Lektüre
 Independent Comic Shop   ICOM-Publikationen   Kostenlos   Fachmagazine   Sekundärliteratur 
Das COMIC!-Jahrbuch | Das ICOM!-Handbuch | Der ICOM!-Ratgeber
FILMRISS | Das verbandseigene Fachmagazin
COMIC!-JAHRBUCH 2012

Aus dem Studio in die weite Welt
Interview mit Thorsten Kiecker und Sascha Wüstefeld

Von Klaus Schikowski


Studioarbeit ist in Deutschland immer noch eine Ausnahme. Zwar versammeln sich viele Zeichner im Netzwerken, aber für richtige Studioarbeit, wo man das Comichandwerk von der Pike auf lernt, gibt es nur ganz wenige Anlaufstellen. Zu den großen deutschen Studios zählen das Atelier von Ully Arndt in Hamburg und selbstverständlich das MOSAIK-Studio in Berlin. In beiden Studios erhielten eine Menge Nachwuchskünstler ihre Ausbildung. In Hamburg haben beispielsweise Isabel Kreitz und Wittek gearbeitet, aber auch das MOSAIK-Studio in Berlin bot vielen Zeichnern die Möglichkeit, das professionelle Handwerk zu erlernen.
Über Comic-Studios in Deutschland ließe sich nun ein ganzer Artikel, nein, womöglich ein ganzer Schwerpunkt schreiben, aber in diesem Jahrbuch haben wir uns exemplarisch zwei Künstler ausgesucht, die passend zum Schwerpunktthema beim MOSAIK angefangen haben, und mittlerweile ihre eigenen Visionen verfolgen. Thorsten Kiecker hat mit Stenarts Ltd. ein eigenes Studio aufgebaut, und kürzlich erschien von ihm der erste Band der Fantasy-Reihe «RIA» bei Splitter. Sascha Wüstefeld gehört zu den unterschätzten Comic-Künstlern in Deutschland, er arbeitet für GeoLino und ab 2012 soll die Reihe «Das UPgrade» gemeinsam mit Ulf S. Graupner erscheinen, ein «DDR-Malibu-Superhelden-Musik-Comic» um den Jungpionier Ronny Knäusel, den einzigen Superhelden der DDR.



Die Jahre bei «MOSAIK»

COMIC!: Thorsten, du bist in Berlin aufgewachsen, bist auch früh mit Comics in Verbindung gekommen, doch dann erst einmal beim Film gelandet. Wie kam es dazu?

Thorsten Kiecker: Nun, da es für meinen Traumberuf «Comiczeichner» damals keine Ausbildung gab, mußte ich mir erstmal andere Wege suchen, meine kreative Ader ausleben zu können. Über eine Ausbildung zum Schauwerbegestalter kam ich schließlich irgendwann an die Info, daß es ein Trickfilmstudio – nämlich Hahn Film – in Berlin gäbe, und da Animationszeichner meinem Traumberuf am ähnlichsten kam, bewarb ich mich dort auch sofort.

COMIC!: Dann hast du dich bei MOSAIK – Steinchen für Steinchen beworben und bist 1993 auch genommen worden. Doch mit den Figuren mußtest du dich erst einmal vertraut machen, da du ja ganz anders mit Comics sozialisiert worden bist?

Thorsten Kiecker: Ja, denn seien wir mal ehrlich: Der Unterschied zwischen den mir damals bekannten US-Superhelden wie Spider-Man und den Abrafaxen ist immens. Auf der einen Seite Superkräfte und schnelle Action, auf der anderen eine für mich ganz ungewohnte Erzähltradition, die eine politisch und kulturell völlig anders geprägte Generation von Künstlern geschaffen hatte. Natürlich mußte ich mich da erstmal an diesen Kosmos und die Art von Erzählung und Wissensvermittlung in den MOSAIK-Comics gewöhnen, und das ist für einen in Sachen Comics sehr westlich geprägten Leser und Künstler wie mich nicht einfach gewesen. Da stand mit den MOSAIK-Machern ein erfahrenes und über viele Jahrzehnte zusammengeschweißtes Team vor mir, davor hatte ich großen Respekt.

COMIC!: Sascha, du bist 1975 in Dresden geboren, hast du schon als Kind MOSAIK-Comics gelesen?

