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COMIC!-JAHRBUCH 2010

Der US-Comicmarkt 2008/2009

von Stefan Pannor

Es hätte alles so schön seinen Gang gehen können. Gerade war der amerikanische Comicmarkt der Talsohle entstiegen, in die er in den 90er Jahren durch Variantcover-Spekulationen und eine Zuwendung zu oberflächlich-brutaler Action gestolpert war. Die Verkaufszahlen der Comichefte befanden sich stabil in einem sanften Aufwärtstrend, der Marktanteil der Graphic Novels stieg, Manga konnten sich in vielen verschiedenen Spielarten etablieren. Immer mehr Künstler schafften es, sich mit Webcomics und daraus folgendem Merchandising über Wasser zu halten. Reprints klassischer Comicstrips erfuhren unvermindert Zulauf, und sogar frankobelgische Alben, wenn auch häufig in verkleinertem Format, konnten ihre Nische vergrößern.
Dann meldete am 15. September 2008 Lehman Brothers Insolvenz an. Was vorher nur in Finanz- und Politikerkreisen so genannt wurde, hieß nun ganz offiziell und weltweit Finanzkrise. Auch der US-Comicmarkt wurde nachhaltig davon beeinflußt.


1. Das Ende der Comicstrips?

Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Comicstrips in den amerikanischen Tageszeitungen erschienen, war dies nicht nur Ergebnis einer genialen Inspiration, sondern auch einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Vor allem die Großstädte Nordamerikas waren aufgrund der Einwanderungspolitik der USA im 19. Jahrhundert Vielvölkergemische mit babylonischem Spracheinschlag.
Um die unzähligen Immigranten als Kunden für die diversen Tageszeitungen zu gewinnen, boten sich Bildgeschichten geradezu an – sie waren auf dem Umweg über das Bild auch in der Lage, die vielfältigen Sprachbarrieren zu überwinden. Mit seinen politischen Karikaturen hatte der deutsche Einwanderer Thomas Nast zudem gerade gezeigt, welchen politischen Einfluß das gezeichnete Bild haben konnte. Seine Zeichnungen waren nicht nur ungeheuer beliebt. Sie hatten in den 1870er Jahren wesentlich zum Sturz des korrupten New Yorker Stadtrates William Tweed und später zur Verhaftung nach dessen Flucht beigetragen. Weil sich das gezeichnete Bild als wichtiges Kommunikationsmittel erwiesen hatte, entstanden ab 1895 bzw. 1897 die ersten Comicstrips in den USA: Richard Outcaults «The Yellow Kid» und Rudolph Dirks‘ «The Katzenjammer Kids» hatten allerdings keinen politischen Ansatz, sondern dienten der reinen Unterhaltung.
Karikaturen und Comicstrips haben damit in der amerikanischen Pressetradition – anders als hierzulande – eine doppelte Tradition: Sie machen sich nicht nur die intuitive Kraft der Bilder zunutze, sondern verweisen auch auf den Ursprung der heutigen USA aus einem mul-tinationalen Schmelztiegel, in dem gezeichnete Bilder eine integrative Funktion zwischen den verschiedenen Kulturen darstellten. Damit sind die in den amerikanischen Tageszeitungen entstandenen Comicsstrips in Nach-folge von Outcault und Dirks nicht nur der Ursprung der modernen Comics, sondern auch die amerikanischste aller Comicformen. Gleichzeitig sind sie die am stärksten vom Aussterben bedrohte Art auf dem amerikanischen Printmarkt.
Zwar gehören Comicstrips immer noch zum Standardinventar der meisten Tageszeitungen. Wochentags laufen in der Regel mehrere Strips. Ebenso existieren weiterhin die legendären Sonntagsbeilagen – früher umfangreiche, inzwischen teilweise recht schmale mehrseitige Beileger ausschließlich mit Comics – in Tageszeitungen.
Gleich mehrere Faktoren bedrohen den Comicstrip jedoch aus diversen Richtungen. Allen voran der Zusammenbruch des Finanzmarktes, der ebenso zu einem Zusammenbruch des Werbemarktes führte. Amerikanische Tageszeitungen sind ebenso wie europäische stark werbeabhängig. Nach dem Heranbrechen der Finanzkrise sanken die Werbeeinnahmen des US-Zeitungsmarktes um nahezu dreißig Prozent für das erste Quartal 2009. Ohne entsprechende Werbeschaltungen aber läßt sich der gewohnte redaktionelle Betrieb finanziell nicht aufrechterhalten. Entsprechend müssen amerikanische Tageszeitungen an allen Ecken und Enden sparen. Hauseigene Karikaturisten sind hier oft ebenso erste Ansatzpunkte des Rotstiftes wie die über Syndikate landesweit vertriebenen Comicstrips wie «Hägar» oder «Garfield». Deshalb strich das Verlagshaus Village Voice Media, eine Kette alternativer Wochenblätter für die gesamte USA, im Januar mit einem Schlag sämtliche syndikalisierten Comicstrips. Im Februar schmiß The Oregonian zehn Comicstrips aus dem Blatt. Im März strich die Washington Post fünf Comicstrips aus ihrer Druckausgabe, darunter den Newcomer «Little Dog Lost» und den Klassiker «Zippy the Pinhead».
