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COMIC!-JAHRBUCH 2012

Herausragendes Artwork:
«Dédé – sind sie tot, Madame?» von Erik

Von Christian Endres


Binnen kürzester Zeit hat sich der deutsche Autor und Zeichner Erik (Frank Erik Weißmüller) mit seinem markanten Zeichenstil und seiner Präsenz in so unterschiedlichen Genres wie Science-fiction und Krimi sowie in digitaler und gedruckter Form einen Namen gemacht. Sein Hardboiled-Detektiv Dédé erscheint seit 2010 in Albenform beim Epsilon Verlag, wo seit Sommer 2011 auch Eriks älteres Webcomic-Projekt «Deae Ex Machina» nach einem Magazin-Zwischenstop in Comix als Hardcover neu aufgelegt wird. So viel Erfolg und Vielseitigkeit muß eingehender beleuchtet werden, und der ICOM-Preis für herausragendes Artwork ist eine gute Gelegenheit für einen Plausch und eine Bestandsaufnahme mit dem in Saarbrücken lebenden Multitalent.


COMIC!: In seiner Laudatio sagte Gerhard Schlegel, «Erik erscheint wie aus dem Nichts in der deutschen Comicszene«. Das klingt, als müßten wir hier noch ein paar Basics aufrollen. Was hast du also vor «Dédé» und «Deae ex machina» getrieben? Du bist gelernter Designer, richtig?

Erik: Erstmal vielen Dank für die Laudatio und für den Preis sowieso! Ich habe zunächst Grafik-Design in Saarbrücken studiert und vor Ort als Art Director gearbeitet, anschließend als reiner Werbetexter in Düsseldorf. Irgendwann war es wohl Zeit, Freiberufler zu werden und Text und Grafik Schritt für Schritt zusammenzuführen. In diese Zeit fällt auch meine persönliche Renaissance des Comics. «Wie aus dem Nichts» hört sich nach einer Punktlandung an, aber in Wirklichkeit habe ich zehn Jahre lang all meine Projekte frankobelgischen Verlagen geschickt – natürlich ohne Erfolg. Das ist wie mit dem Eisberg und seinem schicken Teil oberhalb der Wasseroberfläche. Aber der unansehnliche Großteil des Brockens unter Wasser gehört mit all seiner Patina leider auch dazu.

COMIC!: Seit wann interessierst du dich für Comics?

Erik: Es begann mit Wilhelm Busch, vorgelesen von meinem Opa mütterlicherseits oder meinem Vater, die beide aus Zeiten stammten, in denen man nicht nur Lesen und Schreiben sondern auch Sprechen lernen mußte. Ihre intensiven Stimmen höre ich noch heute, wenn ich Busch lese. Auch als ich selbst lesen konnte, hat mir meine Mutter französische Alben vorgelesen und übersetzt, etwa Asterix. Mein erster echter Held war aber Buck Danny, ich habe zunächst alle Flugzeuge abgezeichnet und anschließend die Protagonisten. Danach habe ich alles gelesen, was erhältlich war und sich Comic nennen durfte. Aber seit ich selbst kaum etwas anderes mache als Geschichten zu schreiben und zu zeichnen, bin ich – nicht nur aus Geldmangel – kein richtiger Comic-Konsument mehr. Am liebsten lese ich mittlerweile Arbeiten, deren Autoren ich persönlich kennenlernen durfte, ganz egal, in welcher Liga sie spielen. Von den zweieinhalbtausend Neuerscheinungen, die der französische Markt seit einiger Zeit jährlich für uns bereitstellt, lese ich im Schnitt zwei. Zuletzt den aktuellen Baru, sehr zu empfehlen.

COMIC!: Wie wichtig war es für deine Entwicklung als Künstler, an der deutsch-französischen Grenze aufzuwachsen? Denkst du, daß du dich wegen der geografischen Nähe so stark zum frankobelgischen Stil hingezogen fühlst?