Sascha Wüstefeld: Na klar! Selbstverständlich. Aber nicht nur. Ich habe im Grunde alles verschlungen, was irgendwie gezeichnet war. Und da gab es auch in der DDR einiges. Den Eulenspiegel zum Beispiel. Oder das «Dicke Schmitt-Buch», das bei meiner Oma im Regal stand. Bummi, ATZE, FRÖSI und natürlich – das MOSAIK. Das war dann jeden Monat die absolute Krönung, wenn mein Vater das aktuelle Heft vom Kiosk brachte. Irgendwann erzählte er mir, daß es das MOSAIK ja auch schon zu seiner Kindheit gab, nur mit anderen Figuren, den Digedags. Ich konnte das damals nicht fassen! Da gab es tatsächlich über 200 Mosaikhefte, die ich noch nicht kannte! Und sie lagen alle im Bücherschrank meines Vaters. Das war eine derartig krasse Entdeckung für mich, daß ich dann gleich mehrere Male die Schule geschwänzt habe, um die Digedags zu lesen. Vor ein paar Jahren hat mir mein Vater diese Hefte dann zu Weihnachten geschenkt und wir haben beide Tränen der Rührung vergossen.
Doch bevor jetzt ein falsches Bild entsteht: Ab Mitte der 80er Jahre entdeckte ich auch Asterix! Wir hatten viele Verwandte im Westen Deutschlands, die uns nach und nach alle bis dahin erschienenen Asterix-Hefte schenkten. Meine Eltern lasen nämlich auch gern Comics und waren ganz begeistert von Asterix. Und ich auch! Asterix war die erste Figur, die ich wirklich richtig geübt habe.

COMIC!: Während des Studiums Grafik-Design in Dresden bist du 1997 ins MOSAIK-Studio gekommen. Wie kam es dazu, denn du hast ja zunächst einen MOSAIK-Fancomic für «Digefax» gezeichnet.

Sascha Wüstefeld: In meinem Studium mußte man ein Praxissemester absolvieren und das habe ich dann 1997 beim MOSAIK gemacht. Das unglaubliche war, daß ich sofort als Figurenzeichner am Heft mitarbeiten durfte. Das war damals ein unerhörter Vorgang, und ich habe mich am Anfang auch sehr unsicher und total überrumpelt gefühlt. Aber es war gut so! Durch die Arbeit am Digefax kannte man meinen Namen beim MOSAIK auch schon, also war es nicht so schwer für mich, mich da vorzustellen.
Aber aufregend war es trotzdem. Ich konnte eigentlich immer nur nachts zeichnen, wenn niemand da war. Die Anwesenheit der «großen Tiere» wie Ulf S. Graupner oder Lona Rietschel hat mich tagsüber wahnsinnig nervös gemacht. Ich «wohnte» damals auch direkt im MOSAIK-Zeichnerzimmer und schlief auf einer Luftmatratze, weil ich noch keine Wohnung hatte. Ich war dann ganz alleine dort. Da habe ich mir manchmal stundenlang Lona Rietschels neue Seiten angeguckt. So ganz für mich. Von Lona habe ich unheimlich viel gelernt ...
1998 habe ich mein Studium dann abgebrochen und bin endgültig, als festangestellter Zeichner zum MOSAIK gegangen.

COMIC!: Was habt ihr damals genau im Studio gemacht?

Sascha Wüstefeld: Ich war Figurenzeichner. Damals lief das ja noch klassisch ab. Das heißt, jeder Zeichner bekam eine bestimmte Sequenz und zeichnete diese dann, bis auf den Hintergrund, ganz alleine.

Thorsten Kiecker: Ich mußte mich damals – natürlich – wie jeder andere Neuling, mittels Leistung beweisen. Zuerst mit Arbeiten für die dem Verlag angeschlossene Werbeagentur und ersten Übungsversuchen mit den MOSAIK-Figuren. Einige Hefte lang durfte ich dann schließlich als einer von vielen Figurenzeichnern an mir zugeteilten Seiten arbeiten, während Steffen Jähde die Hintergründe zeichnete. Meine Zeit im Team des monatlichen Hefts war jedoch recht bald vorbei, als sich zusammen mit Hubertus Rufledt als Autor neue Möglichkeiten ergaben.

COMIC!: Damit meinst du sicherlich die Reihe «Die Abrafaxe». Du hast dich also in den Nebenuniversen der Abrafaxe als Zeichner wohler gefühlt?

Thorsten Kiecker: Auf jeden Fall habe ich mich dort etwas wohler gefühlt, denn diese Nebenuniversen waren weniger traditionsbehaftet und dadurch freier und erlaubten mir und anderen Künstlern, wie zum Beispiel Ingrid Behm, neue Techniken auszuprobieren und uns auch mutiger am digitalen Kolorieren der Comicseiten zu versuchen.

COMIC!: Auf der Mosapedia-Seite ist im Beitrag zu dir zu lesen, «sein frecher Stil wurde schnell stilprägend». Wie würdest du diesen Stil beschreiben, hattest du dir den MOSAIK-Stil so schnell zu eigen gemacht?

Thorsten Kiecker: Also um ehrlich zu sein, verstehe ich diese Aussage nicht so recht, da mein Stil keine Auswirkungen auf das monatliche Magazin hatte. Selbst als ich zwischenzeitlich stärker am monatlichen Heft beteiligt war, versuchte ich gemeinsam mit dem MOSAIK-Team die Comics weiterhin im gewohnten, von Lona Rietschel geprägten Stil, zu zeichnen.
«Frech» war aber sicherlich mein gesamtes Auftreten als junger Künstler, und natürlich habe ich mir künstlerisch in den Nebenreihen und Alben auch mehr herausgenommen, als es die Zeichner des monatlichen Heftes tun konnten.
Allerdings muß man anmerken, daß diese Produkte des Steinchen für Steinchen-Verlags einen eigenen Erzählkosmos bedienten, der mit dem monatlichen Heft nichts zu tun hatte. Und das erlaubte mir natürlich auch, die Figuren und deren Welt freier zu interpretieren.

