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COMIC!-JAHRBUCH 2013

Lauter gute Freunde
Interview mit dem Comic-Autor und -Verleger Holger Bommer


Von Burkhard Ihme


Ohne Holger Bommer wäre die Fanzine- und Independent-Comic-Szene der letzten zwanzig Jahre nicht die gleiche. Als Zeichner, Texter, Kolorist, Verleger und Mitglied der Jury zum ICOM Independent Comic Preis hat er seine Spuren hinterlassen.


COMIC!: Alles fing mit einem Fanzine an, das nicht wie ein Fanzine aussehen wollte. Wie kam es vor zwanzig Jahren zur Gründung von FILMRISS und Amigo Comics?

Holger Bommer: Ganz einfach: Andreas Mergenthaler und ich haben einfach damals nicht die Möglichkeit gesehen, die Comics, die wir machen wollten, in einem anderen Fanzine unterzubringen. Nach längerem Überlegen haben wir uns dann entschlossen, ein eigenes Magazin zu machen. Schnell war klar, es würde kein Kopierheft werden, sondern ein gedrucktes Heft, das auch durch seine Aufmachung herausstechen sollte.

COMIC!: Die ersten Ausgaben von FILMRISS enthielten fast ausschließlich Arbeiten der Stuttgarter Szene (plus Umland): Michael Gref, Jochen Kauffmann, Martin Frei, Haggi, Manfred Zukunft, Jan Thüring, Alex Winkler, Steven Flier, später auch Thomas Harske, Joachim «Jo84» Guhde, Kim Schmidt, Thorsten Kiecker und Andreas Pasda. Und in Heft 5 gab es sogar einen Lizenzcomic: «Greta and the Blue Torpedo» von Tim & Mark Badger. Korrespondierte diese geographische Erweiterung auch mit der Verbreitung des Heftes? Und war dies (zusammen mit Andreas’ US-Reisen) die Keimzelle von «Cross Cult»?

Holger Bommer: Die Vielzahl der Zeichner, die aus ganz Deutschland kamen, ergab sich aus der Tatsache, daß diese nach Heft 3 plötzlich alle bei uns was machen wollten, weil ihnen FIlmriss gefiel. Man darf nicht vergessen: Mitte der 90er Jahre war ein richtig gedrucktes Fanzine noch etwas Besonderes, die meisten anderen Fanzines waren fotokopiert. Das lag schlichtweg an den damals hohen Druck- und Repro-Preisen. Manche der Zeichner haben wir auch direkt angesprochen.
Der Lizenzcomic von Mark und Tim Badger war in gewisser Weise vielleicht schon eine Keimzelle von CrossCult. Andy hatte über Andreas C.Knigge in San Diego auf der Comic Convention einige Leute kennengelernt und über die Jahre immer diese Kontakte auch gepflegt. Sicherlich hat dies einiges leichter gemacht.

COMIC!: Hast du vor der Gründung von Amigo Comics schon irgendwo Comics veröffentlicht (als eigenes Kopier-Fanzine oder in anderen Publikationen)?

Holger Bommer: Ja, vor Filmriss habe ich z. B. in Comic Archiv und PLOP veröffentlicht, auch Haggi hat mir damals in seinem Ego-Zine Auweia! eine Seite gegönnt. Gerade aus der Fanzine-Zeit habe ich viele Freundschaften, die auch heute noch bestehen, z. B. mit Haggi, Martin Frei oder auch den Dinters.

COMIC!: Du warst bei der Verlagsgründung noch sehr jung. In welchem Alter begann deine öffentliche Zeichner-Karriere, und wie kamen die Kontakte zustande, auch abseits der Stuttgarter Szene (und wo hast du Andreas, Martin, Haggi und die Dinter-Bros. getroffen)?

Holger Bommer: Die erste Veröffentlichung war 1986 in Comic Archiv. Zeichnerkarriere klingt dafür recht groß. Und als wir dann mit Amigo Comics anfingen, war ich immerhin schon 22. Die Kontakte abseits der Stuttgarter Szene kamen über die Fanzine-Szene zustande. Damals gab es noch Zeichnerpartys. Da fuhr man dann hin und lernte so nach und nach andere Zeichner kennen. Die Dinters habe ich auch bei so einer Gelegenheit getroffen, und Andreas auf der Comicbörse in Stuttgart, er saß dort neben dir, Burkhard. Dich kenne ich ja noch länger. Martin Frei und Haggi kenne ich durch den ICOM-Stammtisch, der damals einmal im Monat im Jugendhaus Mitte in Stuttgart stattfand. Dort habe ich auch Martin Pfaender kennengelernt, der damals mit «Cyclobertrand» die German Comic Open (einen 1991 von Ehapa ausgeschriebenen Zeichner-Wettbewerb) gewonnen hatte – auch ihn treffe ich noch heute.

