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COMIC!-JAHRBUCH 2014

Vorwort


Von Burkhard Ihme


« Das Comic Manifest
COMIC IST KUNST. DAS MUSS JETZT AUCH DIE KULTURPOLITIK VERSTEHEN.

Deutsche Comics werden im Feuilleton gefeiert, sie werden in zahlreiche Sprachen übersetzt und erhalten Preise und Auszeichnungen auf internationalen Festivals. Comic-Lesungen und Comic-Ausstellungen finden regen Zuspruch, zumal beim jüngeren Publikum, und immer häufiger sind Comics Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten. Es sind die Comiczeichner, die Comicverleger und andere Akteure, die dem deutschen Comic praktisch ohne Hilfe von außen dieses Ansehen verschafft haben. Während Film,Theater, Musik und andere Künste – zu Recht – öffentlich gefördert werden, konnten die Zeichner, Szenaristen und Verlagsmitarbeiter ihre beachtlichen Erfolge nur durch Selbstausbeutung erreichen. Es liegt auf der Hand, dass sie mit größeren Ressourcen ihre Potenziale wesentlich stärker entfalten könnten.
Der zeitgenössische Comic ist formal innovativ und inhaltlich anspruchsvoll. Sein Spektrum reicht vom Comicstrip zur Graphic Novel. Eindringliche Geschichten zu gesellschaftlich relevanten Themen prägen heute sein Bild in den Medien. Die stilistische Bandbreite und die fortwährende experimentelle Erneuerung des Comics stehen für die künstlerische Modernität eines Mediums, dessen vielfältige Möglichkeiten längst noch nicht ausgeschöpft sind. Niemand bezweifelt heute, dass der Comic eine eigenständige Kunstform ist, der ein gleichberechtigter Platz neben Literatur, Theater, Film oder Oper zusteht. Es ist ein Skandal, dass dies noch immer nicht allgemeiner Konsens ist.

Wir fordern daher, dass der Comic dieselbe Anerkennung erfährt wie die Literatur und bildende Kunst und entsprechend gefördert wird.

Der Comic ist – wie alle anderen Künste – auf staatliche und private Unterstützung angewiesen. Die Zahl hervorragender Nachwuchszeichner, die meist an den staatlichen Kunsthochschulen ausgebildet worden sind, wächst stetig, doch es gibt keine Stipendien, die talentierten Zeichnern den Weg zu einer Existenz als Künstler ebnen könnten. Eine Graphic Novel, ein Comicalbum zu schaffen, dauert oft länger als ein Jahr, und kaum ein Verlag kann es sich leisten, den Lebensunterhalt eines Künstlers für so lange Zeit zu finanzieren.

Wir fordern daher die finanzielle Förderung von Comicprojekten.

Und schließlich: Förderung bedarf der Koordination und der Diskussion ihrer Maßstäbe. Noch immer fehlt eine eigene Comicprofessur in Deutschland, noch immer fehlt eine Institution, die als zentrale Anlaufstelle und kommunikative Begegnungsstätte mit europäischer Ausstrahlung für alle Protagonisten des Mediums dienen kann.

Wir fordern daher die Schaffung eines deutschen Comicinstitutes, das Künstler zusammenführt, ihre Arbeit wissenschaftlich reflektiert und der kulturellen Bildung dient.

COMIC IST KUNST. DAS MUSS JETZT AUCH DIE KULTURPOLITIK VERSTEHEN.


