Lektüre
 Independent Comic Shop   ICOM-Publikationen   Kostenlos   Fachmagazine   Sekundärliteratur 
Das COMIC!-Jahrbuch | Das ICOM!-Handbuch | Der ICOM!-Ratgeber
FILMRISS | Das verbandseigene Fachmagazin
COMIC!-JAHRBUCH 2013

Comiczeichenkurs Schweiz
Interview mit Raphael Tobias Bräsecke


Von Frank Plein


Tobias, mit bürgerlichem Namen Raphael Bräsecke, wurde 1979 in Karlsruhe geboren. Seit zehn Jahren wohnt er in der Schweiz (in Wil, Kanton St. Gallen) und hat sich dort seine eigene Comic- und Werbeagentur aufgebaut. Er realisiert mit einem kleinen Team normale Werbekampagnen, aber auch Werbecomics und Kindermagazine. Zudem hat er vor einigen Jahren begonnen, sein Wissen im Rahmen eines Cartoon- und Comiczeichenkurses an Interessierte weiterzugeben.

COMIC!: Kannst du ein bißchen darüber erzählen, für welche Altersgruppen du die Workshops anbietest, wie sie ablaufen und was vermittelt wird?

TOBIAS: Der Kurs ist so angelegt, daß er sich für jung und alt, Neuzeichner, Interessierte oder Wiedereinsteiger eignet. Der ganze Kurs ist auf den Schwerpunkt «Praxis» ausgelegt. Das heißt, daß im Kurs sehr viele Aufgaben gestellt werden, bei denen die Teilnehmer auch erst einmal ins kalte Wasser geworfen werden. Der Zeichenstil spielt dabei keine Rolle, so daß jeder seinen individuellen, vorhandenen, beliebten Stil zeichnen kann. Der Kurs vermittelt vielmehr die Grundlagen des Comiczeichnens. Nach dem Kurs ist sicher niemand ein Profizeichner, aber er weiß zumindest alles, was es dazu braucht. Und dann bedarf es eh Übung, Übung, Übung.
Der Ablauf ist eigentlich immer so, daß man am Anfang nur die Mimik anschaut – mit Strichmännchen. Dabei soll ein erstes Gespür entwickelt werden, worauf man achten muß, wenn jemand böse, traurig, verliebt etc. ist. Dabei benutzen wir im Kurs auch gerne Spiegel oder den Sitznachbarn, um einzelne Gesichtsausdrücke zu versuchen. Danach geht es dann an die Köpfe, Hände und Füße, Körper. Beim Punkt Körper schauen wir sowohl die realistischen Proportionen als auch die Funny-Proportionen an. Um aber Funny richtig zeichnen zu können, sollte man die realen Proportionen verstanden haben. Natürlich spielt dabei auch die ganze Körperhaltung, Schwerpunkt im Körper, Bewegung etc. eine große Rolle.
Der Kurs findet in unterschiedlichen Längen statt, wobei die Länge sehr erweiterbar ist – je nachdem, wieviel Zeit man sich für die einzelnen Aufgaben und Punkte nimmt.

COMIC!: Die Kurse werden laut Homepage für ein Alter von «9 bis 99» angeboten. In einem solchen Kurs gibt es sicher zwangsläufig ein großes Spektrum und «Gefälle» an Wissen und Vorkenntnis. Wie gehst du damit um?

TOBIAS: Ja, natürlich gibt es hier ein Gefälle, schon allein, was das Verstehen angeht. Die Kursunterlagen sind daher bewußt so angelegt, daß es keine Rolle spielt, ob man noch nie eine Comicfigur gezeichnet hat oder selber gerne öfters zeichnet. Jeder kann die Aufgaben ganz nach Wissensstand und Reife angehen. Daß dabei ein 9-Jähriger die Aufgaben anders angeht als ein 50-Jähriger, ist klar.

COMIC!: Mit welcher Altersgruppe macht die Arbeit am meisten Spaß?

TOBIAS: Es macht eigentlich mit jeder Altersgruppe Spaß. Ich habe auch schon Kurse ganz bewußt nur für Kinder angeboten, bzw. die im Rahmen des Winterthurer Ferienpasses angeboten wurden. Aber eine schöne Durchmischung ist natürlich auch schön und bringt auch ganz andere Möglichkeiten mit sich.

COMIC!: Dein Unterricht umfaßt ein sehr großes Spektrum, von den ersten Strichen bis hin zum Storytelling und Seitenlayout. Welcher Teil kommt am besten an, und welcher Teil macht dir am meisten Spaß?

