Lektüre
 Independent Comic Shop   ICOM-Publikationen   Kostenlos   Fachmagazine   Sekundärliteratur 
Das COMIC!-Jahrbuch | Das ICOM!-Handbuch | Der ICOM!-Ratgeber
FILMRISS | Das verbandseigene Fachmagazin
COMIC!-JAHRBUCH 2011

«Fürs Zeichnen ist eigentlich keine Zeit»
Ein Interview mit Willi Blöß über dessen Comic-Biografien

Von Heiner Luenstedt

Mancher Zeichner läßt neben seinen Brotjobs so mehr als Hobby aber auch als Werbemittel schon einmal bei Flyeralarm einen eigenen Comic drucken. Doch Willi Blöß ist etliche Schritte weitergegangen. In seinem Eigenverlag hat er bereits 17 aufwendig recherchierte und meist von ihm selbst gezeichnete Künstler-Biografien veröffentlicht, u.a. über van Gogh, Frida Kahlo und Keith Haring. Die Reihe ist «mittlerweile eine feste Größe in Schu-len und in der Museumspädagogik» (ZEIT-Beilage: «Kinder-Kultur-Magazin»). Zuvor hat der Aachener Zeichner das Comicmagazin OUTSIDE herausgebracht, vier Jahre lang den C&A-Hund SCHNUPPI gezeichnet und für kurze Zeit sogar das DDR-Traditionsmagazin ATZE mit Comics versorgt. In einem im Juni 2010 per E-Mail geführten Interview erzählt Willi Blöß aus seinem abwechslungsreichen Zeichnerleben.

COMIC!: Warst du schon als Kind begeisterter Comic-Leser?

Willi Blöß: Wie sagte Marcel Reich-Ranicki kürzlich in einem Interview: «Ich war nie glücklich, nie». Da war Auschwitz. Das hatten die Erwachsenen gemacht. Das war bis weit in die 70er Jahre, also auch in meiner Jugend, unheimlich präsent. Die Fotos von den gefallenen Brüdern meines Vaters, die Uniformen, die durch die Flucht traumatisierte Tante, der Großvater mit seinem Führerwahn. Da ist man als Kind total irritiert, nicht begeistert, man will nur weg. Mit Comics, Fernsehen und Musik klappt das eine Weile, aber man kann nie so viel lesen, um diese Bilder zu vergessen. Also keine Begeisterung, sondern manisches Weglesen, alles was da war. Bessy, Sigurd, Fix & Foxi. Ganz schlechtes Gefühl dabei. Auch heute noch. Vor ein paar Tagen hat mir mein 90-jähriger Onkel noch eine Standpauke gehalten, an die deutschen Werte erinnert und was für eine Schande es sei, was ich aus meinem Leben mache.

COMIC!: Du bist ja als Comicmacher eher Quereinsteiger. Wann wurde dir klar, daß du nach Abschluß des Studiums nicht als Architekt arbeiten wolltest?

Willi Blöß: Ich habe zwei Jahre als Architekt gearbeitet und da war klar, daß das auf Routine hinausläuft. Nebenbei machte ich schon das Magazin OUTSIDE, und als mir eine Zeitschrift eine regelmäßige Cartoonserie anbot, habe ich den Absprung gewagt. Ich habe dann erst mal viele Jahre auf Teamwork gesetzt. Mit OUTSIDE, mit einem Gemeinschaftsatelier, als Lehrbeauftragter an der FH. Erst seit der Serie mit den Künstler-Biografien ist das anders. Keine Spielchen mehr, viel konzentrierter. Viel wichtiger. Ich habe kaum noch Kontakt zur Comic-Szene. Den Thomas Thiesen, der vier der Biografien gezeichnet hat, treffe ich ein oder zweimal im Jahr auf dem Flohmarkt. Meine Frau hilft beim Kolorieren. Das sind meine Kontakte. Den Rest mache ich alleine. Recherchieren, zeichnen, drucken, lagern, anbieten, vertreiben, abrechnen.

COMIC!: Mir bist du zuerst als Herausgeber des Comicmagazins OUTSIDE und durch die äußerst komische Serie «Pastor Zipfel» aufgefallen. Waren dies deine ersten Comicprojekte?

