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COMIC!-JAHRBUCH 2015

Herausragendes Artwork:
«Pimo & Rex» von Thomas Wellmann

Interview von Stefan Svik

Thomas Wellmann wurde 1983 im Münsterland geboren und lebt in Münster. Sein Comic-Debüt war «Der Ziegensauger» (lobende Erwähnung beim ICOM-Preis 2012), es folgte «Renés Meditationen» und 2014 «Pimo und Rex», für den es beim Comic Salon in Erlangen den ICOM-Preis für herausragendes Artwork gab. Alle drei Bücher erschienen bei Rotopolpress.


COMIC!: Lieber Thomas, herzlichen Glückwunsch zum ICOM-Preis 2014 für «Herausragendes Artwork» in «Pimo & Rex»!

Thomas Wellmann: Vielen Dank! Der Preis hat mich sehr gefreut!

COMIC!: Du bist gerade in Finnland. Ist das ein Resultat des Preises, hat er dir also bereits mehr Aufmerksamkeit gebracht, oder besteht da kein Zusammenhang?

Thomas Wellmann: Da besteht kein Zusammenhang, da ich schon vor der Preisvergabe nach Helsinki zum Comicfestival eingeladen wurde.

COMIC!: Welche Künstler haben dich beeinflußt?

Thomas Wellmann: Christophe Blain, Joann Sfar, Mawil und zeitgenössische nordamerikanische Zeichner wie Michael Deforge sind wichtige Vorbilder für mich.

COMIC!: Farbe ist offensichtlich ein sehr starkes Element in «Pimo & Rex». Wäre es in Schwarzweiß überhaupt denkbar gewesen?

Thomas Wellmann: Ja, bestimmt, aber Farbe ist geiler.

COMIC!: Welche Funktion hat die Farbe in «Pimo & Rex»?

Thomas Wellmann: Farbe benutze ich gern, um verschiedene Stimmungen zu erzeugen.

COMIC!: Es gibt Elemente von Fantasy, Science-Fiction und Western in «Pimo & Rex». Sind das Genres, die du besonders magst, oder war das erst der Anfang von wei-teren Geschichten mit den beiden Figuren, die dann eventuell in anderen Welten spielen?

Thomas Wellmann: Bei «Pimo & Rex» stehen die Figuren im Vordergrund, ich möchte nicht, daß die Welt so viel Raum einnimmt wie in klassischer High-Fantasy. Die Figuren entstanden zuerst und dann nach und nach die Umgebung. Es sind weitere Geschichten in Arbeit, diese sollen aber alle in der selben Welt stattfinden.

COMIC!: Wie kam das Thema Homosexualität in den Comic?

Thomas Wellmann: Es geht im Buch nicht um Homosexualität, sondern um Leo und Rex, die in einer harmonischen Beziehung leben.

COMIC!: Ist es dir ganz recht, daß einige Leser – ich eingeschlossen – eventuell erst mal «überfordert» mit den Bildern und der Geschichte sind? Braucht man Hintergrundwissen, um alle Details begreifen zu können?

Thomas Wellmann: Puh, keine Ahnung. Wie gesagt mache ich die Geschichte hauptsächlich, weil sie mir gefällt. Und wenn sie dann fertig ist, freue ich mich, wenn sie auch anderen gefällt. Bisher hatte ich eigentlich nicht den Eindruck, daß der Comic auf den ersten Blick überfordert. Aber es ist sehr interessant, wie unterschiedlich es aufgenommen wird. Insgesamt mache ich das, weil es mir Spaß macht.

COMIC!: Wie hast du dein Handwerk, das Zeichnen und Schreiben erlernt? Kannst du bestimmte Lehrbücher (etwa von Will Eisner oder Stan Lee) empfehlen?

Thomas Wellmann: Ich habe schon immer gezeichnet und mir durch das Zeichnen an sich alles selbst beigebracht. Lehrbücher lese ich kaum.

COMIC!: Du unterrichtest im Fachbereich Design der Fachhochschule Düsseldorf und der Fachhochschule Münster als Dozent für «Zeichnung», «illustratives Gestalten» und «digitale Illustration» und gibst Seminare und Workshops für Kinder und Erwachsene zum Thema «Comic/Graphic Novel». Tauschst du dich mit anderen Lehrern aus?

Thomas Wellmann: Ja, ich arbeite gern mit anderen zusammen, mit den Illustratoren Nadine Redlich und Max Fiedler etwa bespreche ich immer wieder Ideen für Kurse und Workshops.

COMIC!: Können Fleiß und Ehrgeiz fehlendes Talent wettmachen? Haben wir in Deutschland immer noch zu sehr das Bild vom genialen Künstler, als der man geboren wird, obwohl man ja längst alles studieren und erlernen kann: Schauspieler, Diplom-Schriftsteller etc.?

Thomas Wellmann: Ich glaube nicht so recht an Talent. Und es gibt auch keinen richtigen Weg, um etwas Künstlerisches zu machen. Studieren muß man dazu nicht unbedingt, aber ich glaube, daß ein ehrliches Interesse da sein muß um zu lernen.

COMIC!: Arbeitest du linear und chronologisch oder nach dem Lustprinzip, also etwa heute den Mittelteil, morgen den Schluß des Comics?

Thomas Wellmann: Relativ unterschiedlich, wobei ich etwa den «Ziegensauger» Seite für Seite geschrieben habe, ohne zu wissen, wie die Geschichte zu Ende geht. Mittlerweile bin ich bei ziemlich allen Geschichten so weit, daß ich sie vorher genau konstruiere oder plane.

