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COMIC!-JAHRBUCH 2013

Bester Independent Comic:
«Seelenfresser» von Schwarwel


Von Gerhard Schlegel


COMIC!: Ist «Seelenfresser» dein erster realistischer Comic?

Schwarwel: «Seelenfresser» ist mein erster langer Realistic im Mehrfach-Albumformat; Kurzgeschichten dagegen hatte ich schon einige in den Extrem-Magazinen von EEE, eine Miniserie mit meinem fetten Kommissar namens «500 Pfund» im Metal-Magazin Iron Curtain oder die Story für die Band Depp Jones, die als Anfang einer möglichen Serie angelegt war. Da Realistics aber eine Heidenarbeit bedeuten, wenn man die Welt tatsächlich nachvollziehbar, realitätsnah und zum Eintauchen geeignet gestalten will, hatte ich lange nach einem Stoff gesucht, der diesen Aufwand für mich auch wert ist. Bei Funnys kann man schon mal was wegschummeln, wenn’s gerade eher darum geht, witzige Dialoge und Situationen zu schildern. Andererseits entwickelte sich die «Schweinevogel»-Serie von EEE über die Jahre auch immer mehr in eine semi-realistische Ecke, was zum einen daran lag, daß ich von Dave Sims Stil in «Cerebus» ziemlich angetan war, und zum anderen daran, daß sich EEE als Verlag nach der Herausgabe von «Faust» und «Hellboy» irgendwie in der Horrorecke positionierte und «Schweinevogel» als ursprüngliches Flaggschiff plötzlich nicht mehr so recht ins eigene Profil paßte, weshalb ich nach einem Weg suchte, Sachen zusammenzubringen, die eigentlich nicht zusammengehören.

COMIC!: Siehst du unsere Welt so düster und verfallen, wie in «Seelenfresser» dargestellt?

Schwarwel: Kommt immer auf die Perspektive an. Es fällt sehr leicht, die uns umgebende Gegenwart so düster zu sehen, wenn man bei halbwegs klarem Verstand ist, ja. Umso heller leuchtet dann eine einzelne Kerze. Ich bewundere jeden, der es schafft, in einem Wolkenkuckucksheim zu existieren und für den immer alles schön ist – Respekt! Das halte ich für eine Illusion, die sich für mich nicht lohnt. Da bin ich zu existenzialistisch gestrickt. Aber genau darum geht’s ja auch in «Seelenfresser».
Die Ereignisse in «Seelenfresser» sind zwar dramatisierte Handlungen in einer Parallelwelt, die unserer ziemlich ähnlich ist, aber das meiste habe ich aus dem zusammengetragen, was ich selbst kennengelernt und erlebt habe. Die Charaktere haben alle irgendwo ihre Entsprechungen in realen Personen oder sind auch mal ein Mix aus den Eigenschaften und Denkweisen verschiedener Leute, die ich kenne. Auch der «US-Sheriff» beruht auf einem Menschen, den es tatsächlich gibt – sehr creepy.

COMIC!: Wie bist du auf die Geschichte gekommen?

Schwarwel: Angefangen hatte «Seelenfresser» ja als simpler Horror-Plot im Stile einer Invasionsstory wie «Das Ding aus einer anderen Welt» und «Die Körperfresser kommen», der so um das Jahr 2000 im EEE-Magazin Extrem veröffentlicht werden sollte. Damals war «Akte X» grad noch groß angesagt, und ich wollte mit einer toughen Frau wie Scully einen Mix aus all dem machen – allerdings sollte es in Deutschland spielen und nicht an irgendeinem Ort der Welt, den weder der Leser noch ich gut genug kennen, um sich dadurch wirklich beeindrucken zu lassen.
Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto größer wurde der Wust aus Elementen und Ideen, auf die ich nicht verzichten wollte, bis mir der Berg einfach zu massiv war, um ihn noch bewältigen zu können. Also blieb alles erstmal liegen, und ich verlagerte die Beschäftigung damit in die tieferen Hirnregionen, wo es weiter gärte.
Ein paar Jahre später hatte ich die Schnauze voll von all dem Gedenke und den vollgeschriebenen Notizbüchern, und ich setze mich hin und haute ein Drehbuchskript mit all dem in den Computer, was jetzt zum Teil schon erschienen ist. Ich hab’s in einem Rutsch geschrieben, mit Freunden lektoriert und verändere jetzt nur marginal Dialoge oder Bildeinstellungen, da ein Comic eben anders funktioniert als ein Film, wofür das Drehbuch gedacht war.
Kurz und gut: «Seelenfresser» bedeutet für mich eine Tabula rasa, viele Dinge klären sich, einfach weil sie mal aufgezeichnet und formuliert werden. Menschen sind merkwürdige Wesen, und unsere Handlungen sind oftmals schwer nachzuvollziehen, weil die Motive dabei im Dunkeln liegen. Die Düsternis der Geschichte entspricht dabei am ehesten dem, wie unser Unterbewußtsein funktioniert, wo Schatten wirken und Dinge ineinandergreifen, für die unser Tagesbewußtsein im Nachhinein Begründungshülsen schafft, damit wir weiter mechanisiert unseren Alltag bewältigen können. Klingt schlimmer als es ist – die Lektüre von «Seelenfresser» halte ich dennoch für sehr kurzweilig.