Willi Blöß: Ja, als Fingerübung. Ich dachte, wenn ich zu einem extrem blöden Thema, Kirche, Pastoren und so, eine Cartoon-Serie hinbekomme, dann kann ich danach alles machen. 70 Blätter hab ich gemacht. Nix zum jetzt noch zeigen. Aber das hat mir wirklich die Angst vor schwierigen Themen genommen. Meine Börsen-Serie fürs Handelsblatt danach ist richtig gut geworden. Haben die aber abgelehnt.

COMIC!: Ich meine nicht, daß dir OUTSIDE peinlich sein müßte. Das Magazin war immer sehr spannend zusammengestellt. Du hast dort auch Comics aus Belgien und Frankreich veröffentlicht, wie kam der Kontakt zustande? 

Willi Blöß: Ich hätte gar nicht so lange durchgehalten, wenn ich als Aachener nicht so an der Grenze zu Belgien und Frankreich kleben würde. Das ist schon toll mitzukriegen, welchen Stellenwert Illustrationen da haben. Davon zehre ich und ich versuche, etwas davon rüberzuholen.

COMIC!: Du hast versucht, in deiner Heimatstadt Aachen regionale Themen zu Comics zu verarbeiten. wie waren hier deine Erfahrungen?

Willi Blöß: Wie immer, wenn man mit eigenen Ideen hausieren geht, zweischneidig. Der kreative Prozeß, das Konzeptionieren und Recherchieren, macht sehr viel Spaß. Die Vermarktung ist die Hölle. Ist die Idee gut, versucht sofort jemand, die zu klauen und dich rauszukicken. Das war ein richtiger Wettlauf gegen mächtige Gegner. Sowohl bei der Stadtchronik als auch bei meinen Projekten mit Studenten der Fachhochschule für Design. Hat mich viel Zeit und Geld gekostet, um gegenzuhalten und zu zeigen, daß meine Sachen auch ankommen.

Lösungswort 5

COMIC!: Was dir mit deinen Künstler-Biografien passiert ist – also, daß jemand in genau dem selben Format ebenfalls Lebensläufe von bildenden Künstlern in Comicform herausbringt –, erscheint mir schon reichlich skurril. Doch nach deinen Erfahrungen ist so ein frecher Ideenklau nichts Ungewöhnliches?

Willi Blöß: Stimmt, bei den Comic-Biografien war es aber etwas anders als bei meinen vorherigen Projekten. Ich habe das Konzept zwei Jahre lang Verlagen angeboten. Als ich über 60 Absagen hatte, dachte ich, das interessiert keinen. Nachdem ich die ersten fünf Titel dann selbst auf den Markt gebracht hatte, ging es plötzlich los und zog sich durch alle Ebenen. Beispiel 1: Ein ganz wich-tiger Kulturmensch bestellte mich nach Berlin und teilte mir mit, daß er schon immer mal Comic-Biografien machen wollte. Da ich seine (!) Idee aufgegriffen hätte, müßte die Reihe nun aber unter seinem Namen erscheinen. Haha. Beispiel 2: Nachdem alles fertig entwickelt, bezahlt und im Markt eingeführt war, wollte ein großer Verlag die Reihe dann doch. Ich bestand auf vertragliches Mitspracherecht bei neuen Titeln. Abgelehnt. Hintenherum habe ich erfahren, daß deren Hauszeichner schon in den Startlöchern saßen. Beispiel 3 bis 7: Ich habe bestimmt nicht alles mitbekommen, aber ich weiß sicher von fünf Fällen, daß Leute aus meinem damaligen Bekanntenkreis, unabhängig voneinander plötzlich anfingen, Comic-Biografien zu verfassen und Verlagen anzubieten. Einige wurden sogar veröffentlicht. Da kriege ich heute noch Bauchschmerzen von. Und meinen Bekanntenkreis hat das ziemlich reduziert.    

Auf den Geschmack gekommen?
Weiterlesen im COMIC!-Jahrbuch 2011
Übersicht der Linklisten
  Alle Jahrbücher
Comic Jahrbuch 2011
Comic Jahrbuch 2010
Comic Jahrbuch 2009
Comic Jahrbuch 2008
Comic Jahrbuch 2007
Comic Jahrbuch 2006
Comic Jahrbuch 2005
Comic Jahrbuch 2004
Comic Jahrbuch 2003
Comic Jahrbuch 2001
Comic Jahrbuch 2000
COMIC!-Jahrbuch 2011
Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2010
248 Seiten S/W und 4c
EUR 15,25
BESTELLEN