Lektüre
 Independent Comic Shop   ICOM-Publikationen   Kostenlos   Fachmagazine   Sekundärliteratur 
Das COMIC!-Jahrbuch | Das ICOM!-Handbuch | Der ICOM!-Ratgeber
FILMRISS | Das verbandseigene Fachmagazin
COMIC!-JAHRBUCH 2011

Der US-Comicmarkt 2010

Von Stefan Pannor

1. Manga in Trouble

Es ist noch nicht ganz Sommer 2010, da beginnt sich der amerikanische Manga-Markt mit einem Schlag radikal zu wandeln. Frühlingshafte Aufbruchstimmung? Von wegen! Der Mai 2010 war ein katastrophaler Monat für Comics aus Japan, mit zwei Verlagspleiten und einer umfassenden Umstrukturierung beim größten Manga-Publisher der Vereinigten Staaten, Viz Media.
Dabei hatte alles so berauschend angefangen. Wollte man die vergangene Dekade auf dem nordamerikanischen Comicmarkt einem einzigen Comictrend zuordnen (was in vielerlei Hinsicht Blödsinn wäre, aber nur mal angenommen), dann wäre das fraglos Manga. Einhergehend mit einer weltweit steigenden Bedeutung konnten sich auch in den USA und Kanada japanische Comics als bedeutender Faktor, wirtschaftlich wie inhaltlich, etablieren.
Der Einfluß japanischer Comics reicht dabei weit über die tradierte Form als Lektüreangebot hinaus. Manga ist als Jugendkultur inklusive Einflüssen auf die Umgangssprache, als von Mangadesigns geprägter Modetrend sowie auf dem DVD-Markt durch die dem Manga sehr nahestehenden Anime selbst dort dauerpräsent, wo keine Comics verfügbar sind.
Nicht zuletzt hat Manga den westlichen Comic direkt beeinflußt. Im vergangenen Jahrzehnt gab es eine Vielzahl zum Teil äußerst erfolgreiche Versuche, japanische Comicmuster durch westliche Verlage und Zeichner aufzugreifen. Sei es der Mädchencomic «W.I.T.C.H.» bei Disney, die sogenannten «Marvel Manga»-Hefte bei Marvel oder die von den gleichen Künstlern gestalteten sogenannten Amerimanga-Hefte von Antarctic Press.
Die Ursachen für den Boom sind in nahezu allen Ländern gleich: Neben der Erweiterung der TV-Landschaft durch neue Übertragungsformen sowie tragfähige Wirtschaftskonzepte, die Nischenkanälen das Überleben sichern, und der damit einhergehenden größeren Offenheit vieler Sender für umfangreiche, billig einkaufbare Stoffe, war es der Ansatz, Manga erstmals in der japanischen Originalanmutung zu publizieren, also als Taschenbuch und «von hinten nach vorn zu lesen».
Letztere Maßnahme ermöglichte es insbesondere, die Produktionskosten zu senken (das lästige und arbeitsintensive Spiegeln der Originalausgabe fiel weg) und damit den Verkaufspreis. Zudem schuf sie über die ungewohnte Leserichtung eine Art «Gegenlektüre» zu traditionellen Comics. Aufgrund der Distinktion konnte sich Manga leichter als Bestandteil einer Jugendkultur etablieren.
Erstere Maßnahme garantierte eine über einen langen Zeitraum permanente mediale Anbindung durch die (wiederholte) Ausstrahlung japanischer Endlosserien. Diese einfachen Grundlagen bescherten der amerikanischen Manga-Branche ab dem Jahr 2000 lange Zeit ein beständiges Wachstum, mit einem Gesamtumsatz von 100 Millionen Dollar und mehr pro Jahr.
Seit 2008, dem Beginn der amerikanischen Wirtschaftskrise, bröckelt jedoch vor allem der amerikanische Manga-Absatz, mehr als jede andere Comicsparte. 20 % Umsatzrückgang im Bereich Manga vermeldeten die amerikanischen Buchhändler für das Jahr 2009, das entspricht einer Verdoppelung allein des Rückganges im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
