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COMIC!-JAHRBUCH 2012

Comicmarkt Frankreich 2010/2011:
Dynamische Stagnation in prekären Verhältnissen

Von Britta Madeleine Woitschig


Gilles Ratiers Analyse der frankobelgischen Comicbranche im jährlichen ACBD-Bericht im Dezember 2010 wurde von zwei weiteren Studien und einem Geschäftsbericht der Comicstadt Angoulême flankiert, die ernüchternd wirken. In Kooperation mit dem sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut CRISP stellte der belgische Berufsverband SMartBe im November 2010 zwei Untersuchungen über den Berufszweig vor, die einander ergänzten: Pascal Lefèvre und Morgan Di Salvia widmeten sich mit der Unterstützung von Erwin Dejasse der Situation der Autoren von Comics und Kinderbüchern in Belgien, während Marie Challe und Anne Dujardin die konkrete Lage der Verlage und des Handels untersuchten. Das prägendste Ereignis der letzten Monate in der öffentlichen Wahrnehmung war jedoch die Krise um den Verlag und die Künstlergruppe L‘Association, die monatelang für Schlagzeilen sorgte. Gilles Ratiers Bilanz über die letzten drei Jahre CIBDI ging in diesem Trubel beinah unter.


Prekäre Traumberufe:
Die belgische Comicbranche im Alltag

Die statistischen Belege der CRISP-SMartBe-Studien sind ernüchternd, zumal das Comicland Belgien von außen als Paradies erscheint. Lefèvre und Di Salvia werteten auf 184 Seiten die Daten aus, die online vom 24. Oktober bis zum 22. November über den Dienst Survey Monkey1 erhoben wurden. Comic- und Kinderbuchautoren wurden über Fachpublikationen sowie die persönlichen Netzwerke von Lefèvre, Di Salvia und Dejasse informiert, wodurch 604 Personen kontaktiert wurden, von denen 263 antworteten. Von 421 Befragten in Brüssel und der Wallonie nahmen 191 an der Studie teil, während es in Flandern 72 von 183 waren. Die belgische Hauptstadt mit ihrem Speckgürtel in den beiden angrenzenden Regionen sowie die wallonische Region Hainault, durch die die Thalys-Strecke Brüssel-Paris führt, sind überrepräsentiert.
Kinderautoren sind besser organisiert als Comicautoren, die flämischen Befragten engagieren sich mehr in Verbänden als die wallonischen; generell sehen sich Comicautoren weniger als Kollegen denn als Konkurrenten. Die Preise für die Werke stagnieren seit gut 15 Jahren, teilweise erhalten die Autoren kein finanzielles Honorar und können froh sein, wenn sie einige Belegexemplare oder Autorenrabatt für ihre Werke bekommen. Hinzu kommt der Umstand, daß gerade der Nachwuchs miserabel über die eigene juristische Position unterrichtet ist und sich kaum im Urheber-, Verwertungs- und Markenrecht auskennt. Bis zum Alter von 35 Jahren sollten sich junge Autoren deshalb etabliert haben, andernfalls wird das Comiczeichnen zu einer Zwischenphase im künstlerischen Lebenslauf. Die steuerliche Erfassung verstärkt diesen Effekt, denn um als professionelle Comicautoren anerkannt zu werden, wird ein jährliches Nettoeinkommen von 51.920 € verlangt, obwohl 2007/2008 das durchschnittliche Jahreseinkommen bei 25.680 € lag. Deshalb erhalten zahlreiche Comicautoren Unterstützungen zum Lebensunterhalt durch das belgische Sozialsy-stem CPAS.
Die Autoren der Studie fassen den Beruf des Comicautors allerdings extrem eng, da sie lediglich die alleinigen Verfasser kompletter Werke erfassen. Das Schreiben von Szenarios und das Kolorieren werden aus dieser Sicht ebenso als Nebenverdienste betrachtet wie Posten als Herausgeber, Redakteur, Verleger und in der Distribution von Comics. Die wenigsten Autoren leben von Comics allein, vielmehr bewegen sie sich innerhalb der Kulturszene, wenn sie lukrative Aufträge aus den Sparten Werbung, Bildender Kunst, Theater und Film annehmen oder für die Tagespresse aktuelle Cartoons zeichnen.
Die komplexe Infrastruktur der Branche ist in die Kulturpolitik und Touristikindustrie Belgiens eingebunden, weshalb es Zuschüsse für bestimmte Aktivitäten gibt, die 15–50 % der Kosten decken und so Verluste verhindern. Subventionen von bis zu 750 € werden von den Berufsverbänden SACD/SACM und dem belgischen Außenhandelsbüro WBI für die Teilnahme an Festivals im Ausland vergeben; Anfänger können ihre Werke für 750€ bei SACM von erfahrenen Kollegen lektorieren lassen. Der Verband Charte des Auteurs et Illustrateurs Jeunesse2 hat eine Tariftabelle für Liveauftritte in der Branche ausgearbeitet, an der sich der Nachwuchs orientieren kann: Für Interviews und größere Veranstaltungen sollten für einen ganzen Tag 390 € brutto verlangt werden, für einen halben Tag 230 € brutto. Das Honorar für Signierstunden wird auf 195 € brutto pro Tag veranschlagt, für einen halben Tag sollten 118 € brutto verlangt werden. Durch die Struktur der Branche entsteht eine Schieflage, denn die lukrativsten Durchschnittseinkommen von 2.000 bis 2.499 € pro Monat erreichen Koloristen, während sich reine Comicautoren mit durchschnittlich 1.000 bis 1.499 € pro Monat begnügen müssen.3