COMIC!: Was hat dich dazu gebracht, Comics zu lesen und vor allem zu vermuten «Das kann ich auch!»? ZACK kam (und vor allem: ging – nämlich bereits 1980) doch wohl zu früh für deine comicologische Sozialisation.

Holger Bommer: Stimmt nicht. Ich lese Comics schon, seit ich fünf bin, also seit 1975. Angefangen hat das mit den «Peanuts», damals fand ich sie aber aus anderen Gründen gut als heute, klar. ZACK hat mich dann eher durch die Alben geprägt, das Heft habe ich kaum gelesen. Bei den Alben fand ich damals besonders «Lucky Luke» und auch «Andy Morgan» klasse, aber auch «Michel Vaillant» gefiel mir damals recht gut.
Wirklich dazu gebracht, Comics zu zeichnen, haben mich tatsächlich die «Peanuts» und auch Donald Duck. Genaugenommen habe ich schon immer irgendwie etwas gezeichnet, seit ich einen Stift halten konnte. So mit 15 oder 16 habe ich dann den Heftrand der Schulhefte verlassen und mich hingesetzt, um auch mal wirklich konzentriert etwas zu machen. So ging das mit den Fanzines los.
Mit der Liebe zu den «Peanuts» hat sich im Laufe der Jahre eine allgemeine Liebe zu Zeitungsstrips entwickelt. Ich lese heute noch viele klassiche Stripserien, und immer wieder entwickle ich Ideen für einen eigenen Comicstrip. Leider ist eine Veröffentlichung in Zeitungen mittlerweile fast unmöglich.

COMIC!: Möchtest du etwas über «Die erstaunlichen Abenteuer des Petrosilius Zwackelmann» erzählen?

Holger Bommer: Eine lustige Geschichte, mit der ich fast nichts zu tun habe. 1995, als in unserem Verlag außer einem Album («Ferdinand und Edgar» 1) und 3 Heften FIlmriss noch nichts erschienen war, beschlossen wir, in Erlangen 1996 einen Stand zu buchen. Zu der Zeit bestand der Verlag aus mir, Klaus Jesinger, Achim Sauer und Andreas Mergenthaler. Diese Konstellation hatte sich aus der inhaltlichen Beteiligung an den Comics ergeben. Wie also nun den Stand füllen? Schnell kam bei Klaus, Achim und mir der Gedanke auf, außer einem zweiten «Ferdinand und Edgar»-Album («Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens», hervorragend krude, unbedingt lesen!) noch weitere Comics herauszubringen. So sprach ich damals Geier (Jürgen Speh) an, den ich ja gut kannte. Die Idee war, ein «Lena Wombat»–Paperback zu machen. Die Comics zu «Lena Wombat» waren in Menschenblut und Tank Girl erschienen und paßten eigentlich vom Humor her genau in unser Konzept. Geier sagte zu, und so war schon mal ein weiterer Comic gesichert. Kurz darauf kam Klaus dann über Frieder Maier von der «Sammlerecke» mit Sanchez (Enrique Juan Ruiz Jordan) in Kontakt. Zusammen mit Achim beschloß er nun, für Sanchez ein Album zu schreiben, das dieser zeichnen sollte. Als ich nun die ersten Seiten sah, meldete ich gleich meine Zweifel am Gelingen dieses Projektes an, doch der Enthusiasmus der drei war recht groß. So wurde das Album eben fertiggezeichnet. Letztlich habe ich dann noch das Layout und die Kolorierung des Titelbildes übernommen.
Trotz meiner Bedenken ließen Achim und Klaus den Comic auch als Album drucken. In Erlangen war dieses Album das mit Abstand am schlechtesten verkaufte am Stand. Als nette Nachgeschichte wurde dann in der Jahreswertung von RRaah! (ehemaliges Comicfachmagazin von Comicplus+) dieses Album als zweitschlechtestes des Jahres 1996 bewertet. Schlechter war damals nur ein Titel vom alpha comic verlag. Unsere anderen Titel waren damals im Mittelfeld, da waren wir richtig stolz darauf. Aber auf den zweitschlechtesten Comic des Jahres auch, wer kann schon von sich sagen, den zweitschlechtesten Comic zu haben! (Haha!) Übrigens kann man ihn noch erwerben. In dem Comic, obwohl sehr unausgereift, sind einige herrlich schräge Ideen.

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November 2012
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