COMIC!: Was kann ein Comic, das ein Film oder ein Buch nicht kann?

Thomas Wellmann: Ein Comic ist ein stilles Medium, anders als der Film. Es sind Bilder drin, deshalb gibt es auch einen visuellen Eindruck, anders als beim Text. Ein Computerspiel ist interaktiv, ein Comic ist eine Einbahnstraße. Man kann sich beim Comic aber eigentlich aussuchen, welches Bild man zuerst angucken will. Aber man kann auch einen Text wild querlesen. Das macht dann sicher keinen rechten Sinn. Filme kann man auch spulen oder sich zuerst das Ende anschauen.

COMIC!: Über deine Comiceinflüsse hast du schon gesprochen, haben dich auch bestimmte Games beeinflußt?

Thomas Wellmann: Seit einigen Jahren ist es im Spielebereich sehr spannend, speziell bei den Spielen aus dem Independent-Bereich, die extrem unterschiedliche Geschichten erzählen und verschiedene Stimmungen haben. Das gab es früher in diesem Medium noch nicht, und das finde ich dann immer spannend. Ich würde auch gerne später mehr in dieser Richtung machen.

COMIC!: Hast du schon im Spielebereich gearbeitet?

Thomas Wellmann: Ein bißchen. Ich arbeite gerade an einem ganz kleinen Projekt mit jemandem zusammen. Ich habe beispielsweise schon mal ein Konzept für eine App geschrieben. Und ab und an einen kleinen Flash-Job. Aber so richtig in der Gamesbranche bin ich noch nicht drin.

COMIC!: Die klischeehafte Vorstellung von Bildungsbürgern führt dazu, daß sie Computerspiele automatisch mit stumpfen Ego-Shootern gleichsetzen und daß sie Games nicht zutrauen, auch eine Kunstform sein zu können.

Thomas Wellmann: Das ist bestimmt so. Das interessiert mich aber gar nicht mehr ganz so sehr. Ich war bisher noch nie so recht am Kulturbetrieb interessiert. Ich finde es total gut, wenn Comics genauso wie andere Literaturformen mehr Preise und Anerkennung bekommen würden. Ich habe viele Fans aus dem Internet, die ich dann direkt anspreche, und das ist für mich oft hilfreicher. Damit will ich nicht sagen, daß ich mich nicht auch total über Besprechungen freue, aber ich verlasse mich nicht allein darauf.
Generell wird in Deutschland Popkultur, egal ob Comics oder Spiele, Filme, Fernsehen oder Musik, etwas stiefmütterlich und ungeschickt behandelt. Das betrifft insbesondere Comics und Spiele, aber auch das Fernsehen, und dem geht es angeblich noch viel schlechter, was albern ist, da es dafür ja Gelder gäbe.

COMIC!: Die Macher des Comics «Gung Ho» nannten im Interview mit dem Rolling Stone Games als die natürlichen Feinde der Comics. In der Zeit von 1940–1969 gab es noch keine Videospiele, damals waren Comics für Kinder und Jugendliche fast schon das einzige auf sie zugeschnittene Medium. Haben die Games den Comics inzwischen den Rang abgelaufen?

Thomas Wellmann: Ich weiß nicht wie es früher war. Ich bin mit beidem aufgewachsen und ich fand beides interessant. Ich finde auch im Moment gerade beides spannend. Und auch etwas schade, daß es in Deutschland so getrennte Welten gib, das immer so aufgespaltet werden muß. Ich kenne es aus Nordamerika – etwa beim Comic-Festival in Toronto – so, daß dort auch regelmäßig Gamedesigner dabei sind. Die Kreativen aus den Bereichen Animation, Comic und Gamedesign haben dort einen regen Austausch. Da gibt es dann beispielsweise zu einem Comic ein Computerspiel. Kürzlich gab es auch ein Indiespiel, bei dem das Ende als Comic erzählt wird. Ich fände es schön, wenn man mehr zusammenarbeiten würde. Bei den Menschen, mit denen ich spreche, habe ich das Gefühl das dort ein Interesse besteht, sich zwischen Animatoren und Gamedesignern auszutauschen. Vielleicht entwickelt sich das in diese Richtung.

COMIC!: Spielst du selber oft Computerspiele?

Thomas Wellmann: Ich habe früher viel gespielt, im Moment nur ausgewählte Sachen. Ich bin ganz froh, wenn die Spiele einen begrenzten Umfang haben und nicht über zehn Stunden lang gehen (lacht). Darüber freue ich mich dann immer sehr. Ich habe das Thema immer im Blick. Ich spiele aber sehr ausgewählt, eben auch aus Zeitgründen.

COMIC!: Comics sind wesentlich preiswerter herzustellen, als Kinofilme oder ein Videospiel wie «Destiny» mit Kosten von 500 Millionen US-Dollar. Kannst du somit jetzt schon im Comic Ideen ausleben, die als Spiel zu teuer wären und die du dort nicht umsetzen könntest?

Thomas Wellmann: Günstiger und unkomplizierter als Filme sind Comics bestimmt. Bei Games stimmt es nicht mehr so ganz, denn die neuen Indiespiele werden ja oft von ein bis zwei Leuten gemacht. Der Zeitaufwand ist dann unter Umständen sogar geringer als bei einem Comic. Im Prinzip ist der Aufwand für Spiele und Comics ähnlich groß.

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