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COMIC!-JAHRBUCH 2011

Die Bruderschaft der Klaren Linie
Hergés nahe und entfernte Verwandtschaft

Von Jörg Petersen

«Niemand kann eine Linie zeichnen, die keine Grenzlinie ist, jede Linie teilt eine Einheit in eine Vielfalt.» (M. C. Escher)

Herbst 2008: Während die Welt gerade knapp am totalen Finanz-Crash vorbeischrammt, erscheint in Griechenland eine seltsame Publikation. Es handelt sich dabei um die Biografie des Mathematikers, Philosophen und Friedensaktivisten Bertrand Russell (1872–1970) – und zwar in Comic-Form!
Der gewaltige Bestseller-Erfolg dieses 352-Seiten-Werkes beweist einmal mehr, daß es kein Sujet gibt, mit dem sich Comics nicht beschäftigen können: Denn selbst sperrige Themen wie Logik, Mathematik und Philosophie werden in «Logicomix – Eine epische Suche nach Wahrheit» anschaulich und unterhaltsam dargestellt.
«Logicomix» (auf deutsch im Atrium-Verlag erschienen) ist darüber hinaus ein aktueller Beleg dafür, daß sich die «Ligne Claire» Hergés (1907–1983) im zeitgenössischen Comic äußerst vital präsentiert. So erinnert der Strich von Alecos Papadatos, dem «Logicomix»-Zeichner, frappierend an Edgar P. Jacobs («Blake und Mortimer»), einem der großen Meister der «Ligne Claire».
Die «Ligne Claire» hat sich mittlerweile aus ihrem frankobelgischen Kontext gelöst und zeigt sich beispielsweise erstaunlich präsent in aktuellen amerikanischen «Graphic Novels» (Jason Lutes, Seth, Daniel Clowes u.a.). Aber auch die aufsehenerregenden Bände «Die Entdeckung» und «Die Suche» von Eric Heuvel stellen die Aktualität dieser Stilrichtung unter Beweis. Grund genug, dem Ursprung der klaren Zeichenmanier sowie ihrer Verzweigung im Kunst- und Comic-Bereich einmal nachzuspüren.
Dieser Artikel möchte allerdings nicht die bekannten Hergé-Nachfolger der «Nouvelle Ligne Claire» (etwa Swarte, Benoît, Floc’h etc.) in den Mittelpunkt rücken,1 sondern vielmehr die ikonografischen Verbindungslinien aufzeigen, die sich zwischen Künstlern wie Aubrey Beardsley, Heinrich Vogeler, Otto Ubbelohde, Olaf Gulbransson und Hergé spinnen. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei zeitgenössischen deutschsprachigen Comic-Künstlern und Zeichnern, die eher selten mit Hergé in Verbindung gebracht werden (Alexander Roob, Heinz Emigholz etc.).
All diese Künstler eint das Bekenntnis zur Dominanz der Linie, was gleichzeitig einen Verzicht auf rege Binnenstruktur und Texturen mit einschließt. Auf diese Zeichner treffen die Worte Thierry Groensteens zu, mit denen er Hergés Stil charakterisierte: «Schematisierung, Reproduzierbarkeit und Lesbarkeit sind ohne Frage die Schlüsselbegriffe der visuellen Gestaltung seines Universums. Sein Strich (...) ist der Strich eines Graveurs, der von absoluter Klarheit gezeichnet ist.» 2


Zeichnerische Möglichkeiten

Hergé gilt als Begründer der «Ligne Claire». Georges Remi, so der bürgerliche Name Hergés, avancierte mit diesem Stil zum einflußreichsten Comic-Künstler Europas. Neben der zweiten großen europäischen Stilrichtung, der «École Marcinelle», als deren typische Vertreter André Franquin («Spirou und Fantasio») oder Maurice Tillieux («Jeff Jordan») gelten, hat die «Ligne Claire» bis in unsere Tage zahlreiche Comic-Künstler inspiriert.
Hergé ist aber nicht der Erfinder der klaren Linienführung. Direkt beeinflußt wurde er von den Art-Déco-Zeichnungen eines George McManus («Bringing Up Father», 1913–1954) und den klar konturierten Figuren, die Alain Saint-Ogan für seine Serie «Zig et Puce» (1925 –1954) entwarf. Hergé steht damit in einer grafischen Tradition, deren Ursprünge noch viel weiter zurückliegen.
Grundsätzlich können zwei zeichnerische Herangehensweisen unterschieden werden: Die erste besteht darin, einen Gegenstand so wiederzugeben, daß er in seiner plastischen Form hervortritt. Der Zeichner versucht dabei, sein Motiv so aufs Papier zu bringen, daß die Masse des Gegenstandes anschaulich wird. Verdichtungen des Bleistiftstriches, Schattierungen etc. spielen hierbei wichtige Rollen.
Bei der zweiten Herangehensweise steht der Umriß der Figur im Mittelpunkt. Die möglichst exakte Wiedergabe der Linien ist dabei das Ziel. Der Zeichner setzt die Striche im Extremfall so klar und präzise wie ein Eiskunstläufer seine Spuren ins Eis zieht. Die extremste Form dieses Stils findet sich beim Piktogramm, aber auch bei der technischen Zeichnung.
Zur Illustration dieser beiden zeichnerischen Herangehensweisen sollen zwei Zeichnungen dienen:
Abbildung 1 («Studie eines männlichen Rückenaktes», um 1504) von Michelangelo Buonarroti (1475–1564) zeigt die zuerst beschriebene Methodik. In dieser Zeichnung hat Michelangelo eine fast malerische Wiedergabe des Motivs erzielt. Er erreicht dies durch die Darstellung von Flächen und Schatten.
Bei der zweiten Zeichnung demonstriert Egon Schiele (1890–1918) den zuletzt beschriebenen Typus Zeichnung («Schiele, ein Aktmodell vor dem Spiegel zeichnend», 1910). Mit wenigen, gekonnt gesetzten Strichen fängt Schiele das Motiv ein.