Dieses "Manifest für die Comic-Kunst" wurde am 2. September vom Direktor des internationalen literaturfestivals berlin, Ulrich Schreiber, der Autorin Ulli Lust und anderen Comicschaffenden im Haus der Berliner Festspiele vorgestellt. Begleitet wurde diese Veröffentlichung von der Eröffnung der Ausstellung "Comics aus Berlin. Bilder einer Stadt" am 3. September und, mit etwas zeitlichem Abstand, dem "Graphic Novel Day" am 8. September. Unter den 97 Erstunterzeichnern sind 10 Preisträger des ICOM Independent Comic Preises.
Die Resonanz in der Comicszene wäre mit "zwiespältig" noch freundlich beschrieben. Die Argumente für die Ablehnung der Forderung unterscheiden sich. Während Frank Plein, Autor von "Der Comic im Kopf" stolz auf seine Unabhängigkeit ist ("Ich war dabei nie jemandem etwas schuldig, und ich habe nie jemanden um etwas gebeten [...] Aber Stolz heißt für mich auch, nicht mit dem Hut herumzugehen wie ein Bettler"), führt Flix (Felix Görmann) staatliches Interesse ins Feld ("Ich finde, man kann keine Forderung danach stellen. Der Staat sollte eigentlich kein Interesse daran haben, daß Comics produziert werden"), was dann jede staatliche Kunstförderung betreffen würde. Am verbreitetsten ist aber der Vorwurf, daß die Falschen das Geld bekommen würden, worunter dann explizit auch die durch das Verlesen des Manifests exponierte Ulli Lust fällt, deren mehrfach ausgezeichnetes Comicbuch "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" (u. a. ICOM Independent Comic Preis und Max-und-Moritz-Publikumspreis) durch ein Meisterschülerstipendium und zwei Jahre Hartz IV ermöglicht wurde. In sehr enger Anlehnung an das Dadaistische Manifest von 1918 formulierte ein Anfang Oktober anonym verbreitetes "Nieder-mit-den-Comics-Manifest":
"Die besten und unerhörtesten Comicmacher werden diejenigen sein, die stündlich die Fetzen ihres Leibes aus dem Wirrsal der Lebenskatarakte zusammenreißen, verbissen in den Intellekt der Zeit, blutend an Händen und Herzen. Hat die GRAPHIC NOVEL unsere Erwartungen auf eine solche Kunst erfüllt, die eine Ballotage unserer vitalsten Angelegenheiten ist? NEIN! NEIN! NEIN! Haben die GRAPHICNOVELISTEN unsere Erwartungen auf einen Comic erfüllt, der uns die Essenz des Lebens ins Fleisch brennt? NEIN! NEIN! NEIN! Unter dem Vorwand der Kunst haben sich die Graphicnovelisten zu einer Generation zusammengeschlossen, die heute schon sehnsüchtig ihre literatur- und kunsthistorische Würdigung erwartet und für eine ehrenvolle kulturpolitische Anerkennung kandidiert. Unter dem Vorwand, die Seele zu propagieren, haben sie im Kampf gegen Inspiration und Kurzweil zu den abstraktpathetischen Gesten zurückgefunden, die ein inhaltloses, bequemes und unbewegtes Leben zur Voraussetzung haben. Die Seiten füllen sich mit Königen, Dichtern und faustischen Naturen jeder Art, die Theorie einer melioristischen Weltauffassung, deren kindliche, psychologisch-naive Manier für eine kritische Ergänzung der Graphic Novel signifikant bleiben muss, durchgeistert die tatenlosen Köpfe."
Auch wenn der Text ironisch gemeint ist, so stimmt er doch in den Tenor der Mißgünstigen ein. Diese Stimmen vollziehen so die Spaltung der Comicszene in "gute", weil mit ehrlichem Punkerherzen geschaffene Comics, und "schlechte", auf die staatlichen Fördertöpfe schielende und zudem unter falscher Flagge segelnde "Graphic Novels", etwas, was dem Manifest – unter Umkehrung der Vorzeichen – nur leichthin oder bösartig unterstellt wird.
Ein Problem der geforderten Förderung würde allerdings sein, daß es auf dem deutschen Comicmarkt für die Autoren nicht die Möglichkeit gibt, sich zwischen gut bezahltem Mainstream und privater Kunst-Ambition zu entscheiden. Alben und Bücher beider Richtungen dümpeln im Verkauf zwischen 400 und 2.000 Exemplaren, Manga zwar beim Mehrfachen, aber bei halbem Verkaufspreis und somit halber Tantieme. Eine Förderung müßte also alle Genres und Stile betreffen oder würde neue Trends schaffen bzw. bestehende verfestigen. Zur Zeit geht es uns aber wie der klugen Else aus dem Grimmschen Märchen: Wir jammern über noch nicht vergossene Milch.
Zum vorliegenden Jahrbuch: Leider müssen wir und damit auch die Leser aus Krankheitsgründen auf liebgewonnene Rubriken wie die Marktberichte aus Frankreich und den USA verzichten. Ebenso gern hätten wir über die Wandlung des Sondermann-Preises in den Deutschen Comicpreis, das neue "Graphic Novel"-Label und die Neuauflage des Comic-Stipendiums bei Egmont berichtet und einen Nachruf auf Harald Siepermann, den Gestalter von Alfred Jodocus Kwak, abgedruckt. Neben Siepermann trauern wir in diesem Jahr um die Comiczeichner Christian Moser und Bernhard Groth, Kurt Werth (Händler), Volker Franke (INCOS) Hans Stojetz (Herausgeber der SPRECHBLASE), Peter Köhler (Veranstalter von Comicbörsen) und Marianne Nuß (Lettering).

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November 2013
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