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COMIC!-JAHRBUCH 2012

Unendliche Fantasie
Daniel Lieske und seine «Wormworld Saga»
auf der unendlichen Leinwand im Internet

Von Christian Endres


In den Neunzigern sprach Scott McCloud zum ersten Mal begeistert von den reichhaltigen Möglichkeiten für Webcomics. Besonders das Konzept der «infinite canvas«, also der quasi unendlichen digitalen Leinwand, und eines Comics auf einer einzigen gewaltigen Seite hatte es McCloud angetan. Trotz der Vision und Fürsprache des Gurus der Comic-Theorie setzte sich der vertikal gescrollte Wandteppich jedoch nicht gegen das obligatorische Klick-für-Klick-Prinzip durch. Die unendliche Leinwand galt nicht zuletzt wegen ihrer angeblichen Unvereinbarkeit mit dem Print-Medium als gescheitert.
Von dieser mehr als ein Jahrzehnt lang kultivierten Abneigung völlig unbeeindruckt, veröffentlichte der 1977 geborene digitale Maler und Computerspieldesigner Daniel Lieske im Dezember 2010 das erste Kapitel seiner «Wormworld Saga» im Internet. Der komplett digital produzierte und veröffentlichte Fantasy-Comic ist voll und ganz auf das Prinzip der unendlichen Leinwand ausgelegt und erzählt innerhalb dieses geschmeidig fortlaufenden Formats die Abenteuer des kleinen Jonas, der durch ein Gemälde im Landhaus seiner Großmutter eine fantastische Welt betritt. Die Reaktion der Netzgemeinde auf das erste Kapitel von Lieskes bunter Comic-Saga war enorm: Nach zwei Wochen hatten bereits 150.000 Leser das erste Kapitel angesurft; ein Vierteljahr später wurde die Marke von 700.000 Seitenaufrufe geknackt. Außerdem konnte über das Internetportal kickstarter.com die Entwicklung einer Wormworld-Applikation gesichert werden, auf der die Zukunft der Saga ruht.
Im Interview spricht Daniel Lieske über die Faszination der unendlichen Leinwand, die Chancen von digitalen Comics und die Planungen für seine Fantasy-Geschichte, die er schon jetzt als sein Lebenswerk bezeichnet.

COMIC!: Hallo Daniel. Hast du dich inzwischen daran gewöhnt, daß Begriffe wie «Überraschungserfolg» oder gar «Phänomen» fallen, wenn über deine «Wormworld Saga» berichtet wird?

Daniel Lieske: Ich beginne erst ganz langsam zu begreifen, was überhaupt in den letzen Monaten passiert ist. Es fällt unheimlich schwer, Dinge und Ereignisse zu beurteilen, wenn diese sich größtenteils im virtuellen Raum abspielen. Aber dies ist nun mal auch der Raum, in dem ich meine Geschichte angelegt habe, und wenn ich diese ernstnehme, dann muß ich mir auch erlauben, die Dinge ernstzunehmen, die dadurch ausgelöst wurden. Und darunter sind durchaus auch höchst physikalische Dinge wie Pakete, die ich zur Post bringen muß, oder Filmteams, die in meinem Arbeitszimmer herumwuseln.

COMIC!: 2003 bist du zum ersten Mal der Idee deiner «Wormworld Saga» nachgegangen. Erzählst du uns ein bißchen etwas über die Einflüsse und die Entstehung deiner Geschichte?

Daniel Lieske: Wie jede Story hat auch die «Wormworld Saga» ganz klein angefangen. Ein paar lose Ideen zum mythischen Hintergrund einer Fantasy-Welt haben den Startpunkt markiert. Über die Zeit sind dann immer wieder mal Ideen dazugekommen, und einen richtigen Sprung hat die Geschichte gemacht, als ich meinen Protagonisten entdeckt habe. 2006 habe ich das Bild «The Journey Begins» gemalt und in diesem Motiv, welches den damals noch namenlosen Protagonisten auf einem dunklen Dachboden vor einem magischen Bild hockend zeigt, sind dann ganz viele Fäden zusammengelaufen. Ich habe mich dann einfach für diesen Jungen interessiert und auf die Frage, wer er ist, wohin seine Reise geht und welchen Sinn das alles macht, habe ich dann über die Jahre so viele Antworten gefunden, daß letztendlich eine ganze Geschichte daraus geworden ist.

COMIC!: Deine Arbeit für die Spiele-Branche hat den heutigen Look der Saga stark geprägt, oder?

