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COMIC!-JAHRBUCH 2012

Endlich volljährig!
18 Jahre ICOM Independent Comic Preis

Von Klaus Schikowski


Er ist eine Institution und wird in der Szene hoch geschätzt: Der ICOM Independent Comic Preis, der in diesem Jahr zum 18. Mal vergeben wurde. Die Preise ergeben fast eine kleine Geschichte des deutschsprachigen, unabhängigen Comics.

Comicpreise in Deutschland sind überschaubar. Da gibt es zum einen den wohl renommiertesten deutschen Preis, den Max-und-Moritz-Preis, der 1984 vom ICOM, der den ersten Comic-Salon in Erlangen organisierte, ins Leben gerufen wurde und dort seitdem alle zwei Jahre vergeben wird. Als Geldgeber konnte gleich zu Anfang Bulls Pressedienst gewonnen werden. Dennoch sind nur wenige Kategorien über eine Medaille und ein Brot in Form der berühmten Figuren von Wilhelm Busch hinaus dotiert. Der Hauptpreis wird dem besten deutschsprachigen Comic-Zeichner (bzw. der besten Comic-Zeichnerin) zugesprochen, es gibt mittlerweile natürlich aber noch weitere Kategorien (unter anderem auch für die beste deutschsprachige Comic-Publikation) ausgewählt von einer Jury von Experten, die den gesamten Output deutscher Verlage bewertet.
Des weiteren gibt es noch weitere Preise, die jüngeren Datums sind, und die bestimmte Comic-Veranstaltungen aufwerten: Der Sondermann-Preis (benannt nach einer Figur des Cartoonisten Bernd Pfarr) auf der Frankfurter Buchmesse, ein Publikums- und Bestsellerpreis, der seit 2004 vergeben wird; sowie der Peng!-Preis, der seit 2005 zweijährlich auf dem Münchner Comicfestival vergeben wird; als Jury fungieren Experten und Kritiker, die per Mail abstimmen. Zu gewinnen gibt es bei beiden Preisen Ruhm und Ehre. Und 2011 wurde erstmals der Kurt-Schalker-Preis für den besten deutschen Webcomic verliehen. Es gibt natürlich noch kleinere Zeichenwettbewerbe, aber im großen und ganzen war es das schon. Ein offizieller, vom Börsenverein des deutschen Buchhandels verliehener Deutscher Comicpreis ist wohl eher illusorisch.
Das bedeutet also, daß der ICOM Independent Comic Preis, der seit 1994 jährlich vergeben wird, der zweitälteste Comicpreis in Deutschland ist. Die Vorgeschichte des Preises ist etwas kurios: 1993 wurde auf dem Hamburger Comicsalon einmalig der Max-und-Moritz-Preis außerhalb Erlangens verliehen. Dort wurde auch ein vom ICOM initiierter Max-und-Moritz-Fanzine-Preis (dotiert mit 2.000 DM, die von den Verlagen gespendet wurden) vergeben, den Andreas Michalke und Minou Zaribaf für ihre Heftreihe «Artige Zeiten» erhielten. Aber die Fanzine-Prämierung wurde im Jahr darauf wieder fallen gelassen, und so rief der damalige ICOM-Vorsitzende Niels Kolditz kurzerhand den ICOM-Preis ins Leben.
Dieser kann noch auf weitere Besonderheiten verweisen: Ausgezeichnet werden nur deutschsprachige Eigenpublikationen, die in unabhängigen Klein- oder Selbstverlagen veröffentlicht wurden – und zudem ist jede einzelne Kategorie dotiert (dies schon, weil anfangs allein für die Fanzine-Herausgeber gedacht, damit diese ihre Druckkosten decken können). Durch diese Unterstützung der Kleinverlagsszene betreibt der Interessenverband Comic e. V. auch Nachwuchsförderung. Für viele der heutzutage tätigen und bekannten Comickreativen war es der erste Schritt auf der Karriereleiter, denn sie erhielten schon früh den ICOM-Preis, bevor die Karriere so richtig startete: Robi (d. i. Rochus Hahn), der als gefragter Drehbuchautor für Film und Fernsehen arbeitet, erhielt bereits 1996 einen Preis, der Österreicher Nicolas Mahler, gerade im letzten Jahr mit dem Max-und-Moritz-Preis für den besten deutschsprachigen Künstler ausgezeichnet, erhielt seinen ersten ICOM-Preis 1999, und ein zweiter folgte 2002. Diese Liste läßt sich nun fortsetzen: Mawil gewann 1998, 2003, 2004 und den Hauptpreis 2007; ansonsten sind unter den Preisträgern: Flix, Ulf K., Reinhard Kleist, Uli Oesterle, Arne Bellstorf, Line Hoven oder auch der Comedian FiL. Diese Aufzählung liest sich wie ein Who’s Who der zeitgenössischen deutschen Comiczeichner, und sie ist beileibe nur ein winziger Ausschnitt aller Preisträger bis zum heutigen Tag.
