen zu geben. Reino hat auch Bernhard Lassahns Texter-Workshop in der EISERNEN LERCHE illustriert. Verbindest du mit der Figur pädagogische Absichten?

Burkhard Ihme: Meine pädagogischen Intentionen habe ich nicht im «Leitfaden» ausgelebt. Da habe ich die 27 Strips einfach durch lehrreich klingende, durch den Strip dann eher konterkarierte Slogans zusammengekleistert. Für die EISERNE LERCHE habe ich einen Beitrag über das Metrum beim Liederschreiben geschrieben, den ich auch einmal bei der AG Song vorgetragen habe, ohne auf große Einsicht zu stoßen. Metrum und Reim waren da den Leute schlicht egal. Zu dem Text stehe ich aber auch noch heute, nur ein paar Ergänzungen wären möglich. Da es in den Beiträgen in der LERCHE ums Liederschreiben ging, bot sich Reino zur Illustrierung ja an. Warum extra was Neues erfinden?

COMIC!: Kaum war Reino auf der Comicbühne etabliert, wurde er auch schon Filmstar, in einer Adaption der Berichte über die fiktive Rock-Supergruppe «Silchers Rache» und ihrer sog. «Folk-Oper» (vgl. Bernhard Lassahn in «Du hast noch ein Jahr Garantie», texte verlag tübingen, und Thommie Bayer in «lieder-folk-kleinkunst-READER» der edition trèves, beide 1978). Wo hast du diesen Film aufgeführt?

Burkhard Ihme: Es gibt zwar einen kurzen Reino-Film, in dem er demonstriert, wie schwierig es ist, mit dem Grundgesetz unterm Arm aufzutreten (eine häufig gestellte Forderung in den 70er Jahren), aber in «Silchers Rache» wirkt er nicht mit. Der Film entstand 1979 als Semesterarbeit. Bernhard Lassahn und Thommie Bayer, die Erfinder und Chronisten der Band (neben Thomas C. Breuer), deren «Mitglieder» sie auch waren, konnte ich für Synchronaufnahmen gewinnen. Entstanden ist der Film aus der Idee, die Schwierigkeiten bei den Rechten für die Musik zu umgehen, denn für Film müssen die extra erworben werden (anders als für die Verwertung in Funk, Fernsehen und Schallplatte, wo es genügt, die GEMA-Gebühren zu bezahlen). So enthält der Film die Lieder «Der letzte Cowboy [kommt aus Gütersloh]» und «Das Lied von der Unmittelbarkeit» von Thommies Platte «Abenteuer», jeweils von Bernhard Lassahn getextet. Den Film hab ich meinem Professor gezeigt (der ihn nicht verstand) und dann gelegentlich bei Auftritten von mir (bis die Kopie in Rüsselsheim von einem defekten Projektor geschreddert wurde). Bei späteren Filmen hat Friedbald Rauscher die Musik beigesteuert (zum Teil, indem ich die 1972 in 250er Auflage zugunsten unseres Schulbaus gepreßte Single «Root Meeting» des New Spring Trios – Rauscher, Kuno Schmid, Mathias Haller, Cover von mir – verwendete).

COMIC!: «Reino» ist siebenmal als Album erschienen, davon fünf durchkomponierte Graphic Novels und zwei Episodensammlungen. Hast du hierfür den Buch Musik und Film Verlag gegründet?

Burkhard Ihme: «Reino und das Geheimnis der Stradivari» entstand im Studium, als die Trickfilmkamera defekt war und ich nicht an meinem Film «Filmriß» weiterarbeiten konnte. Die Geschichte wurde im MUSIKBLATT abgedruckt. 1982 hatte ich dann die glorreiche Idee, ein Album davon herauszugeben, und gründete dazu den Buch Musik & Film Verlag (in dem halboffiziell auch das COMIC!-Jahrbuch erscheint, glaubt man der ISBN).

COMIC!: Vor allem die kurzen Episoden handeln von einem glücklosen Liedermacher der Nach-Waldeck-Ära, der in einer ruppigen WG wohnt, auf Kleinkunstbühnen vor wenigen Zuschauern spielt und fast keine Platten verkauft. Wieviel Ihme steckt in Reino?

Burkhard Ihme: In Reino selber gar nicht so viel (zumindest sind die Lieder, die Reino singt, absichtlich sehr schlecht, und ich habe ihm auch nicht die eigene Sicht auf die Liedermacherszene in den Mund gelegt), aber das Ambiente ist, abgesehen von der WG, zum großen Teil selbst erlebt.

COMIC!: Der erste «Reino»-Album (1982) hatte ein klassisches Musikthema, die chemische Formel für die Lackierung einer Stradivari. Schon Nr. 2, «Im Schatten des Schwarzen Falken», hatte mehr mit Politik zu tun, allerdings spielen die damals zuerst aufkommenden rechten Liedermacher (z. B. Gerd Knesel) eine Rolle, und das Finale ist ein Soli-Konzert der Friedensbewegung. Wie schwierig ist es, musikalische Plots zu finden?