COMIC!: Im Mosapedia-Eintrag über Sascha Wüstefeld ist von «einer beginnenden neuen Arbeitsweise» die Rede und die Fans begannen gegen den so genannten «Stilbruch» Sturm zu laufen. Zudem ist dort zu lesen: «Er verließ die Lindenallee 2001, da sein zeitgenössischer Strich, sein Drang zu Neuerungen und sein persönlicher Stil mit dem klassischen Stilkorsett des MOSAIK nicht vereinbar waren.» Was ist damals genau passiert?

Sascha Wüstefeld: Diese neue Arbeitsweise war etwas, das Jens Fischer (mein Freund und Zeichnerkollege beim MOSAIK) und ich uns damals überlegt hatten. Es ging darum, daß jeder Zeichner bestimmte Figuren bekommt, die er die ganze Serie lang betreut. Wir haben dann mit Jörg Reuter und allen anderen darüber gesprochen und fanden, daß das, nachdem Lona Rietschel in Rente gegangen war, der beste Weg ist, die Stilunterschiede auszugleichen. Diese Arbeitsweise wird bis heute beim MOSAIK gepflegt und funktioniert auch ganz gut.
Allerdings stellte sich mit dem Beginn der «Orientexpreß-Serie» auch die Frage, wer denn nun, nach Lonas Weggang, die Abrafaxe übernehmen würde? Und so haben alle Figurenzeichner (wir waren damals nur zu dritt: Thomas Schiewer, Jens Fischer und ich) «Bewerbungszeichnungen» mit den Faxen angefertigt und diese dann Lona und Jörg zur Begutachtung vorgelegt.
Naja – und diese «Ausschreibung» habe ich dann «gewonnen». Lona fand meine Faxe am lebendigsten und ich glaube sie waren auf diesen «Bewerbungszeichnungen» auch nicht schlecht. ABER: Die folgenden Seiten wurden es dann leider ... Warum? Weil ich vermutlich zu jung und zu unerfahren war und nicht mit dem Druck umgehen konnte. Ich war damals auch noch nicht an Leserbriefe und den teilweise recht harschen Ton, den diese haben können, gewöhnt und dachte, ich müßte es allen recht machen. Hinzu kam auch noch der Druck, den ich mir selbst machte – schließlich ging es hier um die Abrafaxe – die Helden meiner Kindheit. Und ich sollte sie nun alleine zeichnen! Und dann habe ich fünf Hefte lang ein schreckliches Stil-Chaos angerichtet und im sechsten Heft der Orientexpreß-Serie hat Jens Fischer die Abrafaxe dann aus kollegialem Mitgefühl übernommen.
Hauptsächlich wollte ich die Figuren etwas moderner machen, bin aber über das Ziel hinausgeschossen. Hey – ich war erst 23 ... Das ist viel zu früh,um so eine Aufgabe zu übernehmen. Auch, wenn ich immer noch finde, daß den Abrafaxen eine kleine Frischzellenkur gut zu Gesicht stehen würde, weiß ich heute, daß die Abrafaxe einen Zeichner brauchen, der Stabilität vermitteln kann und selber auch so ist. Ich bin eher sprunghaft und suche ständig nach Verbesserungsmöglichkeiten.
Nach diesem Faxe-Vorfall war dann beim MOSAIK für mich nichts mehr wie vorher. Die Fans haben mich mit Argusaugen überwacht und jede Zeichnung, jeden Strich im Comicforum kommentiert. Da kannst du nicht mehr frei arbeiten. Und ich hatte auch das Gefühl, irgendwie nicht mehr dazuzugehören. Und eines Nachts bin ich dann aufgewacht und wußte: Ich muß etwas anderes machen! Und dann habe ich mich selbständig gemacht und bin das bis heute noch sehr gern.

Auf den Geschmack gekommen?
Weiterlesen im COMIC!-Jahrbuch 2012
Links zum Artikel

Übersicht der Linklisten
  Alle Jahrbücher
Comic Jahrbuch 2012
Comic Jahrbuch 2011
Comic Jahrbuch 2010
Comic Jahrbuch 2009
Comic Jahrbuch 2008
Comic Jahrbuch 2007
Comic Jahrbuch 2006
Comic Jahrbuch 2005
Comic Jahrbuch 2004
Comic Jahrbuch 2003
Comic Jahrbuch 2001
Comic Jahrbuch 2000
COMIC!-Jahrbuch 2011
Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2010
248 Seiten S/W und 4c
EUR 15,25
BESTELLEN