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COMIC!-JAHRBUCH 2012

Vorwort

Von Klaus Schikowski


2011 wurde der 21. Jahrestag der Wiedervereinigung gefeiert, und das diesjährige Titelbild von Jan Suski greift auf einfache Art und Weise dieses Thema in Sachen Comics auf: Denn während viele Leser überlegen, welche Figuren dort abgedruckt sind und womöglich eine Figur als eine Variante von Obelix ausmachen, ist für andere Leser klar, daß es sich um Figuren aus der Zeitschrift FRÖSI handelt, die lange Jahre in der DDR erschien. Das macht deutlich, daß das Nachkriegs-Deutschland zwei Comic-Traditionen hervorbrachte, einerseits eine westliche, aber auch eine ostdeutsche. Aber ist mittlerweile nicht längst zusammengewachsen, was zusammengehört?

Zugegebenermaßen, ich selbst bin weder Experte des Ostcomics noch der DDR-Comicgeschichte. Ich nenne auch nur eine Handvoll MOSAIK mein eigen, irgendwann auf einem Trödelmarkt erworben, schöne alte Nummern mit Hannes Hegen. Als Kölner beschränkt sich mein Wissen um die Ostzone vor der Wende auch auf Pakete von Verwandten aus Treuenbrietzen, die mir eine Menge Bücher von Wolkow und vor allem auch eine beträchtliche Plattensammlung von den Pudhys einbrachte. Zu diesem Zeitpunkt las ich frankobelgische Alben und amerikanische Superhelden; ob es diese auch in der DDR gab, darüber machte ich mir keine Gedanken.

Als ich dann Sekundärliteratur zu lesen begann, war dem Comic in der DDR auch immer nur ein Bruchteil des Platzes gewidmet, und wer in den Achtzigern einschlägige Fachliteratur las, der wurde mit der bundesrepublikanisch zentrierten Perspektive der damaligen Veröffentlichungen sozialisiert, die DDR-Tradition wurde weitgehend ausgeblendet. Solcherlei läßt sich in vielen Publikationen finden. Warum, darüber macht sich auch Verleger und Comicforscher Guido Weißhahn in unserem ausführlichen Interview Gedanken. Doch wie hätte man auch beide Traditionen unter einen Hut bekommen können: Die Bundesrepublik importierte fröhlich aus den traditionellen Comickulturen, in der DDR hingegen machten viele Zeichner Comics für Kinder, Importe kamen höchstens aus Ungarn oder Rußland, auch daran erinnert Weißhahn.

Entwicklungen nicht in die Tiefe gehen (dafür gibt es das jährliche Kompendium «Deutsche Comicforschung»), denn es liegt in der Natur des Jahrbuchs, daß über aktuelle Strömungen berichtet wird. Als Mitglied der ICOMJury wurde mir in diesem Frühjahr erneut bewußt, daß enorm viel kreatives Potential, viele Zeichner und Comic-Kollektive aus Ostdeutschland stammen. Einige reichen schon viele Jahre unbeirrbar ein wie etwa TheNextArt oder Beatcomix, andere kommen scheinbar aus dem Nichts, und von den Comics hat man noch nie vorher gehört. Als dann auch noch zum Gratis-Comic-Tag 2011 der Holzhof-Verlag mit Willi Moeses «Der Zauberlehrling» eine kleine Preziose nachdruckte, war klar, daß man das Thema genauer untersuchen könnte, und so entstand dieser kleine Schwerpunkt, der allerdings nichts weiter sein will als ein erster Überblick, und wer sich in das Thema vertiefen möchte, dem seien die im Holzhof-Interview genannten Sekundärbände sehr empfohlen. Aber es scheint ganz so, als sei der Zugang zum Comic ein anderer, wenn man in der DDR groß geworden ist. Deshalb werden in einem Übersichtsartikel die vielfältigen Szenen in Ostdeutschland beschrieben, zusätzlich gibt es Interviews mit langjährigen Begleitern (Schwarwel), Bloggern (Johannes «Beetlebum» Kretzschmar) wie auch den ICOM-Preisträgern Beatcomix, und es wird auf die Studio-Arbeit bei MOSAIK eingegangen. Und wer weiß, vielleicht werden die Arbeiten ostdeutscher Künstler irgendwann auch einmal ein Gütesiegel wie Senf aus Bautzen. In Punkto Comic-Produktivität steht der Osten dem Westen natürlich nicht mehr nach.

