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COMIC!-JAHRBUCH 2012

Zwischen Blogosphäre und (N)Ostalgie
Ostdeutsche Comics 2011

von Stefan Pannor


Die Comicszene in Ostdeutschland: im Zwiespalt zwischen zu viel Tradition und vielen jungen Blüten. Die Altlast MOSAIK einerseits, die Manga- und Blogger-Szene andererseits. Und was dazwischen ist, wird kaum wahrgenommen.

Am MOSAIK ist kein Vorbei. Zumindest nicht im Osten Deutschlands, dem, was früher einmal «fünf neue Bundesländer» hieß und davor DDR. Die ostdeutsche Comicszene ist in einer Weise vom MOSAIK geprägt, die von außen, also insbesondere aus westdeutscher Sicht, kaum vorstellbar ist. Die drei zentralen ostdeutschen Comicveranstaltungen sind alle vom MOSAIK geprägt, wenngleich nur eine sich explizit als Fanveranstaltung versteht: die «Mosaik-Börse», die seit 2005 in Wolfen stattfindet und vom lokal ansässigen Fan Helmut Müller organisiert wird.
Genauso aber rekrutieren das Dresdner Comicfest (seit 2008) und der Leipziger Comicgarten (seit 2010, direkter Nachfolger des Leipziger Comicfests seit 2008) ihre Veranstalter bzw. Mitveranstalter aus der Szene der MOSAIK-Fans. In Dresden ist das Guido Weißhahn, zugleich Betreiber des Holzhof Verlages, der sich auf die Neuedition ausgewählter DDR-Comics spezialisiert hat. In Leipzig sind das Thomas und Anja Wilde, Betreiber einer der dienstältesten, seit mehr als zehn Jahren wöchentlich aktualisierten MOSAIK-Fanpages und des dazugehörigen Print-Fanzines «Alex». Zu den regelmäßigen Gästen und Ausstellern aller drei Veranstaltungen gehören – zum Teil ehemalige – MOSAIK-Zeichner wie Andreas Pasda, Ulf Graupner, Sascha Wüstefeld und Thorsten Kiecker, diverse MOSAIK-Fanzines mit eigenen Ständen, die Firma Bauer Modellbau, die plastische Modelle diverser MOSAIK-Schauplätze anbietet, und natürlich der MOSAIK-Verlag Steinchen für Steinchen selbst.
Das bedeutet nicht, daß es sich durchgängig um reine MOSAIK-Veranstaltungen handelt. In Dresden waren 2011 u. a. die Berliner von Moga Mobo vertreten oder die Comicblogger Johannes «Beetlebum» Kretzschmar und Katja Klengel. In Leipzig war u. a. Gringo Comics anwesend sowie Schwarwels Verlag und Grafikfirma Glücklicher Montag.
Aber es zeigt, in welchem Ausmaß die ostdeutsche Comicszene immer noch vom MOSAIK beeinflußt wird. Der nachhaltende Einfluß des immerhin seit 1955 erscheinenden monatlichen Comicheftes ist Fluch und Segen der ostdeutschen Comicszene. Denn die MOSAIK-Fans sind vernetzt wie kaum eine andere deutsche Comicszene, ermöglichen Veranstaltungen wie die oben genannten oder die regelmäßigen Comicstammtische in Dresden und Leipzig. Sie bilden das Rückgrat der gewachsenen ostdeutschen Comicszene. Gleichzeitig steht die Wahrnehmung von außen durch z. B. Presse und Handel und die Wahrnehmung von innen durch die Fans vom MOSAIK als dem – und das meint: dem einzigen – ostdeutschen Comic einer objektiven Betrachtung der Comiclandschaft in den neueren Bundesländern häufig im Weg.
Bedungen durch die aus westlicher Sicht unglaublich monokulturelle Comicsozialisierung (das MOSAIK war eines von grade mal zwei vollgültigen ostdeutschen Comicmagazinen, und es war das beliebtere) hat sich innerhalb der Leserschaft ein Bild vom Comic geprägt, das aus heutiger Sicht altbacken wirken muß, konzentriert auf den rein eskapistischen Abenteuercomic in gefälliger, jugendfreier Gestaltung, wie es in der alten BRD bereits seit den Sechzigerjahren nicht mehr existierte. Als solches erreicht es immer noch eine IVW-geprüfte verkaufte Auflage von mehr als 68.000 Exemplaren monatlich.
Im Schatten des MOSAIK aber steht schon längst eine andere Szene bzw. steht eine Vielzahl Szenen, die, 21 Jahre nach der Wiedervereinigung, möglicherweise symbolisieren, daß die ostdeutsche Comiclandschaft in der gesamtdeutschen Comiclandschaft angekommen ist. Gerade der Osten Deutschlands hat eine starke Manga- und Comicbloggerszene, die, im Gegensatz zur vor allem bis 1989 geprägten und daher im Altersschnitt deutlich über vierzig liegenden MOSAIK-Szene sehr jung ist.
Daß sich diese Szenen so entwickeln konnten, hat zuallererst damit zu tun, daß sie sich kaum noch als ostdeutsch wahrnehmen. Die über diverse Cons, Vereine und Portale wie «Animexx» sich tragende Mangaszene kann als die erste originär gesamtdeutsch entstandene Comicszene betrachtet werden, losgetreten durch den Manga-Boom der späten Neunzigerjahre, der vor allem im (comic-)traditionsarmen Osten auf fruchtbaren Boden fiel. Getragen insbesondere vom von Anfang an massiv auf Manga ausgerichteten Engagement der Leipziger Buchmesse als «Comics in Leipzig» ab dem Jahr 2000, bildete sich im Leipziger/Dresdener Umfeld eine besonders starke Mangaszene, die nachhaltig auf die umliegenden Bundesländer ausstrahlte.
