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COMIC!-JAHRBUCH 2012

Im Netz ist noch viel mehr zu holen»
Der ostdeutsche Comicblogger Johannes Kretzschmar («Beetlebum») im Gespräch

mit Stefan Pannor


Als 2010 auf der Frankfurter Buchmesse der erste «Sondermann»-Preis für den beliebtesten Online-Comic vergeben wurde, war kaum jemand bewußt, daß der Gewinner ein Ostdeutscher war. Johannes Kretzschmar ist eigentlich Informatiker in Jena, betreibt allerdings seit 2005 sein eigenes Comicblog, das zu den erfolgreichsten im deutschen Sprachraum gehört.

COMIC!: Wie kommt ein Informatiker zum Comiczeichnen?

Johannes Kretzschmar: Wie jeder wohl, man fängt einfach an. Ich persönlich fand besonders die Idee von Weblogs sehr interessant und wollte einfach mal ein persönliches Blog in Form eines Comics durchziehen. Herausgekommen ist am Ende wohl etwas, das man heutzutage autobiografischen Webcomic nennen würde.

COMIC!: «Wie jeder wohl» ist doch etwas übertrieben. Dein erster Blogeintrag war 2008? Oder doch früher?

Johannes Kretzschmar: Am 12. August 2005: http://blog.beetlebum.de/2005/08/12/my-first-blog

COMIC!: Das war doch sogar noch vor dem ersten Blog von Flix, oder?

Johannes Kretzschmar: Ja, ich glaube auch. Allerdings hat wohl Flix das, soweit ich weiß, schon vorher gezeichnet, es aber später hochgeladen.

COMIC!: Ja, er hatte schon ein paar Jahre privat Comictagebuch geführt. Aber deutschsprachige Comicblogs gab es damals wohl noch keine. Woran hast du dich orientiert?

Johannes Kretzschmar: Witzigerweise dachte ich tatsächlich, ich wäre damit total neu und der erste. Nachdem ich das Projekt gestartet hatte, habe ich mal recherchiert und war ein bißchen enttäuscht, als ich auf American Elf, Lisa Neun und Leowald stieß. Damals hieß so was noch «Toonblog» ... zumindest hatte Lisa Neun unter diesem Namen eine Veranstaltung auf dem Comic-Salon 2006 organisiert.

COMIC!: Ich nehme an, du hast vorher schon Comics gezeichnet?

Johannes Kretzschmar: Was man so Comics nennt ... Ich habe zur Schulzeit mal etwas Tagebuchähnliches gezeichnet, und dann zum Studium mal ein paar Comics mit Computerspielehintergrund. Aber wirklich ambitioniert hat es erst mit und durch das Bloggen angefangen. Unter anderem habe ich auch erst mit dem Bloggen wieder angefangen, Comics zu kaufen ...

COMIC!: Was für Comics hast du dir denn da gekauft?

Johannes Kretzschmar: Ich bin auf comics.de gegangen und habe die Top-Comics-Liste von oben nach unten durchgekauft. Mein erster davon war «Autoroute du soleil» von Baru, und ich war schwer begeistert. Dann natürlich die Scott-McCloud-Bücher und so weiter ...

COMIC!: Wie war das denn bei dir mit den frühen Einflüssen. Bist du gebürtiger Jenenser?

Johannes Kretzschmar: Ich bin in Saalfeld aufgewachsen, einer Kleinstadt in Südthüringen, und erst zum Studium nach Jena gegangen. Comics kannte ich als Kind nur von einigen Jahrgängen Micky Maus und drei Heften «Spider-Man». Mit mehr kam ich damals einfach nicht in Berührung, weil niemand aus meinem Freundeskreis Comics las und es bei uns natürlich auch keinen Comicladen gab. Dann kam meine «Computerzeit», und Comics waren erstmal für lange Zeit vergessen – bis ich durch einen Kommilitonen auf den damaligen Bloghype stieß.

COMIC!: Du hast also z. B. auch das MOSAIK nicht als Kind gelesen?

Johannes Kretzschmar: Soweit ich weiß, war das sehr schwierig zu bekommen, und ich kam ja knapp vor der Wende in die Schule. Wahrscheinlich war ich dafür zu jung. Wie ich später mal erfahren habe, hat mein Onkel wohl MOSAIK gelesen und gesammelt, bis meine Großeltern in ganz alter «Comics sind Schund»-Manier alle entsorgt haben ... ich glaube, das verzeihe ich ihnen heute noch nicht. :-)

COMIC!: Wenn ich mal zusammenfasse: Du hattest mit Comics nichts am Hut. Wie kamst du dann ausgerechnet auf die Idee, der Welt aus deinem Leben und noch dazu in Comicform zu erzählen?

Johannes Kretzschmar: Es war eine Schnapsidee ... ich fand das Konzept von Blogs (was damals ja irgendwo neu und für die Nutzung des Netzes revolutionär war) interessant, konnte aber schlecht schreiben und wollte daher irgendetwas Besonderes machen. Wie gesagt sollte es anfangs auch weniger um ein Tagebuch gehen, sondern (wie bei den meisten Blogs) mehr um allgemeine Themen und darum, diese irgendwie comichaft umzusetzen. Das Tagebuchartige hat sich nur sehr schnell herauskristallisiert, weil es mir und den Lesern am meisten Spaß machte.

COMIC!: Wie ehrlich sind diese Blogeinträge? Flix z.B. hat sich ja relativ schnell in so eine Art Semi-Realismus zurückgezogen, um sein Privatleben zu schützen. Wie machst du das?

Johannes Kretzschmar: Ich finde mich sehr ehrlich. Einiges ist (wie man wohl leicht erkennt) übertrieben, aber alles ist im Kern wahr und so passiert. Es gibt natürlich Grenzen, die aber zugegebenermaßen woanders liegen, als z. B. bei Flix. Ich bin bisher sehr gut damit zurecht gekommen und hatte auch keine schlechten Erlebnisse. Solange das (hoffentlich) so bleibt, werde ich daran auch nichts ändern. Man sieht ja z. B. gerade bei Flix, daß sich die Ausrichtung durch bestimmte Ereignisse im Leben ändern kann – ich hoffe einfach, das bleibt mir erspart und ich werde nie etwas bereuen.

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