Doch abgesehen vom Schwerpunkt war auch das Jahr 2011 wieder ereignisreich genug, und ein Rückblick bietet mittlerweile sogar Raum für zwei Jahrbücher, denn während sich das COMIC!-Jahrbuch schon ganz traditionell um die deutsche Comic-Kultur und die deutschen Künstler kümmert, beobachtet der «Comic-Report» das Marktgeschehen und zieht seine Schlüsse aus Gesprächen mit Verlagsmitarbeitern. Solcherlei Marktreporte sind schon seit Jahren fester Bestandteil der COMIC!Jahrbücher, nur werden hier internationale Märkte beurteilt, und somit sind beide Jahrbücher eine gute Ergänzung zueinander. Auch über den «Comic-Report» wird hier berichtet. Aber was selbstverständlich beide Jahrbücher bemerken, ist die Schwierigkeit, den Comic in Deutschland in seiner Gänze abzubilden und alle Themen eines Jahres gebührend aufzugreifen.

Wird man dereinst in alten Zeitungen nachschlagen und im Kulturteil blättern, so wird auffallend sein, daß dort den Graphic Novels 2011 außerordentlich viel Platz zugesprochen wurde. Einige Neuerscheinungen aus diesem Genre wurden nahezu in allen wichtigen überregionalen Zeitungen besprochen, manchmal geistreich und erhellend und manchmal leider auch einfach nur strunzdumm. Letzteres gilt vor allem für Artikel, die ganz allgemein versuchten, sich dem Phänomen Graphic Novel zu nähern und dabei die Feststellung machten, daß das Ganze zwar fast comicähnlich sei, aber glücklicherweise dann doch eine Graphic Novel. Diese Einschätzung ist ähnlich amüsant wie der Grabenkrieg zwischen den Mangaund den Comiclesern, die beide immer noch fest daran glauben, zwei völlig unterschiedliche Medien zu lesen – und demnach dem anderen keine Chance geben.

Weil also die Graphic Novel so präsent war, grämten sich die anderen Verlage, es wurde in den Internetforen heiß diskutiert, was zu tun sei, um das Abendland zu retten; plötzlich waren Kindercomics der Rettungsanker (wir berichteten schon im letzten Jahrbuch über die «Königsdisziplin Kindercomic»), nur wie sollten diese an die Kinder kommen, und ehe man sich versah, waren fünf bis sechs Verleger an einer Diskussion beteiligt, die glücklicherweise fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit lief, denn so mancher hat auch seine Contenance nicht bewahren können; sehr aufschlußreich, aber wenig schmeichelhaft für manche Verantwortliche. Auch am Gratis-Comic-Tag, einem Zusammenschluß der Comic-Verlage zur Unterstützung des Comicfachhandels, entzündeten sich heftige Diskussionen. Nicht alle Beteiligten sind als Freunde auseinandergegangen, und seit dem Münchner Comicfestival hat die Formulierung «Ihr da oben, wir da unten» auch eine ganz andere Bedeutung bekommen.

