Sonderpreis der Jury für eine besondere Leistung oder Publikation:
Burkhard Ihme
Von Andreas Dierks
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Burkhard Ihme wuchs mit Büchern auf, lernte im Studium, wie man Bücher herstellt, und verfaßte dann selbst so viele, daß nun gleich mehrere Dutzend seiner recht verschiedenartigen Werke in Katalogen und Beständen unserer Bibliotheken zu finden sind. Er ist Liedermacher, Comiczeichner, Herausgeber dieses Comic!-Jahrbuchs und Vorsitzender des ICOM, um nur einige seiner vielen und kreativen Tätigkeiten aufzuzählen. Wie kam es dazu? Was prägte ihn in seiner Jugend, welche Art Humor entwickelte er, warum macht er das alles? Die folgende Rück- und Werkschau gibt nicht nur Antworten auf diese Fragen, sondern auch Einblicke in die Liedermacher- und Comicszene der letzten Jahrzehnte.
COMIC!: Zwischen deiner Ehrung mit dem ICOM-Preis 2008 und den Anfängen deines Wirkens für den Comic liegen 50 Jahre, wenn man den Angaben in deinem Album «Reino und das Geheimnis der Stradivari» traut, nach denen du bereits im Alter von vier Jahren Bildergeschichten gezeichnet hast und ab 1968 Wildwest- und Detektivcomics. Was hat dich damals angeregt, Comics zu zeichnen? Welche Vorbilder hattest du?
Burkhard Ihme: Vorbild für meine ersten Comics war unverkennbar «Lucky Luke». Die Bildergeschichten, die ich zehn Jahre früher zeichnete, hatten ihre Vorbilder in Wilhelm Busch, e.o. plauens «Vater und Sohn»-Erzählungen und in «Münchner Bilderbögen», die ich bei meiner Tante las. Mein erstes Comicheft (MICKY MAUS 18/1961) bekam ich erst zur Einschulung. Seitdem haben mich die Comics nicht mehr losgelassen. Ich kann mich aber nicht entsinnen, vor 1968 selber Sprechblasencomics gezeichnet zu haben. Stattdessen schrieb ich lange Geschichten (einen Jugendabenteuer-Roman brach ich nach über 100 Schreibmaschinenseiten ab).
COMIC!: Welchen Einflüssen aus Literatur, Poesie oder Musik warst du in deinem Elternhaus ausgesetzt?
Burkhard Ihme: Die 50er Jahre, ganz Deutschland ist von den Alliierten besetzt. Ganz Deutschland? Ja, auch Stuttgart. Aber da ich nie AFN hörte, war mir das egal. Wir hörten überhaupt selten Radio. Den «Internationalen Frühschoppen» und Hans Rosenthals Sendung «Allein gegen alle» (hin und wieder mußte mein Vater das städtische Rateteam verstärken, das versuchte, die verzwickten Fragen der «Männeken Quiz»-Kandidaten zu lösen). Aber wir hatten Bücher. Massenweise Bücher, denn meine Eltern waren beide Bibliothekare. Mein Vater leitete die Katalogabteilung der Landesbibliothek, meine Mutter eine Filiale der Stadtbücherei, so daß ich Zugriff auf Tausende von Büchern hatte. In der Rückschau kann ich sagen, daß für fast alles, das ich in meinem Leben gemacht oder wie ich es gemacht habe, in meiner Kindheit die Keimzelle gelegt wurde (zumindest kann man das aus heutiger Sicht hineininterpretieren). So half mir das im Elternhaus angelegte bibliothekarische Halbwissen (man kennt jeden Titel und Autor, das Werk selber hat man aber nie gelesen) sicher bei dem, was Jürgen Henningsen in seiner «Theorie des Kabaretts» das «Spiel mit den Wissenszusammenhängen des Publikums» nennt. Literatur, Kunst und Musik sind fast erblich bedingt (mein Großvater, Bernhard Trittelvitz, schrieb plattdeutsche Gedichte und Romane und bekam 1964 den Kulturpreis der Pommerschen Landsmannschaft, mein Onkel Karl-Gustav studierte Kunst (und wurde dann doch lieber Pfarrer), mein Urgroßvater Friedrich August Ihme gab eine Sammlung von Choralsätzen heraus).