Dabei ist die Wegrationalisierung von Comicstrips weniger eine reine Kostenfrage. In einem Interview zum Thema betitelt Kevin Allmann, Chefredakteur des Wochenblattes The Gambit, die Honorarkosten für einen Comicstrip in seinem Blatt mit gerade einmal 25 Dollar. Viel wertvoller sei der entsprechende Platz im Heft: «Die zwei größten Kostenfaktoren sind die Druckkosten und die Gehälter», führt er aus.1 Hinzu komme das Verhältnis zwischen redaktionellem Inhalt und Anzeigen, das in guten Zeiten – also bei vielen Anzeigenkunden und hohen Anzeigenpreisen – bei 40/60 läge, sich allerdings mit schwächelndem Anzeigenmarkt und sinkenden Anzeigenpreisen zu Ungunsten des redaktionellen Inhalts verschiebe. Der geringer werdende Platz in der Zeitung würde somit immer wertvoller. Und sei möglicher Anzeigenraum: «Was der Zeichner nur als $ 25 für einen Cartoon wahrnimmt, ist für den Verleger ein möglicher Anzeigenplatz, den man für das Zehnfache dieser Summe verkaufen kann», so Allmann.
Neben den Kürzungen ist die größte Gefahr, nicht nur für die Zeichner im Blatt, der Tod der Zeitung selbst. Als «Tageszeitungssterben» ist die Krise der amerikanischen Blätter in aller Munde. Zwölf Tageszeitungen sind in den USA seit dem März 2007 vom Markt verschwunden, dazu sieben weitere, die ihr Erscheinen von Print auf Online umstellten. Im langfristigen Trend eine moderate Zahl: Seit Beginn der 90er Jahre ist die Zahl amerikanischer Tageszeitungen von 1.600 auf 1.400 gesunken. Dennoch gehen auch hier vielen Zeichnern zunehmend die Auftraggeber verloren. Insgesamt sank die Zahl angestellter Karikaturisten in US-Blättern 2008 um 18 %.2 Gleichzeitig gingen insgesamt 22.000 Jobs in der US-Zeitungsbranche verloren.
Aber noch zwei weitere Tendenzen bedrohen den US-Comicstrip. Beide sind nicht neu, werden aber durch die gegenwärtigen Umstände verstärkt. Zum einen ist es das Problem des Platzes. Während in den Hochzeiten der Comicstrips, von ihrer Einführung bis in die fünfziger Jahre, die täglichen Abenteuer in moderater Größe abgedruckt wurden, schrumpft seitdem der Platz, der so einem Drei-Bild-Gag zur Verfügung steht, kontinuierlich. Mittlerweile haben die einzelnen Panels der Comicstrips oft beinahe Briefmarkengröße. Davon drängen sich dann ein halbes Dutzend oder mehr auf möglichst wenig Platz über-, unter- und nebeneinander, hochkant und quer, zwischen Kreuzworträtseln und Sudokus.
In einem Gespräch mit der L.A. Times beschwert sich Stephan Pastis, Autor und Zeichner des Strips «Pearls before Swines»: «Früher hatten Comics oft ganze Seiten. Jetzt werden sie in winzig kleine Kästchen gedrängt, die kaum mehr als den nötigen Platz für zwei Köpfe und einen Dialog lassen.»
Das Dilemma des schrumpfenden Platzes ist nicht neu. Bereits Mitte der achtziger Jahre verteidigte Charles Schulz, Erfinder der «Peanuts», seine Kollegen von der Comicstrip-Front: «Eine Menge Probleme mit der Zeichenkunst in den heutigen Comicstrips ist nicht die Schuld der Zeichner. Der schrumpfende Platz bedeutet, daß die Hälfte des Panels vom Lettering ausgefüllt wird und man nicht einmal mehr halb so viel von dem im Bild unterbekommt, wie man gern würde. Mein ganzer Stil hat sich entwickelt, weil ich gezwungen war, auf so wenig Platz zu zeichnen.»3 Bereits damals zeigte sich Schulz resigniert: «Wir hätten alle gern eine ganze Seite, wie in den alten Sonntagsbeilagen. Es würde die Comics um einiges besser machen, und wir könnten ein paar wundervolle Dinge tun. Aber wir werden sie nicht kriegen.»

Auf den Geschmack gekommen?
Weiterlesen im COMIC!-Jahrbuch 2010
Linkls zum Artikel

Zu Fußnote 1:
www.mattbors.com/2009/02/future-of-alt-weekly-cartoons.html

Zu Fußnote 2:
http://dailycartoonist.com/index.php/2008/12/18/thomas-tab-boldt-laid-off-from-sun-media/

Zu Fußnote 3:
http://articles.latimes.com/1986-06-28/entertainment/ca-25723_1_comic-strips?pg=1

Zu Fußnote 4:
http://users.ipfw.edu/slaubau/madcirc.htm
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