Wie also die Zukunft des Comics aussehen wird, weiß keiner so genau, gerade deshalb sind die Bemühungen der Verlage im digitalen Zeitalter auch eher zaghaft. Aber das digitale Leseerlebnis ist ein wichtiges Thema 2011 gewesen, seien es nun Comics als E-Book oder als App auf dem iPhone oder weiteren Smartphones. Mittlerweile kann man bequem «Sigurd»-Piccolos als App herunterladen oder «Lucky Luke», die «Abrafaxe» und Mawil auf dem mobilen Telefon lesen. Aber auch bei den E-Books gibt es Bemühungen, so kann man «Perry»-Comics aus der Alligatorfarm oder auch EidalonTitel käuflich erwerben.

Im Netz finden sich abgesehen von der ständig zunehmenden Anzahl an tollen Webcomics aber auch weitere neuere Wege zum Comic, und dort bittet Peter Wiechmann, seines Zeichens ehemaliger Kauka-Redakteur und Autor vieler PRIMO-Serien, um Unterstützung zur Finanzierung seiner «Titanen-Trilogie», eine Art «Best of PRIMO». Crowdfunding nennt sich das Sammeln von Geldern über eine Plattform, 62.000 € will Wiechmann so zusammenbekommen, um seinen Traum zu verwirklichen, doch die Nutzerzahlen (die sogenannten Sherpas oder Spender) sprechen eine deutliche und andere Sprache – womöglich sind auch dem sonst so großzügigen Sammlermarkt Grenzen gesetzt. Das Konzept ist aber, soviel muß konstatiert werden, vielversprechend.

Auf dem Comicmarkt wagen auch neue Verlage den Schritt an die Öffentlichkeit: Nona Arte aus Italien, Stainless Art aus Aachen und der All-Verlag möchten ein Stück vom Kuchen abbekommen oder sind einfach nur idealistisch genug, ihre Serien veröffentlicht sehen zu wollen. Ob ein relativ kleiner Markt wie Deutschland tatsächlich auch relevant für einen italienischen Verlag ist (der zudem in den Niederlanden die Superhelden verlegt), bleibt letztlich genauso abzuwarten wie der ausreichend lange Atem von Neugründungen. Auch interessant sind Eigeninitiativen deutscher Zeichner, die kreatives Marketing betreiben. Der Name, der in diesem Jahr diesbezüglich am häufigsten genannt wurde, war Daniel Lieske, der mit seinem Start des Online-Comics «Wormworldsaga» internationale Anerkennung fand. Das ist ein Grund, sich genauer mit der Website zu befassen.
Doch es gab auch Verluste zu beklagen, so verstarb – leider noch vor Fertigstellung des Artikels «Comicübersetzer in Deutschland» – der profilierte Übersetzer Kai Wilksen im Alter von 49 Jahren nach langer Krankheit. Er hätte sicherlich noch viel dazu beizutragen gehabt. So wie er generell zum Comic noch viel beigetragen hätte. Er wird sehr fehlen.

2012 wird es dennoch weitergehen, mit Festivals, Preisen, Stipendien, dem Gratis-Comic-Tag oder gar dem COMIC CLASH, einer Initiative deutscher Magazinmacher, das Comicmagazin wieder mehr ins Bewußtsein zu rücken; man darf gespannt sein. Der einzige Superheld der DDR, Ronny Knäusel, soll eine eigene Heftreihe bekommen (siehe auch das Interview mit Sascha Wüstefeld und Thorsten Kiecker), und angeblich soll es auch einen neuen «Asterix» von einem neuen Team geben. Das sollte positiv stimmen, schlimmer konnte es einfach nicht mehr werden. Wie der Comic durch die Währungskrise kommt, bleibt ebenso spannend zu beobachten wie dieser Grabenkrieg zwischen Comic – Manga – Graphic Novel, aber, ach, das hatten wir ja schon ...

Es gibt also wieder viel zu erzählen in diesem Jahrbuch, denn es war, wie die Jahre zuvor, ein interessantes Jahr, und davon berichten die Artikel und Interviews, und wir haben versucht, den vielen Facetten deutscher Comickultur gerecht zu werden. Viel Spaß beim Lesen!

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2010
248 Seiten S/W und 4c
EUR 15,25
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