Und drei Schallplatten aus dem familiären Fundus haben mich früh geprägt: «Die Dreigroschenoper» (allerdings mehr noch durch die zahlreichen Vorträge meiner Eltern bei Hochzeiten, Jubiläen und Geburtstagsfeiern umgedichteter Strophen, vor allem aus dem «Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens»), «Spiegel vorm Gsicht» von den Wiener Kabarettisten Gerhard Bronner, Helmut Qualtinger und Kollegen sowie eine Platte der «Nachrichter», einer Kabarettgruppe der frühen 30er Jahre um Helmut Käutner. Und neben Gedichtzeilen wie «Ein Haken zu tief, eine Bremse im Weg» und «Gerettet, er schaut in die Ferne» (aus «Der Weichensteller» von Karl Freiherr von Berlepsch»), und «Gleich holt sichs der Abgrund.» («Nis Randers» von Otto Ernst) gehörte auch der unvergeßliche Ausspruch «Da wurde mir endlich schlecht» zum Sprachschatz der Familie (aus «Oponophlia«, einer Parodie von Robert Neumann auf Hanns Heinz Ewers wir kannten sie aber nur als «Das Tal des weißen Todes»).
COMIC!: Durch «Reino» wird deine Verbundenheit zur Musik und zum Liedermachen sehr deutlich. Wie kamst du zum Gitarrespielen? Gab es in deiner Schule Gründe dafür, daß das Zusammenspiel von Text und Musik für dich bedeutsam wurde?
Burkhard Ihme: Die ersten Gitarrengriffe hat mir mein zehn Jahre älterer Vetter gezeigt. Der wohnte in einem Pfarrwitwenwohnheim am Rande der Stadt. Dort gab es einen großen Garten und vor allem viele Nachbarskinder, auch in meinem Alter. Wir waren fast jedes Wochenende und vor allem in den Ferien dort. Ich habe dort viele Dinge kennengelernt: die bereits erwähnten «Münchner Bilderbögen», die erste Beatles-LP, Fußball (ich habe 1966 alle WM-Spiele der deutschen Mannschaft bei Nachbarn gesehen) und etwa 1970 Georg Kreisler. 1965 wurde unter den älteren Nachbarskindern Franz-Josef Degenhardts zweite LP, «Spiel nicht mit den Schmuddelkindern», rauf- und runtergehört, und die Lieder wurden analysiert und interpretiert («Auf der Espressomaschine» gab Rätsel auf). In der Schule (ich war auf der «Mutterschule», der 1919 von Rudolf Steiner für die Arbeiterkinder der Waldorf-Zigarettenfabrik gegründeten Lehranstalt auf der Uhlandshöhe) wurde ich künstlerisch zwar sehr gefördert, aber nicht in Bereichen wie Comic und Liedermachen. Trotzdem spielte die Schule eine große Rolle bei meinem Einstieg in die «Liedermacherei». 1970 schrieb ich das 5-Personen-Theaterstück «Der Doppelmörder» (eine verquere Mischung aus «Dreigroschenoper» und Scherzen über Fernsehkrimis), das mein Klassenkamerad Friedbald Rauscher (1976 Gewinner eines Jazzwettbewerbes) vertonte und das wir dreimal in der Schule aufführten. Es folgte «Dichters Erdenwallen», eine Faustparodie, die zu Fasching im großen Saal der Schule gegeben wurde. Friedbald widmete sich dann dem Komponieren von (teils atonalen) Kinderopern, und ich mußte fortan meine Texte selber vertonen.