COMIC!: In «Seelenfresser – Zweites Buch: Glaube» baust du Schweinevogel als Parallelhandlung ein.

Schwarwel: Der Plan stand schon beim Schreiben des Drehbuches. Unseren Film «Schweinevogel – Es lebe der Fortschritt!» aus dem Jahre 2009 hatte ich eigens für «Seelenfresser» geschrieben, wofür er den zur Handlung gehörenden Vorfilm bildet und als Film-im-Film angelegt ist. Im Drehbuch hieß er noch «Schweinefresser», aber als wir uns entschlossen, ihn als eigenständigen Kurzfilm zu produzieren, machte dieser Name nicht wirklich Sinn. In einer Sammelausgabe des «Seelenfresser» sollte das Ganze dann auch schon unbedingt als Comic vorangestellt werden, weil es das ist, was sich unser Hitch-Hike-Baby Nova in ihrer Glotze ansieht, bevor sie mit Joey auf Hunderunde geht.
Umso schöner ist natürlich der tatsächliche Realbezug, daß Schweinevogel jetzt alle halbe Jahre wieder auf 3sat oder in den Dritten zur nächtlichen Stunde über den Flimmerkasten in unsere Haushalte quillt, wenn auch in der ersten Filmfassung, wo der «Gna»-Song nicht drin vorkommt, weil wir den damals ausgekoppelt haben und erst jetzt wieder mit in den Director’s Cut genommen haben. 

COMIC!: Hast du schon alle Teile von «Seelenfresser» vorgescribblet bzw. den Text schon fertig und zeichnest jetzt alle Seiten runter?

Schwarwel: Wie gesagt, gibt’s das Drehbuch als komplette Vorlage, in dem alles von Anfang bis Ende drin steht. Nach meiner Erfahrung mit – ja, schon wieder – Schweinevogel und seiner «Mini-Serie» bei EEE hatte ich beschlossen, nie wieder vom Skript abzuweichen, weil man sich dann im Unendlichen verliert. Die Serie war damals auf sechs Hefte angelegt, aber immer wieder hatte ich aus Schnapsideen heraus neue Handlungsstränge aufgemacht, die ich dann wieder zusammenfuddeln mußte, bis wir schließlich erst mit einer extradicken Doppelnummer 11/12 die Geschichte halbwegs schließen konnten. Allerdings blieb trotzdem ein Schweinevogel im Mittelalter zurück, wo er von der Hexe Puffelchen verschleppt wurde – mal gucken …
Scribbles für «Seelenfresser» hatte ich zwar begonnen, bin aber gegen Ende des ersten Albums davon abgekommen, weil es mich demotiviert. Ich kenne dann schon Monate im voraus sämtliche Bildaufteilungen und die Splash-Pages – das ist für mich beim Machen dann nicht mehr spannend und wirkt in der Reinzeichnung für den Leser nicht mehr frisch, sonden runtergeschnuddelt, starr und tot. 
Inzwischen mache ich mir einen groben Plan für die jeweils 22-seitige Kapitelaufteilung sowie die 66-seitige Album-Aufteilung und scribble dann nur die Seite, die für jeden verdammten Freitag fertig werden muß. Wenn die Deadline für die jährliche Album-Veröffentlichung ansteht, hab ich dann immer die letzten 14 bis 20 Seiten auf dem Tisch, die ich parallel bearbeite, damit alles schlüssig seinen Abschluß findet. Diese Zeit ist immer extrem nervig für meine Umgebung und mich, weil ich zu sehr eintauche und dieser «Seelenfresser»-Wald auch für mich fürcherlich dunkel ist.

COMIC!: Zusammen mit Sandra Strauß betreibst du das Illustrations- und Trickfilmstudio Glücklicher Montag. Wie läuft das? 

Schwarwel: Glücklicher Montag ist eine GmbH. Sandra ist unsere Produktionsleiterin, und ich bin Art Director. Da gibt’s also auch noch – stundenweise –andere Mitmenschen und freie Mitarbeiter. 
Unsere Firmeneinnahmen generieren sich aus einem – wie ich finde – sehr gesunden Patchwork aus Auftragsarbeiten, Workshops und Eigenproduktionen, wobei ich tatsächlich nicht sagen kann, was ich am liebsten mache, da alles seine spannenden und nervigen Seiten hat.
Wenn wir gerade einen Trickfilm machen – egal, ob für Hagebau, Sido oder eine Eigenproduktion –, möchte ich da eintauchen und nichts anderes tun. Das gleiche gilt für eine Werbekamagne, eine Illustrationsserie oder eine Buchproduktion. Meine täglichen politischen Karikaturen geben meinem Tag inzwischen seit Anfang 2010 eine Struktur, um die ich alles andere herum baue – wenn Eilaufträge anstehen, takten wir das ein.
Prozentual liegt der Comic in den Einnahmen sicher nicht weit vorn, was aber an der Natur der Sache liegt: Comic ist immer sehr aufwendig, braucht viel «unsichtbare» Vorarbeit und wird in aller Regel nicht übermäßig gut bezahlt – da muß man aufpassen, sich nicht zu verrennen, weshalb wir uns einen internen Finanzierungsspiegel erstellt haben, aus dem wir ersehen können, wieviel Zeit wir in eine Sache investieren können – die Qualität jeder einzelnen Arbeit darf für mich auf keinen Fall darunter leiden, daß man gefrustet an die Sache herangeht.

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