Burkhard Ihme: Eigentlich ist «Das Geheimnis der Stradivari» ein Krimiplot. Und die Tatsache, daß Reino zunehmend Abenteuer außerhalb der Liedermacherszene erlebt («Der Schrecken der Galaxis» spielt im Weltraum), ist der Erkenntnis geschuldet, daß die Liedermacher und ihr Publikum keine Comics (zumindest nicht meine) lesen und das Comicpublikum wenig mit Liedermachern anfangen kann.

COMIC!: In den «Reino»-Alben wird nicht nur musiziert, häufig werden auch Musikinstrumente zum Leitmotiv. Ein WG-Mitglied beißt auf ein Metallplektrum im Müsli, mehrmals greift der Held in Notsituationen auf sein praktisches Capodastro zurück, das unter Verweis auf frühere Alben kommentiert wird. Zeichnest du deine Comics für Musiker?

Burkhard Ihme: Ich hoffe natürlich immer, daß die Leser meine Gags verstehen, nehme darauf aber nur bedingt Rücksicht. In «Die letzte Plage der Menschheit» (dem Band mit den One-pagern aus der Liedermacherszene) gibt es zum Beispiel eine Anspielung auf «Der Apfel ist ab», einen Film, den Helmut Käutner, einer
der «Vier Nachrichter», 1948 nach dem letzten Programm der 1935 verbotenen Kabarettgruppe (der zeitweise auch der Komponist von «Lilli Marleen» angehörte) drehte. Den Film kannte schon 1983 kein Mensch mehr.

COMIC!: Anfangs konstatierte die COMIXENE, daß «Schwarzweiß-Kontraste meist fehlen». Später, z. B. im «Todessumpf von Bongo Malongo» und im «Schrecken der Galaxis» tauchst du den Pinsel tiefer ins Tintenfaß. Anfangs kam Reino ungelenk daher und wurde immer beweglicher, gipfelnd in der Verfolgungsjagd des Portfolios «Zwischen Himmel und Tod». Später figuriert die Gestalt noch einmal unter dem Namen «Trubadux» als Sidekick des Sensationsreporters Ray Clark in dessen
parodistischer Piccolo-Serie. Trubadux ist allerdings Fotograph, kein Liedermacher (mehr?). Wie siehst du selbst die Entwicklung, die Reino gestalterisch und biographisch durchmacht?

Burkhard Ihme: «Ray Clark» ist der Legende nach eine 1952 in Italien entstandene Serie. Reiner «Trubadux» Dux sieht Reino also nur rein zufällig zum Verwechseln ähnlich. Anfangs war «Reino» noch sehr rough gezeichnet, wurde dann cleaner (und damit noch ungelenker), und ab 1983 versuchte ich, mit Pinsel zu arbeiten, was mir zunehmend besser gelang (in Band 3 nur sparsam eingesetzt, in Band 4 intensiver, was für einige Deformationen der Figuren führte, ab Band 5 dann schon ganz ansehnlich). Zur Biographie von Reino hab ich mir nie viele Gedanken gemacht. Die einzige Entwicklung ist, daß er den Führerschein macht (was bei seinem großen Gastauftritt in «Die grüne Eisbombe» verheerende Folgen hat).

COMIC!: Während Musik normalerweise im Comicstrip entweder «als störend oft empfunden» und oft nur onomatopoetisch dargestellt ist, läßt du deinen Helden ausgefeilt-gereimte Texte und durchkomponierte Melodien singen.

Burkhard Ihme: Reino ist ein sehr schlechter Liedermacher, aber schlechte Reime wären unter meiner Würde gewesen. Allerdings ist bei seinen Melodien die Notation das größere Kunststück (zum Teil hab ich auch einfach die Melodie der parodierten Werke von Kollegen übernommen). Das Notenschreiben üben konnte ich auch beim FOLKBUCH 8 («Lied 77/78»), das ich zusammenstellte und gestaltete, und einer Reihe von Liederplakaten mit eigenen Liedern und einem Lied von Fasia Jansen (letzteres für den ASSO-Verlag).

COMIC!: Populärmusik treibt in deinem Krimi-Album «Renn um dein Leben» die Handlung voran: Ein zynischer Literaturkritiker deckt eine Mordserie auf, die sich u. a. auf zahlreiche Details aus der Karriere der Beatles bezieht. Die Namen der Opfer ähneln Titeln von Beatles-Songs. Eine zentrale Szene, in der das Schema des Serientäters enthüllt wird, spielt in einem Schallplattenladen.

Burkhard Ihme: Eine hochdramatische Szene, in der der Kritiker im Plattenladen steht (ja, damals gab es noch die großen runden Dinger aus Vinyl mit aufwendig gestalteten Plattenhüllen), während gleichzeitig die Kommissare Richartz und Weimann in einem gefährlichen Einsatz einen Anschlag auf das Gaswerk verhindern. Inspiriert ist die Geschichte von dem Film «Im Zeichen der Jungfrau» mit Kevin Kline, in dem ein Frauenmörder nach der Melodie von Neil Sedakas «Calendar Girl» Ort und Tatzeit auswählt. Ich habe mich redlich bemüht, das noch weiter zu überdrehen, aber «Im Zeichen der Jungfrau» ist in dieser Hinsicht kaum zu toppen.