Erik: Ehrlich gesagt, ist mein Verhältnis zu den frankobelgischen Schulen eher ambivalent. Ich liebe und respektiere sie, aber ich bilde mir ein, ganz anders zu arbeiten. Intuitiver und subjektiver und wenn es sein muß auch einfach mal zickiger. Ich bin mit Regeln aufgewachsen, mein ganzes, von unverfälschter Bauhaus-Pädagogik geprägtes Studium bestand aus nichts anderem. Ich brauche diese Regeln und ich weiß, daß ich mich immer auf sie verlassen kann. Ich verdanke ihnen alles. Aber brechen will ich sie trotzdem. Das ist auch bei Comics so. Entsprechend fühlen sich sowohl US- wie auch frankobelgisch-geprägte Leser regelmäßig an die unterschiedlichsten Zeichner erinnert, deren Stile aber eigentlich in völlig verschiedene Richtungen laufen.

COMIC!: Bist du ein Künstler, der konkret Vorbilder benennt, oder hast du da eher ein ungutes Gefühl dabei?

Erik: Selbst das COMIC!-Jahrbuch ist nicht dick genug für die Liste! Ich hatte nie nur ein einziges Vorbild, sondern immer viele auf einmal. Herkunftsland, Genre, Entstehungszeit – ganz egal. Da, wo andere Comic-Vorlieben haben, hab ich wohl nur zwei große Kinderaugen.

COMIC!: Inzwischen hat auch dein Debüt «Deae ex machina» seinen Weg in den Druck gefunden. Allerdings hast du das Projekt ab 2009 zunächst als kostenlosen Webcomic angeboten. War das just for fun, oder steckte da schon ein konkreter Plan dahinter?

Erik: Es war eher ein Akt der Verzweiflung! 2007 hatte ich ein dickes Dossier von «Dédé» an die Frankobelgier geschickt. Die erste Fassung von «Sind Sie tot, Madame?» war darin, getuscht, gelettert und übersetzt, dazu zwei ebenso ausgearbeitete 22-Seiter und weitere Manuskripte mit grafischen Moods1, unter anderem «Verlieren Sie nicht den Kopf«, heute der zweite Band von «Dédé». Nach den standardisierten Absagen hab ich mich ein halbes Jahr in einem Loch verkrochen und mir geschworen, nie wieder Dossiers an diese Verlage zu schicken. Als ich endlich aus dem Loch raus war, hatte ich mit vielem abgeschlossen. Aber nicht mit dem Bedürfnis zu erfahren, was denn Leser wohl zu meinen Geschichten sagen würden. Genau das hatten mir die Verlage bisher vorenthalten. Der Webcomic war die logische Konsequenz, dabei fiel die Wahl auf die verpuzzelte Saga von den «Deae ex machina», die sich gegen normale Genre-Einteilungen sträubt und den Liebhabern der klassischen Dramaturgie den Angstschweiß auf die Stirn treibt – mir damals übrigens auch. Der ebenso konkrete wie naive Plan war also, innerhalb kürzester Zeit derartig viele deutschsprachige Leser zu begeistern, daß der Comic sich stehenden Fußes durch Werbeeinnahmen finanziert. Im Glauben daran habe ich meinen Job geschmissen und nichts anderes mehr gemacht, 160 Seiten am Stück! Die gesamten Werbeeinnahmen hätten fast für einen Kasten Bier gereicht. Heute sieht das aber ganz anders aus, seit 2009 ist viel passiert, und es gibt einige Beispiele, wie man mit guten Aussichten auf wirtschaftlichen Erfolg an Web- bzw. E-Comics und ihre Vermarktung herangehen kann. Viel wichtiger für mich war aber, daß ich sehen konnte, wie Leser kommen, wie viele Seiten sie lesen, wie lange sie bleiben, daß sie wiederkommen. Es war genau das, was ich immer von den Verlagen wissen wollte. Mit dem Webcomic hatte ich die Leser selbst befragt.

COMIC!: Investierst du noch mal ordentlich Zeit, wenn eines deiner Webcomic-Projekte irgendwo abgedruckt wird?

