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COMIC!-JAHRBUCH 2009

Der niederländische Comicmarkt wird übersättigt

Von Rik Sanders
aus dem Holländischen von Mark O. Fischer

Das aufsehenerregendste Ereignis der letzten zwölf Monate in der niederländischen Comicwelt war die Verhaftung des Amsterdamer Cartoonisten Gregorius Nekschot. Diese führte in den Niederlanden zu heftiger Entrüstung und zu Fragen an den Justizminister. Darüber hinaus fielen ein Überangebot an Comicbüchern, ein Tumult bei einer Preisverleihung, schöne Ausstellungen und natürlich die Schlümpfe-Invasion auf.

Am 13. Mai 2008 wurde Gregorius Nekschot in seinem Haus festgenommen. Laut der Staatsanwaltschaft hat Nekschot sich in einer Anzahl von Zeichnungen der Diskriminierung und möglicher Anstiftung zu Haß oder Gewalt gegen Muslime und Menschen mit einer dunklen Hautfarbe schuldig gemacht.
Gregorius Nekschot ist ein am rechten Rand des politischen Spektrums operierender Cartoonist, der starke Kritik am Islam und dem multikulturellen Zusammenleben übt. Seine Witze balancieren manchmal am Rand des Zulässigen. Nekschot publiziert unter Pseudonym, da er, wenn er unter seinem eigenen Namen arbeiten würde, Angst vor einem Anschlag auf sein Leben durch muslimische Extremisten hätte, so wie Filmemacher Theo van Gogh seine maßlose Kritik am Islam 2004 mit dem Tod bezahlen mußte.
Im Frühjahr 2005 (!) erstattete ein niederländischer Imam Anzeige gegen die Webseite von Nekschot wegen der darauf plazierten Cartoons. Die Staatsanwaltschaft startete erst 2007 eine Untersuchung nach möglichen rassistischen Spottbildern, da sie nicht direkt ermitteln konnte, wer sich hinter dem Pseudonym Gregorius Nekschot verbarg. Die Cartoons standen auf Nekschots Webseite www.gregoriusnekschot.nl und sind in zwei Sammelbänden des Verlages Xtra enthalten.
Auffallend bei der Aktion war das Machtgehabe von Polizei und Justiz. Ein Team von zehn Agenten unter Leitung eines Richter-Kommissars (Richter mit besonderen Befugnissen in den Niederlanden und Belgien) durchsuchte sein Haus. Es wurden Fotos gemacht, und Nekschots Computer und Arbeitsmaterial wurden mitgenommen. Der Zeichner selbst mußte mit zum Verhör und blieb eine Nacht in der Zelle. Wahrscheinlich weil er sich auf sein Aussageverweigerungsrecht berief. Die maßlose Hausdurchsuchung und Inhaftierung veranlaßten die Zweite Kammer (der Niederländische Bundestag), dem Justizminister Ernst Hirsch Ballin Fragen zu stellen. Die Kammer wollte Aufklärung, weil es im Verfahren um die Meinungsfreiheit ging. Auch in den Medien war die Inhaftierung von Nekschot Diskussionsstoff. Manche waren empört, daß die niederländische Obrigkeit sich nach dem dänischen Karikaturenstreit nicht für Menschen wie Zeichner, die sich in die politische Debatte mischen, stark macht. Comiczeichner, Cartoonisten, Kolumnisten und Kabarettisten bezogen Stellung für ihren Kollegen. Es ist bisher nie vorgekommen, daß ein moderner niederländischer politischer Zeichner in Haft genommen wurde. Ende der 1960er Jahre wurde der schon lange Zeit in Paris wohnende Cartoonist Willem aufgrund einer «respektlosen Illustration» von Königin Juliana als Prostituierte wegen Majestätsbeleidigung verurteilt, aber das war in vielen Jahrzehnten das einzige Vorkommen dieser Art.
Laut Auskunft des Ministers tat die Staatsanwaltschaft nur ihre Pflicht. Es wurde nun einmal Anzeige erstattet, und die Staatsanwaltschaft verdächtigte den Cartoonisten der Diskriminierung bzw. des Rassismus’ mittels seiner Zeichnungen. Bei der Beurteilung, ob die Cartoons diskriminierend sind oder zum Haß anstiften, so behauptete die Staatsanwaltschaft, werde sie nachdrücklich prüfen, ob sich die Cartoons innerhalb der Grenzen der Meinungsfreiheit und der Freiheit des künstlerischen Ausdrucks bewegen. Ob Gregorius Nekschot tatsächlich bestraft wird, ist noch nicht klar.

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