Natürlich gab es auch Namen und Titel, von denen man nie wieder etwas gehört hat, wer kennt heutzutage beispielsweise noch den Gewinner von 1997, «Das Hochzeitsfanzine» von Anja & Joy, das tatsächlich zu einer Hochzeit entstand? Doch insgesamt bildet der ICOM-Preis auch eine Chronik des deutschsprachigen Comics abseits des Mainstreams ab. Diese Chronik läßt sich auch in den Comic!-Jahrbüchern nachlesen, die seit 2000 erscheinen. Wer sich also für die Anfangstage eines Zeichners interessiert, der sollte sich die Interviews mit den Gewinnern noch einmal durchlesen, denn sie sind oftmals erhellende Werkstattberichte über die ersten Schritte als Comic-Zeichner.
Blickt man einmal zurück auf die Geschichte des Preises und seiner Preisträger, so läßt sich auch von den Veränderungen beim Independent-Comic innerhalb der letzten 18 Jahre in Deutschland berichten. Als der Preis 1994 erstmalig vergeben wurde, wurden gerade einmal drei Kategorien ausgelobt: Bestes Fanzine und jeweils für den besten Comic-Beitrag in den Stilrichtungen «Funny» und «Realistisch». Gewonnen hat damals das Fanzine SI-KARTUUN 9 (Untertitel: Siegens bestes Comic-Magazin). Auch wenn das Fanzine heutzutage kaum noch Bekanntheit besitzt, so war doch einer der Herausgeber Michael Groenewald, der sich als Redakteur bei Carlsen und Reprodukt vor allem mit der Betreuung deutschsprachiger Zeichner einen Namen gemacht hat. Mit Haggi (Hartmut Klotzbücher) und Markus Huber wurden zudem zwei Zeichner prämiert, die den deutschen Comic langfristig begleiten sollten. Haggi hat mit dem orthographiefremden Hartmut immer noch eine Heftreihe, die regelmäßig erscheint, und Huber wurde im Zuge der Avantgarde-Ausstellung «Mutanten» international bekannt, womöglich ist sein Name auch im Ausland noch bekannter als hierzulande.
Doch die erste Preisvergabe war der Beginn einer langen Tradition. Im Folgejahr mußte der Hauptpreis erstmals geteilt werden und wurde gleich an zwei Magazine verliehen: SPRÜHENDE FANTASIE aus dem Hause Flying Kiwi Verlag und das legendäre Horrormagazin MENSCHENBLUT, das bereits Anfang der 1980er Jahre von Michael Hau, Michael «Mille» Möller und Robi gegründet wurde. MENSCHENBLUT steht rückblickend für den Versuch, realistische und kompromisslose Genre-Geschichten in Deutschland zu etablieren, aber mit mancher Ausgabe landete man auch auf dem Index für jugendgefährdende Schriften. Sowohl Hau als auch Möller gehören mittlerweile zu den besten Letterern des Landes.
MENSCHENBLUT räumte konsequenterweise von 1995–1998 jährlich einen Preis ab. Aber es war auch die Zeit der Fanzines; sie hießen ZEITLUPE, KROMIX, LIPPE, UNANGENEHM oder WACKA WACKA und ihnen gemeinsam war nicht nur der Wunsch, Comics zu veröffentlichen, sondern auch das Do-it-yourself-Ethos und vor allem auch ein nicht ganz so bierernster Umgang mit dem Medium. Das gilt auch für den Preisträger als bester Funny 1996, die Tarzan-Parodie «Knurf, Held der grünen Hölle» von den Gebrüdern Dinter beim Zwerchfell-Verlag. Stefan, Matthias und Jan Dinter sind dem Comic bis heute treu geblieben, und sie sind weiterhin für den grandios-bösartigen Flyer «Der röhrende Hirsch» verantwortlich, der das lästerliche Lotter(nacht)leben auf Festivals täglich in schriftlicher Form festhält. Zudem hat Stefan Dinter schließlich in diesem Jahr erneut gewonnen, denn nach dem Relaunch des Zwerchfell Verlags startete man mit der Reihe «Die Toten» durch und bekam prompt den Preis für den besten Independent-Comic. Kurzgeschichten, die auch sehr gut in das Magazin MENSCHENBLUT gepaßt hätten.
Der ICOM-Preis mußte jedoch mit aktuellen Entwicklungen Schritt halten, und damit das erzählerische Talent ebenso Widerklang findet, wurde 1997 der Preis für das beste Szenario eingeführt (für eine laut Jury «subtile, sanfte Horrorgeschichte von Mille Möller in MENSCHENBLUT). In jenem Jahr waren 21 Publikationen ins Rennen gegangen, und die Jury entschied sich «schwerpunktmäßig für kleine Magazine mit geringer Auflage, die von Liebhabern meist unter finanziellen Opfern hergestellt und vertrieben werden.» So ist auf der ICOM-Seite nachzulesen. Liebhaber, Opfer, solche Sätze sagen mehr über die Indie-Szene aus, als so mancher Artikel aus der damaligen Zeit.

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2010
248 Seiten S/W und 4c
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