Daniel Lieske: In dem Sinne, daß ich eher einen malerisch/illustrativen Ansatz anstatt eines klassisch gezeichneten Comicansatzes verfolge, ja. Mindestens genau so stark hat mich allerdings der japanische Anime beeinflußt. Ich denke, man sieht der «Wormworld Saga» an, daß eher andere Medien als der Comic einen großen Einfluß auf mich ausgeübt haben. Ich bin stilistisch stärker in der digitalen Illustration und der Concept Art für Computerspiele verwurzelt, und wenn ich an Geschichten denke, läuft in meinem Kopf eher ein Film ab als ein Comic.

COMIC!: Warum hast du ausgerechnet 2010 den Schritt nach vorn gemacht und das erste Kapitel abgeschlossen und publiziert? Hatte die rasante Entwicklung um das iPad und ähnliche Geräte Einfluß auf deine Zeitplanung?

Daniel Lieske: Ich glaube, der Zeitpunkt der Veröffentlichung hängt viel mehr damit zusammen, daß die Geschichte reif war, erzählt zu werden. Als ich Ende 2009 mit der Planung des ersten Kapitels begann, waren Tablets noch kein großes Thema. Ich bin allerdings sehr froh, daß sie es heute sind, und im Nachhinein könnte man wohl sagen, daß das ein sehr glücklicher Zufall ist. Aber ursprünglich habe ich die «Wormworld Saga» einfach nur auf einem Bildschirm gesehen. Schön, daß man den jetzt in die Tasche stecken und überall mit hinnehmen kann! (Fun Fact: ich schreibe dieses Interview gerade auf einem iPad. Das Ding ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken und in meinen Augen weit mehr als nur ein flüchtiges Gadget, für das es viele gerne noch halten).

COMIC!: Kannst du uns deine Arbeitsweise schildern? Nach dem Schreiben beginnst du mit den Skizzen, und auch das schon digital. Und danach?

Daniel Lieske: Darüber will ich gar nicht viele Worte verlieren, einfach weil es einen viel direkteren Weg gibt, meine Arbeitsweise nachzuvollziehen. Auf der «Wormworld Saga»-Webseite gibt es einen Link auf meinen YouTube-Kanal www.youtube.com/user/digitaldecoy, und da kann man sich den kompletten Prozeß in Form von ungekürzten Videos anschauen.

COMIC!: Fehlt es dir manchmal, dein Werk auf Papier zu betrachten? Das Haptische?

Daniel Lieske: Nein. Ich arbeite seit 1999 nicht mehr auf Papier und finde, daß Bilder auf einem Bildschirm auch deutlich besser zur Geltung kommen. Besonders, wenn in Bildern viel mit Licht gearbeitet wird. Für mich als digitalen Maler ist der ursprünglichste Zustand einer Leinwand das Schwarz, weil es die völlige Abwesenheit von Licht darstellt. Mit Farbe bringt man Licht ins Dunkel und arbeitet sich langsam in leuchtende Gefilde. Dieser Ansatz ist genau umgekehrt zur traditionellen Sichtweise, wo man meist von hell nach dunkel arbeitet und das ist letztendlich auf die Eingeschränktheit der traditionellen Medien zurückzuführen – Papier leuchtet nicht!

COMIC!: Kann man sagen, welchen Umfang z. B. das erste Kapitel hat, obwohl es nur digital vorliegt?

Daniel Lieske: Das erste Kapitel entspricht ungefähr 25–30 Seiten (die genaue Anzahl werden wir noch herausfinden, wenn das gute Stück bei Tokyopop umlayoutet wird). Wenn man von einer mittleren Bildschirmauflösung von 100 dpi ausgeht (die oft zitierten 72 dpi stammen noch aus Röhrenmonitor-Zeiten), dann habe ich so ca. sechs Meter «digitales Papier» bemalt, 250 Stunden Arbeitszeit dafür investiert und damit jetzt schon über 500.000 Mal einem Leser aus einem von 191 Ländern für knappe 10 Minuten (durchschnittliche Lesedauer des ersten Kapitels) Freude bereitet. Bei dem Prozeß ist keinem Blatt Papier Gewalt angetan worden.

COMIC!: 250 Stunden erscheinen ziemlich wenig für über 70, oft sehr aufwendige Panels.

Daniel Lieske: Ich bin tatsächlich ziemlich schnell mit meiner Technik. Das Ganze hat letztendlich nur so lange gedauert, weil ich neben einem 10-Stunden-Job daran gearbeitet habe. Kapitel 2 plane ich in drei Monaten fertigzustellen.

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2010
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