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COMIC!-JAHRBUCH 2012

Grafischer Roman in den Niederlanden:
Salonfähig oder Marketing-Gag?

Von Rik Sanders
aus dem Niederländischen von Mark O. Fischer


Das Phänomen Graphic Novel ließ die niederländische Comicwelt in den letzten zwölf Monaten nicht unberührt. Die Medien setzten sie regelmäßig in die Schlagzeilen und brachten Interviews mit Zeichnern und zahllose Rezensionen. Kritiker finden jedoch, daß das Label Graphic Novel zu sehr ein Marketinginstrument wird. Andere verweisen auf die positive Wirkung, die es auf die Comicwelt hat.

Das wöchentliche Meinungsblatt Vrij Nederland publizierte im Juli 2011 eine Übersicht von 65 grafischen Romanen. Was auffällt: Auf «Maus» von Art Spiegelman und «Ein Vertrag mit Gott» von Will Eisner folgen fast nur noch Titel aus den letzten Jahren. Als ob in den Jahrzehnten davor kein einziger Comic mit literarischem Gehalt erschienen wäre! Neben fehlender Kenntnis über die Comicwelt registrieren Kritiker, daß das Label Graphic Novel eine hohle Marketingphrase zu werden beginnt. Das Comicmagazin Zone 5300 befaßte sich im Herbst 2010 mit dieser Abwertung des Terminus. Schwerwiegendste Beschwerde: Verlage kleben das Prädikat schon auf beinahe jeden Comic, der für ein erwachsenes Lesepublikum gedacht ist.
Der Verlag Don Lawrence Collection zum Beispiel trieb es zu bunt mit der Herausgabe eines Abenteuercomics über den zweiten Weltkrieg, «Haas» von Fred de Heij und Rob van Bavel, in einem schönen Hardcover (der niederländische Comicmarkt hat meist Softcoverausgaben) unter der Empfehlung Graphic Novel. Der Verlag Oog & Blik brachte «De sluipschutter» (Der Heckenschütze) von Machette und Tardi heraus mit dem Slogan «Endlich ein graphic thriller!» Als ob Tardi, und viele Autoren mit ihm, nicht schon früher gleichartige Comics noirs gemacht hätten. «Ist das journalistische Leichtfertigkeit, Unwissenheit oder bloß Mißachtung des Comiclesers?», schrieb ein Rezensent im Comicfachmagazin Stripschrift. Die überregionale Zeitung De Volkskrant verkaufte eine Spezialausgabe von «Gagarin. Het grootste avontuur van de mensheid» (Gagarin. Das größte Abenteuer der Menschheit, Lebowski Verlag), ein Comic über den russischen Kosmonauten Juri Gagarin von Rob van Scheers und Gustavo Garcia als «eine besondere Graphic Novel über sein Weltraumabenteuer».