Die Studie von Challe und Dujardin ermittelt vergleichbar prekäre Verhältnisse im Verlagswesen, denn die klassische Vorstufe der (bezahlten) Publikation in Magazinen ist in den letzten Jahrzehnten weggebrochen. Weil sie dennoch präsent sein müssen, um sich am Markt behaupten zu können, sind mittlerweile von den Kreativen betriebene Blogs und Homepages der Verlage üblich, die aber kaum entlohnt werden. Außerdem erhalten Autoren und Zeichner ihre Honorare von den Verlagen häufig mit erheblichen Verzögerungen, während kostenlose Dienstleistungen der Kreativen in der familiären Szene erwartet und eingefordert werden.
Nach Challe/Dujardin teilt sich der Markt in drei Segmente, die unterschiedlich funktionieren. Als Majors4 betrachten sie Konzerne, die einen Umsatz von mindestens 25 Mio € ausweisen. Dazu zählen sie als rein belgische Unternehmen auf wallonischer Seite Casterman, Dargaud-Lombard und Dupuis (formal sind sie zwar eigenständig, sämtliche Verlage gehören jedoch zum transnationalen Konzern Média-Participations), während der flämische Comicmarkt von Standaard Uitgeverij beherrscht wird. Im mittleren Segment mit einem Umsatz von vier bis 25 Mio € und mindestens vier ständigen Angestellten gibt es lediglich Glénat Bénélux auf wallonischer Seite und Balloon Media auf flämischer. Die alternativen Independents und der Fanzinebereich werden von Ein-Personen-Unternehmen gestaltet, bei denen die künstlerische Qualität im Vordergrund steht, weshalb Defizite wohlwollend in Kauf genommen werden und bestenfalls die Kosten gedeckt werden sollen. Durch diese Konzepte ergeben sich drei unterschiedliche Verlagspolitiken.
Die Geschäftsführer und künstlerischen Direktoren sind in ein Netz von Zuträgern eingebunden, die als Trendscouts den Entscheidungsträgern zuarbeiten, die ihren Status über ihre Kataloge definieren. Dabei wird angestrebt, Titel mindestens zehn Jahre in der Backlist vorrätig zu halten; falls ein Titel die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt oder Serien defizitär werden, ist das Aus unumgänglich. Majors kalkulieren mit einer Backlist von 2.000–10.000 Titeln, zu denen jährlich 200–350 neue Titel hinzukommen. Auflagen unter 2.000 Exemplaren sind dabei indiskutabel, Erstauflagen werden mit durchschnittlich 10.000 Exemplaren angesetzt, bei erfolgreichen Serien 30.000 und bei Bestsellern 100.000. Der Break-Even («Schwarze Null») wird im Albenbereich bei 8.000–20.000 Exemplaren angesetzt, bei Manga mit 5.000–6.000 Exemplaren. 2008 hielten die drei Majors einen Anteil von 39,5 % des französischen Marktes, erzielten jedoch nur 15 % auf dem belgischen Markt, während 85 % der Erlöse aus dem übrigen frankophonen Markt und Lizenzen stammen. Den Künstlern bezahlen die Majors 400–450 € pro Seite.
Alternative Kleinverlage hingegen bescheiden sich mit einem Katalog von 10–40 Titeln, der jährlich um 5–10 Titel wächst. Die Auflagen schwanken zwischen 500 und 2.500 Exemplaren. Weil Nachdrucke diese Verlage existenziell gefährden, wird in der Regel auf sie verzichtet. Die Autoren erhalten höchstens 3.000 € für ein komplettes Album.
Die Kleinstverlage im Fanzine-Sektor entlohnen ihre Mitarbeiter bestenfalls mit Belegexemplaren und Autorenrabatten, weisen ihre Mitarbeiter jedoch auf die Verwertungsrechte hin. Wer mindestens 10 veröffentlichte Seiten in einem Jahr vorweisen kann, kann sich beim VLF registrieren lassen. Der Fanzine-Bereich hat sich auf hochwertige Buchkunstobjekte spezialisiert, die in einmaligen Auflagen von 100 bis 500 Exemplaren publiziert werden. Vertrieben werden diese Werke online und auf Festivals.
Dejasse merkt an, daß Neuerscheinungen drei Monate im Buchhandel auf Vorrat gehalten werden, davon 15 Tage auf dem Tisch für Neuheiten. Danach wird der Titel als kaufmännisch tot betrachtet. Verschärft wird diese heikle Situation, die auf den kurzfristigen Gewinn schielt, durch eine Konzentration im Handel. Kioske und Hypermarché haben nur einen begrenzten Platz für wenige aktuelle Bestseller, darüber hinaus wird auch dieser Sektor mehr und mehr von Franchise und Ketten geprägt.5
Eine vergleichbare Studie für Frankreich wird derzeit erhoben.

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2010
248 Seiten S/W und 4c
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