TOBIAS: Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Wohl aber eher die zweite Hälfte des Kurses. Da hat man sich schon näher kennengelernt, und auch die Teilnehmer werden immer offener und mutiger. Am besten kommt – nach meinem Gefühl – der Bereich Köpfe und ganze Figuren an, da man sich dort am meisten austoben und experimentieren kann.
Was aber bei jedem, von jung bis alt, ankommt – aber so nicht im Unterrichtsmaterial steht – ist das Nachzeichen. Dort können sich die Teilnehmer etwas wünschen (Mann, Frau, Kind, Alter, ...), ich zeichne Strich für Strich vor, und die Teilnehmer zeichnen Strich für Strich nach.

COMIC!: Was war dein größtes Erfolgserlebnis bei den Kursen bisher?

TOBIAS: Das ist schwierig zu sagen. Ein großes Erfolgserlebnis ist es, wenn allen der Kurs gefallen hat, und sie ihn gerne weiterempfehlen. So manch einer kommt sogar ein zweites oder sogar drittes Mal zum Kurs. Er bekommt zwar zum großen Teil immer das gleiche zu hören, kann aber nach seinen Fähigkeiten die Aufgaben besser umsetzen – und bei Bedarf mich fragen. Aber es hat jedes Mal immer wieder auch neue Elemente dabei, da ich – aufgrund des Feedbacks – nach jedem Kurs die Unterlagen überarbeite und ergänze. So ist der Kurs mit den Jahren immer umfangreicher geworden, bzw. die Aufgaben sind der Zeit angepaßt bzw. abgeändert worden.

COMIC!: Viele Lehrer berichten klagend über die «heutige Jugend», die nur noch über ihren Smartphones hängt, und deren Aufmerksamkeitsspanne die drei Sekunden deutlich unterschreitet. Wie ist deine Erfahrung mit Schülern im Laufe der Jahre und Jahrzehnte?

TOBIAS: Über Jahrzehnte kann ich noch nichts sagen – so alt bin ich dann doch noch nicht. Interessant ist es, daß in den bisherigen Kursen eigentlich keiner sein Smartphone die ganze Zeit vor sich liegen, bzw. in der Hand hatte. Von Aufmerksamkeitsproblemen oder so habe ich bisher noch nichts gemerkt, eher das Gegenteil.

COMIC!: Was hältst du für die wichtigsten Eigenschaften, die ein Zeichner mitbringen muß, um Zeichenkurse zu geben?

TOBIAS: Welche Eigenschaften? Auf alle Fälle mal, daß er gerne unterrichtet. Das Ganze ist ja nichts, was so aus dem FF geht. Vor meinem ersten Kurs habe ich über mehrere Monate an den Kursunterlagen gearbeitet, was nicht zu unterschätzen ist. Er muß sein Wissen gerne weitergeben, muß auch mal mit Kritik umgehen können und sich auf die Teilnehmer einlassen. Ein Zeichenkurs ist mehr als nur ein bißchen vormalen – vor allem, wenn man etwas vermitteln möchte. Jedenfalls ist das mein Anspruch. Und wer weiß, vielleicht ist in einem meiner Kurse mal einer der großen Zeichner der Zukunft. Und wenn den dann jemand fragt, wo er gelernt hat, erinnert er sich vielleicht an mich ...

COMIC!: Wo kann man sich am besten über deine Kursangebote informieren?

TOBIAS: Am Besten im Internet auf www.comiczei chenkurs.ch. Da der Kurs meistens in meiner Region angeboten wird, sind die Teilnehmer auch meistens aus der Region. Aber ich hatte auch schon Teilnehmer, die mehrere Stunden Fahrtweg auf sich genommen haben, um teilzunehmen.

Auf den Geschmack gekommen?
Weiterlesen im COMIC!-Jahrbuch 2013
Links zum Artikel

www.comiczeichenkurs.ch
Übersicht der Linklisten
  Alle Jahrbücher
Comic Jahrbuch 2013
Comic Jahrbuch 2012
Comic Jahrbuch 2011
Comic Jahrbuch 2010
Comic Jahrbuch 2009
Comic Jahrbuch 2008
Comic Jahrbuch 2007
Comic Jahrbuch 2006
Comic Jahrbuch 2005
Comic Jahrbuch 2004
Comic Jahrbuch 2003
Comic Jahrbuch 2001
Comic Jahrbuch 2000
COMIC!-Jahrbuch 2013
Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2012
240Seiten, davon 34 redaktionelle Farbseiten
EUR 15,25
BESTELLEN