COMIC!: Lassen sich Parallelen zwischen den Liedermacherfans der 80er Jahre und den Comicfans seit der Jahrtausendwende ausmachen?

Burkhard Ihme: Liedermacherfans waren ja keine
Nerds, sondern Leute, denen eine politische Aussage
oder Poesie wichtig und die Schlager zu dumm waren,
und Liedermacher wurden damals auch regelmäßig im Radio gespielt. Als in der SDR-Sendung «Plattentest» noch redaktionelle Vorschläge gemacht wurden, belegten Liedermacher immer wieder vordere Plätze in den Abstimmungen (als das Konzept dahingehend geändert wurde, daß die Leute einfach schreiben sollten, was sie gern hören wollen, kumulierten sich die Stimmen auf die aktuellen Hits). Eine ähnliche Abgrenzung vom Profanen kann man heute vielleicht bei den Lesern anspruchsvoller Graphic Novels erkennen. Wenn man bösartig ist, kann man also postulieren: Liedermacher konnten kein Instrument spielen, und Graphic-Novel-Autoren können nicht zeichnen. Zumindest nach Meinung der Schlager- und der Comicfans.

COMIC!: «Schöne Bilder aus einer verkehrten Welt», so hat Bernhard Lassahn auf der Plattenhülle deine Lieder beschrieben. Das erinnert an Michail M. Bachtin und seine Ästhetik des Karnevalistischen als Volkskunst, die keine Rampe braucht: Läßt sich das auf deine Comics übertragen?

Burkhard Ihme: Das mußt du beantworten, ich lese mich jetzt nicht extra in die Ästhetik des Karnevalistischen ein. Aber meine Herangehensweise an Lieder und Comics ist nicht sehr unterschiedlich. Meine Lieder sind überwiegend Rollenlieder, sie sind fast immer in der Ich-Form geschrieben, aber dieses Ich ist eine Kunstfigur, die die Aussage transportieren soll, aber nie direkt ausspricht. Die Helden meiner Comics sind ebenfalls Rollen, mal mehr, mal weniger konträr zu meinem Charakter. Reino ist zwar ein schlechter Liedermacher, aber ein netter Typ mit verträglichen politischen Ansichten. Mick Baxter dagegen ist ein zynisches Arschloch. Und Reginald W. Spotherworth-Moulder («Entscheidung am Nudo Coropuna») ist Engländer und spielt Golf.

COMIC!: Heinz Mees [der Herausgeber des FOLKMAGAZIN] wiederum definiert deine Comics als «gezeichnetes Kabarett». Wieviel Gesellschaftskritik steckt in Reino?

Burkhard Ihme: Ohne mich darauf festnageln lassen zu wollen: Ein bißchen wohl immer, und manchmal etwas mehr – wie in «Im Schatten des Schwarzen Falken». Das «Kabarett» bezieht sich ja explizit auf das Spielen mit den Wissenszusammenhängen der Leser. Das ist dann oft eher auf der Ebene von Kabarett-Titeln wie «Denn sie müssen nicht, was sie tun», «Warten auf Niveau» oder «Reich ins Heim» (Programme der Münchner Lach- und Schießgesellschaft) oder bei mir «Die letzte Plage der Menschheit».

COMIC!: Machst du selber noch Lieder? Denkst du an ein Comeback?

Burkhard Ihme: Ich schreibe noch gelegentlich Lieder, vertone aber nicht mehr alle Texte (mir sind die Akkorde ausgegangen, und der eigene Anspruch übersteigt mein Können). Emmi und Herr Willnowsky haben immerhin ein Lied von mir im Programm. Und einem Comeback stehen zwei Dinge entgegen: Ich kann mir seit zwanzig Jahren keine Texte mehr merken. Und meine Stimme ist infolge fehlender Praxis einfach weg. Ich müßte wohl ein halbes Jahr Gesangsunterricht nehmen. Und wo soll ich auftreten? Auf YouTube, wie unser Kollege Gerd Schinkel?

Auf den Geschmack gekommen?
Weiterlesen im COMIC!-Jahrbuch 2016

Links zum Artikel

Texte von Burkhard Ihme
Fast biographischer Lebenslauf
Urlaub mit Meckermann
Urlaub mit Meckermann (Katinka Koschka)
Phantomschmerz (Text)
Phantomschmerz (Vertonung von Stefan Noelle)
Ein bißchen Gewalt
Ich bin genau wie du (Sonett)
Rationelles Lied
In meinen Träumen
In meinen Träumen (Demoaufnahme)
Komm doch zurück zu mir
Gullivers Reisen
Birdland
Aktzeichnen
Dialog (übersetzung, Original von Maxime LeForestier)
Es ist nicht, was du denkst
Silvester (von der LP "Sie meinen es ja gut mit uns)
Schwarz und Weiß
Wenn ich nach Hause komm

Website Burkhard Ihme
Für wen wir singen Vol. 4

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Dezember 2015
Format: DIN A4
Umfang: 264 Seiten, davon 24 redaktionelle Farbseiten
Preis: EUR 15,25
ISBN 978–3–88834-946-1
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