Die Ahnen

Die letztgenannte Art der Zeichnung ist nicht nur Grundlage der «Ligne Claire», sondern auch typisch für den Jugendstil. Exemplarischer Vertreter dieser Kunstrichtung des frühen 20. Jahrhunderts ist der Engländer Aubrey Beardsley.
Beardsley (1872–1898) kultivierte, aufbauend auf einer englischen Zeichentradition (John Flaxman, William Morris), die Form der prägnanten Umrißlinie. Während Flaxman (1755–1826) als kunstgewerblich geschulter Zeichner die strenge Linienführung pflegte und mit seinen reinen Umrißzeichnungen eine Reihe von Künstlern inspirierte (William Blake, Jean Ingres), sah sich der Kunsthandwerker, Sozialreformer und Schriftsteller Morris (1834–1896) der Tradition der Gotik verpflichtet und übte mit seinem «Arts and Crafts Movement» großen Einfluß auf die Jugendstilzeichner aus. 3
Der früh verstorbene Beardsley repräsentierte die Verbindung von klarer und gleichzeitig verspielter Linienführung am konsequentesten. Beardsleys Charakteristikum ist die Klarheit der Form. Seine betonten Umrißlinien erzeugen Kontraste, die eindeutiger nicht sein können. Die Geraden in seinen Zeichnungen zog der Engländer bezeichnenderweise mit dem Lineal.
Robert Schmutzler urteilt über die Zeichenkunst Beardsleys, sie sei eine, die «nichts weiß von Schwerkraft und Raum, Natur und Anatomie, Plastizität und schattenschlagendem Licht». 4 Damit hat Schmutzler auch treffend den Charakter der Klaren Linie formuliert.
Freilich gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen Beardsley und Hergé. Der spielerische Umgang mit der Linie führte den Engländer nicht selten auf abgründige Pfade. Seine Themen kreisen um Sexualität, Sadomasochismus und Gewalt. Ganz anders der biedere Hergé, dessen gebremste Zeichen- und Erzählweise sogar kontrastierend zur heiteren Anarchie der «École Marcinelle» stand.
Beardsleys Stil beeinflußte eine ganze Schar von Buchkünstlern, Illustratoren und Karikaturisten. Beispielsweise Heinrich Vogeler (1872–1942) und Otto Ubbelohde (1867–1922). Über Vogeler schreibt Heinrich Wiegand Petzet: «Vogeler führte die Mittel des Engländers in seine Kunst ein: die betonte Umrißlinie; die wie aus Metall gestanzten drahtigen Bahnen (die schon Blake vom Zeichner forderte); die technische Schärfe der Geraden (...) Andererseits spielen für ihn die bereits erwähnten «Mängel», wie das Fehlen jeder Anatomie und Plastizität, als Kriterien ebenso wenig eine Rolle wie für Beardsley.» 5
Vogelers Lebenslauf ist der eines Träumers und Idealisten: Der gebürtige Bremer malte in der Worpsweder Künstlerkolonie schwermütige Moorlandschaften, war mit Rilke befreundet und schuf Märchenzeichnungen. Durch die Erfahrungen des 1. Weltkrieges und unter dem Einfluß des Marxismus richteten sich seine Schwärmereien auf politische Utopien. Seine Kunst entwickelte sich immer mehr in Richtung sozialistischer Realismus. 1931 emigrierte er in die Sowjetunion. Elf Jahre später starb Vogeler als verfemter Künstler in der einsamen Steppe Kasachstans.
Wie Vogeler hat sich auch Otto Ubbelohde einen Namen als Zeichner von Märchen-Motiven gemacht. Zwischen 1906 und 1908 illustrierte er die Märchen der Brüder Grimm mit 450 Zeichnungen. Vogeler und Ubbelohde verband «die Suche nach einer grafischen Reduktion des neuromantischen Weltbildes auf eine ornamental stilisierte Form.» 6
Die künstlerische Durchdringung aller Lebensbereiche, eine der charakteristischen Forderungen des Jugendstils, erfaßte auch das Kunsthandwerk und die Gebrauchskunst. Deutlicher Jugendstil-Einfluß zeigt sich beispielsweise in den Motiven des «Rider-Waite-Tarot». Diese 1909/10 von Edward Waite entworfenen und von Pamela Colman Smith (1878–1951) gestalteten Karten entsprechen durch ihre klare, ornamentale Linienführung ganz den ästhetischen Kennzeichen des Jugendstils. Der Betrachter mag sich nicht nur durch den esoterischen Kontext an Moebius erinnert fühlen, sondern auch durch die ähnliche Zeichenmanier. Kein Wunder, steht Moebius doch als «Erbe» Hergés ebenfalls in dessen Zeichentradition, wenngleich er seine Sujets – ähnlich wie Beardsley – eher in abgründigen Bereichen findet.

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2010
248 Seiten S/W und 4c
EUR 15,25
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