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COMIC!-JAHRBUCH 2009

Herausragendes Artwork:
«The Secret of Coney Island» von Reinhard Kleist

Von Nina Mahrt


COMIC!: «The Secret of Coney Island» wurde durch Besuche auf Coney Island inspiriert. Was hat dich so daran fasziniert, daß du den Schauplatz gleich mehrfach in Comics behandelt hast?

Reinhard Kleist: Das erste Mal war ich auf einer Studienfahrt 1994 dort. Und da war ich schon ziemlich geplättet von der Atmosphäre. Ich wußte eigentlich nur, daß es ein alter Vergnügungspark ist und war zuerst genau so enttäuscht wie die meisten Leute, die da aus der U-Bahn aussteigen, weil es einfach total heruntergekommen ist. Aber man spürt trotzdem, daß da etwas Großes gewesen sein muß. Dann habe ich irgendwann recherchiert und versucht, mehr herauszufinden. Und da habe ich erfahren, daß das ein irrsinniges Gelände gewesen sein muß mit unglaublichen Attraktionen. Disneyland ist ein Witz dagegen.
Mich hat fasziniert, was für Schicksale und Geschichten – auch kranke Geschichten – sich da abgespielt haben. Da wurde z. B. ein Elefant per Elektroschock exekutiert und dann wurde Eintritt dafür genommen. Oder als ein Teil des Vergnügungsparks abgebrannt ist, haben die Leute Eintritt dafür genommen, daß man sich die rauchenden Ruinen angucken konnte. Klar, das ist völlig absurd und manchmal auch wirklich krank, aber das sind natürlich wahnsinnige Geschichten, und das spürt man. Man hat das Gefühl, die Erde ist vollgesogen mit diesen ganzen komischen Geschichten, die da stattgefunden haben müssen.
Das hat mich dann so fasziniert, daß ich «Steeplechase» angefangen habe, das sich auf einem Roman begründet. Und nachdem ich den Film «Angel Heart» nochmal gesehen habe, hatte ich die Idee zu der Geschichte, in der ich die Dreharbeiten mit Mickey Rourke und Alan Parker verwurstet habe. Da war für mich klar: Ich mache einen Sammelband daraus, für den ich noch eine erste Geschichte brauchte. Dafür habe ich die Figur des Cooper entwickelt, die dann zur Hauptfigur des Bandes «Coney Island» geworden ist und in die sehr viel von mir selbst zu dieser Zeit eingeflossen ist.
Irgendwann wurde mir klar, daß ich, um den Band zusammenzufügen, «Steeplechase», das bei Reprodukt erschienen war, nochmal komplett neu zeichnen mußte. Und das habe ich dann gemacht, so daß das Buch, wie ich finde, zu einer ganz runden Sache geworden ist.

COMIC!: Du hast die Geschichte also nicht überarbeitet, weil du mit der ersten Version unzufrieden warst?

Reinhard Kleist: Ich war nicht unzufrieden mit der Geschichte, ich mag die eigentlich sehr gerne. Auch die alten Zeichnungen gefallen mir in ihrer Einfachheit sehr gut. Aber ich merkte, daß ich in der letzten Geschichte auf den Anfang des Buches wieder zurückkommen mußte. Es sind ja schließlich die gleichen Figuren und die Geschichte hinten erzählt etwas zu Ende und muß daher auf die Geschichten vorne reagieren. Sonst ist der Leser nachher enttäuscht und fragt sich, was die Geschichten eigentlich miteinander zu tun haben.
Aber durch die Überarbeitung ergibt sich ein schön runder Schluß, weil die Geschichte so ganz nebenbei zu Ende erzählt wird. Das mag ich sehr gerne, wenn sich am Schluß alles zu einem Ganzen zusammenfügt und der Anfang wieder aufgegriffen wird.

COMIC!: Gerade auch in diesem Comic arbeitest du nicht mit starren Seitenrastern oder zeichnest Bildstreifen, sondern komponierst die ganze Seite im Zusammenhang, und jede Seite wieder ganz anders. Weißt du gleich, wie eine Seite aussehen soll oder mußt du da länger probieren?

Reinhard Kleist: Ich weiß es nicht sofort, habe aber sehr schnell eine Ahnung, wie ich die Seite aufbaue. Bei mir ist es so, daß ich sehr filmisch denke. Meine erste Vision ist eigentlich ein Film, der vor meinem inneren Auge abläuft: Leute reden miteinander, die Kamera bewegt sich, es gibt Musik ... Das versuche ich dann in den Comic umzusetzen und suche entsprechend die Bildformen und Blickwinkel aus. Wenn ich z. B. eine Kamerabewegung von oben nach unten haben will, zeichne ich ein langes hohes Panel.
Und dann scribble ich mir mehrere Seitenaufrisse, die keiner versteht außer mir (lacht) und die ich später wegwerfe. Die Dialoge schreibe ich daneben, die modifiziere ich aber später auch nochmal. Danach fertige ich eine Bleistiftzeichnung und auf dem gleichen Blatt wird dann getuscht und bei Farbarbeiten auch koloriert. Ich arbeite ja im Gegensatz zu den meisten Comiczeichnern auf einem einzigen Blatt.

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2008
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