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COMIC!-JAHRBUCH 2013

Comics an der AID Berlin
Berufsorientiertes Studium zum Illustrationsdesigner


von Michel Decomain


Eine brandneue Design-Akademie eröffnete diesen Herbst in Berlin ihre Pforten. Die Akademie für Illustration und Design Berlin, kurz AID Berlin, hat sich im Szene-Kiez Berlin Kreuzberg in der Nähe des Kottbusser Tores niedergelassen. Offiziell läuft der Lehrbetrieb seit dem 1. Oktober2012. Ausgebildet werden hier, wie der Titel bereits andeutet, Illustrationsdesigner, eine Wortneuschöpfung, die den besonderen Ansatz der AID Berlin gut umreißt. Bildgestaltung wird hier nicht nur als schmückendes Beiwerk zur Textverarbeitung, sondern als zentrales Kommunikationsmittel im digitalen Medienzeitalter aufgefaßt. Eine Aufwertung des Illustrationsbegriffs über seine umgangssprachliche Bedeutung hinaus ist also zentraler Ansatz des Lehrbetriebs.

Illustrationsdesigner gestalten Illustrationen, auch in narrativen Kontexten. Sie erklären und vermitteln Inhalte, quer durch die verschiedensten Illustrationsbereiche, von der Infographik über die Buchillustration bis zur Animation. Die Fähigkeit zum Erzählen mit Bildern wird als zentrale Kompetenz aufgefaßt. Dementsprechend fällt natürlich auch Comic in den Aufgabenbereich der AID Berlin, und passend dazu schrieb die Akademie vergangenen Sommer einen Comicwettbewerb aus, bei welchem dem glücklichen Gewinner ein AID-Berlin-Stipendium im Wert von 17.750 € winkte. Teilnehmer sollten hierfür einen Comic zum Berliner Stadtleben in 7,75 Bildern gestalten. Durchsetzen konnte sich die Bremerin Sonja «Shortriver» Kurzbach mit einem originellen Infocomic zur Geschichte der Berliner U-Bahn.
Comicfreunde sollten sich allerdings darüber im klaren sein, daß die AID Berlin kein künstlerisches, sondern ein berufsorientiertes Studium anbietet. Es geht in erster Linie um die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt, und der ist eben ein Dienstleistungsmarkt. Die AID Berlin bildet also nicht speziell zum Comiczeichner aus. Die Studierenden erlernen berufliche Qualifikationen, von denen Zeichen- und Gestaltungstechnik nur Teilaspekte sind, und die unter anderem auch Softwarekenntnisse, Drucktechnik, Urheberrecht, Marketing und Portfoliodesign beinhalten. Das Berufsfeld für neue Illustratoren erfordert eine Breite an Kenntnissen und Flexibilität und keine einseitig ausgebildeten Fachkräfte, die auf wechselnde Anforderungen nicht reagieren können.
In diesem Sinne sieht das Kollegium, das ausnahmslos aus erfahrenen Dozenten aus unterschiedlichsten Lehrbereichen besteht, den üblichen Akademiebetrieb auch eher kritisch: Die Kunsthochschulen vernachlässigen berufsrelevante und strategische Kenntnisse, Spezialistenschulen wie der Comicademy hingegen fehlt die interdisziplinäre Breite, um auf die Anforderungen von Auftraggebern jenseits eines spezialisierten Feldes vorzubreiten. Aus diesen Defiziten heraus erfolgte auch die Neugründung der AID Berlin.
Die Studenten werden also in erster Linie als Dienstleister ausgebildet. Während das Grundstudium Gestaltungsgrundlagen, Designtechniken und Softwarehandhabung sowie berufsstrategische Grundkenntnisse vermittelt, erlaubt das Hauptstudium eine Spezialisierung im Hinblick auf die eigenen Interessensbereiche, auf die dank kleiner Studiengruppen und individueller Betreuung durch die Dozenten auch gezielt eingegangen werden kann. Comic ist hier natürlich auch ein Programmpunkt, wird allerdings interdisziplinär an verwandte Gestaltungsbereiche wie Storyboard oder Motion Design angeknüpft, um auch hier eine Breite an Anwendungsmöglichkeiten und eine optimale Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt anzubieten.
Comic wird dabei explizit als Teilbereich der Illustration aufgefaßt, was den Zugang zur Materie gut auf den Punkt bringt. Interessant übrigens auch, daß die Abtrennung zwischen Comic und Graphic Novel in diesem Zusammenhang als Designaspekt aufgefaßt wird und nicht wie im Feuilleton unter inhaltlichen Gesichtspunkten. Über comicrelevante Inhalte lehrt an der AID Berlin unter anderem Thilo Krapp («Damian & Alexander», siehe COMIC!-Jahrbuch 2010).
Wer also Comics aus persönlicher Leidenschaft zeichnet, sich aber realistischerweise damit keine finanziellen Überlebenschancen ausrechnet und nach einer themenverwandten Berufsausbildung im gestalterischen Bereich sucht, findet in der AID Berlin eine interessante Option. Durch das aus den unterschiedlichsten Designbereichen stammende Kollegium und die regelmäßig im Haus stattfindenden Ausstellungen (kürzlich unter anderem von den Moga-Mobo-Machern) bieten sich auch viele Möglichkeiten für effektives Networking. Studienvor-aussetzung sind lediglich die Berufsbildungsreife (Hauptschulabschluß) sowie eine aussagekräftige Bewerbungsmappe, die vor allem ein gestalterisches Grundtalent sowie die Begeisterung für kreativen Ausdruck vermitteln soll. Die Studiengebühren sind mit 2.520 € pro Semester (das Studium ist auf sieben Semester angelegt) zwar nicht ganz billig (zum Vergleich: An der HS Augsburg – siehe Interview mit Professor Mike Loos – betragen sie 450 €). Allerdings ist das Studium auch BAföG-anerkannt.
Neben dem Studium des Illustrationsdesigns bietet die AID Berlin als Zusatzangebot auch ein Vorstudienjahr Design an, in der praxisorientierte Einblicke in kreative Berufsfelder angeboten und auf erfolgreiche Mappenbewerbungen bei anderen künstlerischen Studiengängen, zum Beispiel an Kunsthochschulen, vorbereitet werden soll. Unentschlossene können sich bei regelmäßig stattfindenden Infoabenden und Schnupperstudien persönlich über die AID Berlin informieren.

Weitere Informationen zu Studium und Akademie:
www.aidberlin.de

Auf den Geschmack gekommen?
Weiterlesen im COMIC!-Jahrbuch 2013
Links zum Artikel

www.aidberlin.de
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