Um Mißverständnisse auszuräumen: Damit ist Manga, jedenfalls im Buchhandel, immer noch die dominanteste Sparte (im Fachhandel, also den Comicshops, spielt Manga traditionell eine untergeordnete Rolle). Dennoch ist die Goldgräberzeit klar vorbei.
Der Erfolg der Manga in Amerika läßt sich vor allem an einem Verlag festmachen: Tokyopop. 2002 führte Tokyopop als erster US-Verleger die Tankobon ein, die traditionellen japanischen Comictaschenbücher in japanischer Leserichtung, und etablierte den Preis von $ 9,95 – statt wie bisher üblich $ 15–20 – für die Büchlein.
Dem Engagement von Tokyopop auf dem US-Manga-Markt war eine lange Phase vorausgegangen, in der versucht wurde, Manga zu verwestlichen. Als Format für Veröffentlichungen wurde das US-Heft-Format gewählt. Die Serien erschienen, auf einzelne Kapitel heruntergebrochen, in dickeren Heften und im Prestige-Format, bei einer Vielzahl von Verlagen. Die Manga wurden gespiegelt, Toneffekte retuschiert. Teilweise wurden die Manga auch nachträglich koloriert («Akira»). Aufgrund des hohen Aufwandes waren Manga bis zur Jahrtausendwende die teuersten Comics auf dem US-Markt. Auch die Wurzeln von Tokyopop liegen in diesem Format. Ursprünglich gegründet als Mixx Entertainment, dessen zentrales Produkt das voluminöse Heftmagazin «Mixx Zine» war (in dem u. a. Serien wie «Sailor Moon» erschienen), geriet der junge Verlag nach anfänglichen Starterfolgen recht bald in rote Zahlen. Eher mühsam hielt sich der Verlag mit diversen Magazinen und Einzelausgaben über Wasser – vor allem der von der TV-Serie getragene Erfolg der ab 1997 veröffentlichten «Sailor Moon»-Taschenbücher (noch gespiegelt) half hierbei.
Erst die von Tokyopop 2002 gesetzten Standards für den «neuen Manga» ermöglichten die Phase des Aufbruchs auf dem amerikanischen Markt. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet Tokyopop war stets nur auf Platz zwei der erfolgreichsten amerikanischen Manga-Verleger, und der Marktanteil schrumpft beständig und am drastischsten von allen amerikanischen Comicverlagen (siehe Kapitel 3).
Zum Marktführer hat sich Viz Media entwickelt, obwohl diese nur zögerlich auf den Tankobon-Markt aufgesprungen waren. Serien wie «Neon Genesis Evangelion» wurden anfänglich sogar parallel in gespiegelter und ungespiegelter Version publiziert. Bei «Dragon Ball» mußte Autor und Zeichner Akira Toriyama persönlich dafür votieren, daß die Serie in Originalanmutung erscheint. Dennoch waren es vor allem Titel wie «Dragon Ball» und danach «Naruto», die dem Verlag die Marktführerschaft sicherten. Regelmäßig ab 2005 besetzten mehrere aktuelle Bände der Serie dauerhaft die vorderen Plätze der Manga-Verkaufscharts.
Viz Media scheint von der Krise allerdings auch am stärksten betroffen. Der Verlag, der neben Manga noch Magazine und DVDs publiziert, hatte bereits Anfang 2009 eine ungenannte Zahl Mitarbeiter entlassen. Im Frühjahr 2010 war dann mehr als ein Drittel des verbleibenden Angestelltenstabes von der Kündigung betroffen, sechzig Personen insgesamt. Die New Yorker Büros des Verlages wurden vollständig geschlossen.

Auf den Geschmack gekommen?
Weiterlesen im COMIC!-Jahrbuch 2011
Übersicht der Linklisten
  Alle Jahrbücher
Comic Jahrbuch 2011
Comic Jahrbuch 2010
Comic Jahrbuch 2009
Comic Jahrbuch 2008
Comic Jahrbuch 2007
Comic Jahrbuch 2006
Comic Jahrbuch 2005
Comic Jahrbuch 2004
Comic Jahrbuch 2003
Comic Jahrbuch 2001
Comic Jahrbuch 2000
COMIC!-Jahrbuch 2011
Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2010
248 Seiten S/W und 4c
EUR 15,25
BESTELLEN