Heute sitzt der ursprünglich in Hünfeld (Hessen) beheimatete Verlag Schwarzer Turm in Weimar und publiziert, bewußt aus dem Pool der jungen, von Manga geprägten Zeichner greifend, eine Vielzahl Anthologien wie z.B. «Paper Theatre», die genau das belegen. Zeichnerinnen wie Olivia Vieweg, inzwischen bei Carlsen, haben ihre Ursprünge in der ostdeutschen Mangaszene.
Andere, wie die derzeit in Dresden beheimatete Katja Klengel, die u. a. in dem vom Schwarzen Turm initiierten Projekt des «Subway to Sally Storybook» publiziert hat, bilden das Bindeglied zur Bloggerszene. Wie der Comicblogger Johannes Kretzschmar alias «Beetlebum» im Interview festhält, spielen in dieser Szene lokale Grenzen kaum noch eine Rolle. Klengel publiziert in diesem Umfeld ihr unregelmäßiges Comictagebuch «Blattonisch» im Netz. Zu besonderer Bekanntheit ist der bereits erwähnte Johannes Kretzschmar gekommen, der in Jena hauptberuflich als Informatiker arbeitet und seinen Alltag als einer der ersten deutschsprachigen Comicblogger überhaupt seit 2005 durchgängig und mehrmals wöchentlich in Comics festhält.
Kretzschmar sowie der in Weimar beheimatete Ulf Salzmann («Flausen») stehen zudem zusammen mit dem Verlag Schwarzer Turm und Olivia Vieweg für eine andere ungewöhnliche Entwicklung der letzten Jahre. Waren doch ostdeutsche Comics außerhalb Berlins bis Ende des vergangenen Jahrzehnts vor allem in einer Art sächsischem Speckgürtel verortet, der nur leicht bis nach Sachsen-Anhalt hinüberragte. Getragen von der Leipziger Buchmesse und den vor allem im sächsischen Raum sehr aktiven MOSAIK-Fans bildete lange Zeit der Raum Leipzig/Dresden das einzige Areal in Ostdeutschland mit der für eine Comicszene notwendigen Infrastruktur aus Comicshops, Veranstaltungen, lokal ansässigen Zeichnern und Verlagen (wie der gemeinsame Comicverlag EEE von Schwarwel und «ärzte»-Drummer Bela B.). Insbesondere Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Teile von Sachsen-Anhalt können dagegen als comictotes Land betrachtet werden.
Mit den Comicbloggern und den Manga-Aktivitäten taucht jetzt Thüringen als comicaktives Bundesland auf und verschiebt den Schwerpunkt bzw. setzt einen neuen Schwerpunkt. Als 2010 sowohl Johannes Kretzschmar als auch Ulf Salzmann für den «Sondermann»-Webcomic-Preis nominiert waren (Kretzschmar hat ihn letztlich gewonnen), war kaum jemandem bewußt, daß hier zwei genuin ostdeutsche Zeichner (von insgesamt vier Endnominierten) in der Preisrunde standen. Beide haben es auch zu keinem Zeitpunkt erwähnt.
Die Auflösung der Wahrnehmung der fünf neueren Bundesländer als spezifischer kultureller, DDR- bzw. sozialistisch geprägter Raum ist es auch, die den Blick auf viele andere Aktivitäten eröffnet. Kaum bewußt ist z. B. den meisten FIX & FOXI-Lesern, daß der jüngste, aus unterschiedlichen Gründen weitgehend erfolglose Relaunch von Rolf Kaukas Comicmagazin zu weiten Teilen im Leipziger Stadtteil Reudnitz gezeichnet wurde, von Nadia Enis, die selbst keine Ostdeutsche ist, sondern aus Bonn stammt. Die unvermeidlichen Migrationsbewegungen im deutschen Sprachraum sorgten auch dafür, daß der von der Wienerin Lydia Schönberger betriebene Verlag Die Biblyothek inzwischen seinen Sitz in Leipzig hat. Schönberger gibt u. a. den österreichischen Strip «Der Tod und das Mädchen» heraus sowie Titel der «Sondermann»-Preisträgerin Barbara Yelin. Auch in die andere Richtung geht die Öffnung: der ehemalige MOSAIK-Zeichner Ulf Graupner gehört zu den regelmäßigen Zeichnern des westdeutschen Sparkassenmagazins KNAX, sein Kollege Sascha Wüstefeld gestaltet mit der Disney-Zeichnerin Flavia Scuderi Projekte u. a. für GEOLINO, Thorsten Kiecker kommt mit seinem Albenprojekt beim Bielefelder Splitter Verlag unter.
Der Osten Deutschlands ist bei der Füller solcher Beispiele nur noch als regulärer Bestandteil Deutschlands wahrnehmbar, nicht als gesonderte kulturelle Entität. Auch erkennbar an Zeichnern wie Mawil. Der hat zwar einen genuin ostdeutschen Hintergrund, den er in seinen Comics auch gelegentlich aufarbeitet, wahrgenommen aber wird er vor allem als Berliner Zeichner. Das Studio teilt er sich u. a. mit den (westdeutschen) Zeichnern Fil und Naomi Fearn. In diesem Berliner Umfeld der relativ jungen Zeichner, ebenso wie in der Manga- und Bloggerszene, ist Ostdeutschland allenfalls ein geografisches Konstrukt.

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2010
248 Seiten S/W und 4c
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