Erik: Für den ersten Abdruck der «Deae ex machina» im Magazin Comix habe ich nur die Rechtschreibfehler korrigiert und für das schicke Album von Epsilon dann die restlichen Rechtschreibfehler. Immerhin gibt es aber dreieinhalb neue Seiten in Form von aufschlußreichen Prologen zu dieser reichlich verwirrenden Saga. Mit «Deae ex machina» hab ich mich zum ersten Mal im Leben getraut, eine meiner Geschichten zu veröffentlichen. Das ist wie ein Erinnerungsfoto von 2008 und 2009, einer sehr wichtigen Zeit für mich. Es macht keinen Sinn, nachträglich daran rumzuretuschieren.

COMIC!: 2011 hast du mit «Eiszeit» sogar eine deiner früheren Arbeiten als Webcomic veröffentlicht, die schon über zehn Jahre auf dem Buckel hat ...

Erik: Auch die bleibt unverändert! Ich kann eigentlich nicht erklären, warum ich diesen Comic online stelle. Vielleicht nur, weil die Seiten eben da sind. «Eiszeit 1: Piter» läuft über rund hundert Seiten und stammt aus dem Jahr 2000, einer Phase, die stilistisch letztlich zum heutigen Stand geführt hat, aber dennoch ganz anders aussieht und sich beim Lesen auch anders anfühlt. Wer weiß, vielleicht gilt das in zehn Jahren ja auch für die aktuellen Arbeiten. Falls ich so lange durchhalte.

COMIC!: Kannst du uns ein bißchen was über den Werdegang deines Hardboiled-Schnüfflers Dédé erzählen?

Erik: Dédé ist die Folge einer völligen stilistischen und inhaltlichen Verwirrung meinerseits. Ich wollte einfach Comicautor und -zeichner werden, das war mir bei aller Naivität klar. Was ich erzählen wollte und wie das grafisch aussehen sollte – ich hatte keine Ahnung und war wie ein Schwamm, der alles aufsaugt und nichts ablehnt. Nach «Eiszeit» bin ich im Urlaub zufällig in einer Hergé-Ausstellung gelandet, mit vielen Bleistift-, Tusche- und Farboriginalen von «Tintin au Tibet». Ich war wie elektrisiert von dieser Qualität und Magie! Ein paar Wochen später wurde Dédé geboren als böse und erwachsene Persiflage auf Tintin, die Alliteration im Titel weist noch heute darauf hin. Die erste Version folgte grafisch gnadenlos der Ligne Claire, konterkarierte sie inhaltlich aber genauso vehement. Nur trug sie auf diese Art leider keine visuelle Handschrift. Der zweite Anlauf, die Katastrophe von 2007, hatte dann schon etwas mehr grafische Eigenständigkeit. Aber erst der Deae-Marathon hat so etwas wie stilistische Sicherheit in meine Arbeit gebracht. Im Nachhinein muß man sagen, daß Dédé tatsächlich erst 2010 reif für eine Veröffentlichung war. Erst da hatte ich das Spannungsfeld begriffen zwischen der grafischen Anmutung einer Serie für Jugendliche und den kruden, teils zynischen Geschichten mit ihren Boshaftigkeiten, scheußlichen Situationen und derben Charakteren. Im Sommer 2009 war ich völlig erledigt und konnte mir nicht vorstellen, «Deae ex machina» einfach so ins Blaue hinein weiterzuführen. Also hab ich Mark Fischer kontaktiert, um zu fragen, ob er sich denn für kürzere Stoffe von mir interessiert. Er war der einzige deutsche Verleger, der auf den Webcomic reagiert hatte. Ein paar Wochen später habe ich ihm das komplette Dossier von 2007 geschickt, ergänzt um ein paar neue Seiten auf dem aktuellen Stand, die genauso in «Dédé 1» übernommen wurden. Diese Ausarbeitung ging also exklusiv an Epsilon.

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2010
248 Seiten S/W und 4c
EUR 15,25
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