Positiver Einfluß

Nicht jeder findet es bedenklich, daß die Definition des Begriffs Graphic Novel sehr dehnbar ist. Das liefert positive Aufmerksamkeit (Comics werden salonfähig) und einen Strom neuer Publikationen, sowohl aus dem Ausland als auch von niederländischem Boden. Auch ist aus der wissenschaftlichen Ecke ein wachsendes Interesse an Untersuchungen der grafischen Literatur erkennbar. Die Universität von Amsterdam (UvA) präsentierte an einem gutbesuchten Abend die Sammlung «The rise and reason of comics and graphic literature» (McFarland Company). Einer der Kuratoren, Dan Hassler-Forest, promovierte 2011 an der UvA selbst mit dem Thema «Superheroes and the Bush Doctrine: Narrative and Politics in Post? 9/11 Discourse». Bemerkenswert war, daß an diesem Abend im November 2010 nur einen Steinwurf entfernt in Amsterdam eine Diskussionsveranstaltung über den grafischen Roman von der SLAA (Stichting Literaire Activiteiten Amsterdam) im bekannten Debattierclub De Balie organisiert wurde. Auch hier war der Saal proppenvoll. Das ist beispiellos für die niederländische Comicwelt: Diese Art Zusammenkünfte zogen bis vor ein paar Jahren kaum Publikum an.
Verlage sehen durch das Aufkommen der Graphic Novels endlich die Chance, um ihre Ausgaben auch an den Buchhandel zu verkaufen, neben dem üblichen Vertriebsweg über Comicläden. Es stimuliert sie zum Herausbringen von mehr Comics, die an Erwachsene gerichtet sind. Nicht nur aus den USA, der Wiege der Graphic Novel, sondern auch aus diversen anderen Ländern. Unter der Flut neuer Bildromane befinden sich auch zahlreiche interessante niederländische Titel. Junge Zeichner lassen sich von der kreativen Freiheit, die der grafische Roman bietet, inspirieren und kommen mit eigenen, oft autobiografischen Produktionen. Ein starkes Vorbild ist «Op weg naar Zoar» (Auf dem Weg nach Zoar, Prometheus Verlag) von Sela, Pseudonym für die bildende Künstlerin Liesbeth Goudswaard-Labeur. Sela skizziert in dem Buch das Leben zwischen einem reformatorischen Milieu und der Suche nach einer religiösen Identität. Das Buch bekam den Stripschappenning 2011 in der Kategorie niederländische Literatur. Auch der junge Zeichner Tim Enthoven überraschte mit «Binnenskamers» (Im stillen Kämmerlein, De Harmonie/Bries), einem experimentellen Comic über sein Ringen mit dem Leben und sein Studium im Fach Gestaltung. Sandra de Haan publizierte «Hokjesdenken» (Schubladendenken, Zone5300 /Rotown Magic), eine Sammlung ihrer Comictagebücher über all ihre täglichen Mühen mit viel Fantasie und Fröhlichkeit.
Für Zeichner, die schon länger dabei sind, bietet das Phänomen Graphic Novel eine Anleitung, um mal einen anderen Weg einzuschlagen. Von Milan Hulsing erschien bei Oog & Blik «Stad van klei» (Eine Stadt aus Lehm), eine Bearbeitung der Novelle «Al-Khaldiya» (Over de brug, Über der Brücke) des ägyptischen Schriftstellers Mohamed El Bisatie. Auch Hanco Kolk («Meccano») entschied sich für eine literarische Zusammenarbeit. Er realisierte zusammen mit dem Schriftsteller Arnon Grunberg «Van Istanbul naar Bagdad» (Podium Verlag), einen grafischen Roman über die Grenzen von Kriegsberichterstattung. René Windig und Eddie de Jong, Erfinder des Zeitungsstrips «Heinz», schließlich brachten mit einem Augenzwinkern «Heinz – De graphic novel» (Oog & Blik/De Bezige Bij). Sie hatten einst einen Plan für den Animationsfilm «Heinz the movie». Der Plan mißlang, aber das Szenario konnten sie für diesen satirischen Comic wiederverwenden.


Neuer Elan

Nicht alles, wo der Stempel Graphic Novel draufsteht, ist erfolgreich. Das mit viel Tamtam angekündigte literarische Comicmagazin Eisner gab nach fünf Nummern den Löffel ab. Ein undeutliches Konzept, ein unregelmäßiges Erscheinen, eine schwache Promotion und eine schlechte Verbreitung standen dem Erfolg im Weg. Ein gelungenerer Versuch zu zeigen, was für Talente in der niederländischsprachigen Comicwelt blühen, ist die schön gestaltete und mit staatlicher Unterstützung realisierte Publikation «Mooi is dat! Hoogtepunten van de Nederlandstalige literatuur verbeeld» (Schön ist das! Höhepunkte der niederländischen Literatur verbildlicht, De Vliegende Hollander Verlag). Beinahe sechzig Comiczeichner aus den Niederlanden und Flandern bekamen den Auftrag, niederländische literarische Romane auf einer Seite zu vercomicen. «Schön ist das!» kann man als eine Qualitätsschau der niederländischsprachigen Comicwelt betrachten.
Symbolisch für den neuen Comicelan ist das Phänomen «Kunststripbeurs», eine Börse, wo Comiczeichner selbst ihre Werke an den Mann bringen anstatt über ihre Verlage. An diversen Orten in den Niederlanden wie Utrecht, Groningen und Breda fand diese Art Veranstaltungen statt. Das Schöne daran ist, daß Zeichner den Platz erhalten, um auf all ihre Werke aufmerksam zu machen. Oft zeigen sie auch Gemälde, Animationen oder Figuren neben ihren üblichen Comics.
Auf dem Gebiet von Comicbörsen fiel außerdem der Umzug der Stripdage auf, dem bekanntesten Comicfestival der Niederlande. Normalerweise wird diese Börse im September organisiert, aber weil im selben Zeitraum eine konkurrierende Comicbörse in Breda ihren Sitz wählte, beschloß der Organisator Het Stripschap die Börse in den März zu verlegen. Dafür mußte auf einen neuen Standort ausgewichen werden: die Veranstaltungshalle in Gorinchem. Die Aufmerksamkeit, die der grafische Roman erregt, veranlaßte Het Stripschap, die niederländische Vereinigung für Comicliebhaber, dies zum Thema der erste Ausgabe in Gorinchem, die am 12. und 13. März 2011 stattfand, zu machen. Theo van den Boogaard, Zeichner von «Sjef van Oekel», machte dafür einen passenden Plakat-Entwurf.

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2010
248 Seiten S/W und 4c
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