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COMIC!-JAHRBUCH 2015

30 Jahre Internationaler Comic-Salon in Erlangen
Ein Interview mit Karl Manfred Fischer

von Clemens Heydenreich


COMIC!: 30 Jahre Comic-Salon – das wichtigste Festival zum Thema «Comic» im deutschsprachigen Raum ist heute so alt, wie man traditionell ein Menschenalter rechnet. Hätten Sie 1984, zur Zeit seiner Gründung, damit gerechnet, daß es soweit kommen würde?

Karl Manfred Fischer: Soweit in die Zukunft hatte ich damals natürlich noch nicht gedacht, denn für mich war es zunächst wichtig, die Idee, ein Comic-Festival in Erlangen ins Leben zu rufen, auch umzusetzen, es für die nächsten Jahre kulturpolitisch abzusichern und die finanziellen Voraussetzungen dafür zu schaffen.
Die Anfangsjahre waren schwierig, und ein starkes Durchhaltevermögen war gefordert. Daß sich das alles zu solch einer Erfolgsgeschichte entwickeln würde, war damals noch nicht vorauszusehen. Die bundesweite Resonanz in den Medien nach dem ersten Salon war zwar beachtlich, aber noch sehr zurückhaltend und nicht immer mit kultureller Anerkennung für den Comic verbunden. Denn nach wie vor war der Comic in seiner kulturellen und künstlerischen Bedeutung nicht nur umstritten, sondern er wurde von den gesellschaftlichen, und gerade auch von den kulturellen Eliten bekämpft und abgelehnt. Und doch kann man sagen, es war der Anfang der kulturellen Durchsetzung des Comics in Deutschland.

COMIC!: Wie sind denn Sie persönlich darauf gekommen, den Comic mit kultureller Anerkennung zu verbinden? Hatten Sie schon von Ihrer Jugend her Bezug zu diesem Medium?

Karl Manfred Fischer: Meine ersten Erlebnisse dazu hatte ich in meiner Kindheit. Ich sah auf den Volksfesten noch die Auftritte der letzten Moritaten- und Bänkelsänger mit ihren Bildtafeln. Und meine ersten Bilderbücher waren der «Struwwelpeter» von Heinrich Hoffmann und von Wilhelm Busch die Geschichten über «Max und Moritz».
Bei meiner Großmutter sah ich dann zum ersten Mal die «Fliegenden Blätter» und die «Münchner Bilderbogen» und später zum Ende des Zweiten Weltkrieges um 1943/44 im Nachbarhaus bei meinem Schulkameraden «Bilderbogen vom Kriege», die Bildergeschichten über den Heldenmut und die Kriegsbegeisterung der Hitlerjugend und der Deutschen Wehrmacht enthielten, die auf mich Achtjährigen durchaus Eindruck machten, ohne daß mir die dahinter liegende Ideologie bewußt gewesen wäre.
In den Nachkriegsjahren, als dann Micky Maus und Fix und Foxi an den Kiosken zu kaufen waren, hatte ich zunächst kein Interesse mehr an Bildergeschichten. Erst in den 1950er Jahren stieß ich auf die Bilderromane u. a. von Rodolphe Toepffer. Frans Masereel mit seinen Holzschnitt-Folgen zu «Die Stadt» und «Mein Stundenbuch» bewunderte ich nicht zuletzt wegen ihrer humanistischen Anliegen.
In den 1960er Jahren erschienen unter dem Zeichen der Pop-Kultur dann die ersten Comics für Erwachsene wie «Barbarella» von Jean-Claude Forest, von dem dann 1996 auch eine große Retrospektive auf dem Erlanger Comic-Salon in seiner Anwesenheit gezeigt wurde. Und auch «Jodelle» von Guy Peellaert begeisterte mich, und mein Interesse an diesem Medium wurde wieder neuentfacht.

COMIC!: Der Comic-Salon von heute legt es darauf an, die Kunstform «Comic» im Bewußtsein der Menschen mit anderen, teilweise älteren und/oder etablierteren Künsten zu vernetzen – etwa Literatur, Film und Graphik. Haben schon Sie es damals darauf angelegt, den Comic auf diesem Weg zu entstigmatisieren?

Karl Manfred Fischer: Für mich ist es immer wichtig gewesen, die vielfältigen Beziehungen und Verflechtungen von Popular- und Hochkultur und der verschiedensten Künste untereinander aufzuzeigen und herauszustellen und je nach Inhalten und Themen dafür entsprechende Programmkonzepte und Veranstaltungsformen zu entwickeln. Dabei gehört es meiner Meinung nach zu den expliziten Aufgaben kommunaler Kulturarbeit und öffentlicher Kultureinrichtungen, gerade auch auf künstlerische Medien und kulturelle Phänomene aufmerksam zu machen, die nicht zum allgemeinen Kulturverständnis gehören. Ab 1974 war ich bei der Stadt Erlangen für die neu geschaffene Abteilung «Bildende Kunst und kulturelle Programme» verantwortlich und gleichzeitig damit für die Städtische Galerie und die Sammlung internationaler Kunst der Gegenwart. Hier konnte ich meine Konzept-Ideen und programmatischen Vorstellungen zunächst im wesentlichen umsetzen.
Zur Vorgeschichte des Erlanger Comic-Salons gehört die Ausstellung «Die Kinder des fliegenden Robert – zur Archäologie der deutschen Bildergeschichtentradition», die 1979 im Kölnischen Kunstverein veranstaltet wurde, und über die verschiedene Zeitungen berichteten. Ich rief sofort den damaligen Leiter des Kunstvereins an, Wulf Herzogenrath, um ihm mein Interesse an einer Übernahme der Ausstellung für Erlangen zu signalisieren. Er sagte mir, daß es sich um eine Gastausstellung handle, zusammengestellt von zwei externen Comic-Spezialisten, Achim Schnurrer und Hartmut Becker. Ich lud Achim Schnurrer sofort nach Erlangen ein, um alles vor Ort besprechen zu können. Die Ausstellung wurde noch im selben Jahr in Erlangen gezeigt. Anschließend konnte ich sie auch noch an andere Städte vermitteln. Aus dieser ersten Begegnung ergab sich ab 1980 ein engerer Kontakt zu Achim Schnurrer, der damals noch in Köln lebte. Ich bot ihm an, eine Reihe von kleinen Ausstellungen über Comic, Karikatur und Cartoon im Erlanger «Kulturtreff», der zu meinem Zuständigkeitsbereich gehörte, zu organisieren.
Bei den gemeinsamen Überlegungen, welche Künstler denn gezeigt werden könnten, fragte ich: «Gibt’s denn nicht einen Zusammenschluß der deutschen Comic-Zeichner, Karikaturisten und Illustratoren und ein Mitgliederverzeichnis dazu?» Schnurrers Antwort: Nein, aber in Köln hätten sich gerade erst ein paar Comic-Künstler mit ihm zusammengetan, um über einen regionalen Zusammenschluß nachzudenken, es ginge aber nur sehr zögerlich voran. Ich schlug ihm vor, diese Leute nach Erlangen einzuladen, um dieses Vorhaben voranzutreiben, und dazu die Einladung bundesweit auszudehnen. Ich erklärte mich auch bereit, für ein solches Treffen Räumlichkeiten bereitzustellen, die Organisation vor Ort und die Betreuung der Teilnehmer zu übernehmen und für ein kleines Begleitprogramm die Kosten zu tragen.
So kam das erste informelle, zweitägige Treffen der Comic-Zeichner und -Texter 1981 im Kulturtreff zustande. Es gab 1982 und 1983 noch jeweils weitere Treffen in Erlangen, aus denen dann 1983 die Gründung des ICOM als eingetragener Verein in Wiesbaden hervorging.

COMIC!: Daß Sie das Wort «Salon» wählten – sollte das bewußt den Beigeschmack der «Salonfähigkeit» transportieren, die sie dem Comic gern zuerkannt gewußt hätten?

Karl Manfred Fischer: Solche Überlegungen haben natürlich eine Rolle dabei gespielt. Bei der Suche nach einem Namen für das Festival dachten wir an das Comic-Festival im französischen Angoulême, das es seit 1974 schon gab, und das noch länger existierende Festival im italienischen Lucca. Von den verschiedenen Vorschlägen, die wir diskutierten, schien mir sowie den anderen Gesprächsteilnehmern die Bezeichnung «Internationaler Comic-Salon Erlangen» dann die geeignetste, weil wir uns damit auch mit Angoulême und Lucca in eine Reihe stellten. Das war zunächst vermessen, der damit verbundene Anspruch wurde aber bald – nicht, was die Größe, doch was die qualitative Bedeutung angeht – von uns eingelöst. Wir wollten ja nicht nur ein Forum für die deutsche, österreichische und Schweizer Comicszene schaffen, sondern Erlangen alle zwei Jahre auch zu einem Treffpunkt der ganzen Comicwelt machen.

COMIC!: Wie reagierten die Medien?

Karl Manfred Fischer: Wie schon gesagt, die bundesweite, insgesamt überaus positive Medienresonanz des ersten Comic-Salons war für uns alle eine große Überraschung, auch für den ICOM als Mitveranstalter. Allgemein begrüßt wurde auch die Absicht, das Festival in zweijährigem Turnus durchzuführen. Dieses Medienecho einerseits und die überraschend hohen Besucherzahlen andererseits waren für mich ein starkes Argument bei den Gesprächen mit der Stadtspitze und dem Stadtrat für die Fortsetzung des Festivals und die Einrichtung einer eigenen Haushaltsstelle im städtischen Finanzplan.
Ein aufgeschlossener Befürworter des Salons war von Anfang an der damalige SPD-Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg, der sofort die Bedeutung des Salons für die Stadt Erlangen erkannte. Ich erinnere mich noch gut, wie er, überraschend für uns alle, am letzten Salon-Nachmittag die Comic-Messe besuchte, und wie beeindruckt er von den Besuchermassen war, die sich durch die Gänge zwischen den Verlagsständen im Redoutensaal drängten und ihm eine spürbare Sympathie der Verlagsszene und der Comickünstler entgegenschlug.

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