Lektüre
 Independent Comic Shop   ICOM-Publikationen   Kostenlos   Fachmagazine   Sekundärliteratur 
Das COMIC!-Jahrbuch | Das ICOM!-Handbuch | Der ICOM!-Ratgeber
FILMRISS | Das verbandseigene Fachmagazin
COMIC!-JAHRBUCH 2009

Braune Comics?!
Bilder vom rechten Rand der Gesellschaft

Von Ralf Palandt


Mit Titeln wie «Neue Soundtracks für den Volksempfänger» und «White Noise» reiht sich ein RechtsRock-Buch an das andere. RechtsRock, da sind sich die AutorInnen einig, ist die «Einstiegsdroge in rechtsextremes Gedankengut». Und begleitend noch rechte Zeitungen und Fanzines. Demgegenüber scheint die rechte Szene eine comic-freie Zone zu sein, finden sich doch kaum Hinweise geschweige denn Bildbeispiele. Ein fataler Irrtum!

Jedesmal, wenn in den letzten Jahren die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) ihre Schulhof-CD gratis verteilte, gab es ein großes Presse-Echo. Gewarnt wurde vor den Gefahren des RechtsRock und seinen Inhalten. Man hatte Sorge, die Wahlwerbung könnte über die Musik potentielle JungwählerInnen für das Programm und die Ziele der NPD öffnen und der Partei Wahlstimmen einbringen. Das der CD beiliegende Booklet – ein Comic – wurde in der Berichterstattung größtenteils übersehen oder ignoriert.
Dabei hat die NPD den Comic ganz gezielt und bewußt eingesetzt: Auf einem Flugblatt der NPD Sachsen, nach der Landtagswahl 1999, stellte Jana dem arbeitslosen Ronny die NPD vor und wetterte u. a. gegen Republikaner (REP) und Deutsche Volksunion (DVU). Für das CD-Booklet zur Bundestagswahl 2005 wurde gekürzt, Text ausgetauscht und die Namen wechselten in Tina und Alexander (hört sich weniger nach Ex-DDR an). Die DVU war jetzt Unterstützer. Zur Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern in 2006 trat im CD-Booklet wieder Ronny in Erscheinung.1
«Der gesamte Comic entwirft die NPD als Weltanschauungsgemeinschaft, pointiert abgegrenzt zu den Positionen der etablierten politischen Parteien und Medien. Die aktionistische Orientierung der Partei und ihre autoritär-hierarchische Verfasstheit zielen konsequent auf die Durchsetzung der 'nationalen Revolution' mit dem Ziel der 'Volksgemeinschaft'», urteilt Michael Tewes in seinem Artikel «Der Schrecken aller linken Spießer und Pauker! – Kulturelle Subversion: Zeitgenössische Formen und Ziele rechtsextremer Propaganda»2.


Comics –
«undeutsch» und nicht «zu funktionalisieren»?

Schon vorher hatte die NPD Comics verwendet. Gerald Munier zeigt in seiner Dissertation «Geschichte im Comic – Aufklärung durch Fiktion?» den Comicstrip «Willy Widerstand» aus der NPD-Wahlkampfzeitung Deutsche Stimme zur Bundestagswahl 19983: Die Titelfigur verrät, sie wolle die NPD wählen. Für Gerald Munier ist der NPD-Comic – «an Einfältigkeit und handwerklicher Stümperei kaum zu unterbieten» (gemeint ist: das Niveau ist kaum zu unterbieten) – ein Beleg dafür, daß «es so gut wie keine rechtsradikale Comic-Kultur» in Deutschland gäbe. Er schreibt: «Im Gegensatz zu anderen Unterhaltungsmedien, wie z. B. in der Rockmusik (18), sind aber keine offen faschistischen Gesinnungen in Comic-Werken zu finden(19). Es lassen sich nicht einmal ansatzweise Sympathien für solche Positionen ausmachen. Das mag auch damit zusammenhängen, daß dieses Medium von Rechtsradikalen als 'undeutsch' eingestuft und daher gemieden wird. Auch im Ausland wird es kaum zur Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts genutzt, weil Rechte offenbar Probleme haben, die genretypischen Stilmittel sinnstiftend für ihre Auffassungen zu funktionalisieren.»4
Sind die Comics der NPD tatsächlich die Ausnahme innerhalb der rechten Szene ... einer Szene, die grob gefaßt von der Sympathie für RechtsRock und der Antipathie gegen Linke bis hin zum offenen Bekenntnis zum Nationalsozialismus reicht? In der Regel wird es so behauptet.
Die Münchner Antifaschistische Informations-, Doku-mentations- und Archivstelle (a.i.d.a.) sammelt seit 15 Jahren Material von rechten Gruppen – von Skinhead-Fanzines bis hin zur NPD-Zeitung Deutsche Stimme. Das Archiv ist nicht zugänglich, es beantwortet lediglich Anfragen. Nach eigener Angabe hat das Archiv keine Comics von Rechts.
Das Archiv der Jugendkulturen und das Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum (apabiz), beide in Berlin, sind öffentlich zugänglich, und dort ist man äußerst hilfsbereit.
Wer hier an der Oberfläche kratzt, d. h. rechte Fanzines, Schülerzeitungen und Parteizeitungen durchblättert, wird sehr schnell fündig. Ein erster Befund soll zeigen, was es an rechten Bildergeschichten gibt, worüber sie erzählen und von wem sie handeln. Danach kann die Frage beantwortet werden, warum es wichtig ist, sich mit diesen Comics auseinanderzusetzen. Diese Übersicht darf schon allein deshalb nicht zu kurz sein, da es sich ja um Comics handelt, die es angeblich nicht gibt ...

Die Seitenangaben der Fußnoten stimmen teilweise mit den Seitenangaben in den Publikationen selbst nicht überein, da dort mitunter der Umschlag und leere Seiten nicht mitgezählt wurden.

1 Die Comic-Booklets der NPD-Schulhof-CDs von 2005 und 2006 können u. a. auf der Internetseite http://medien.npd.de angesehen werden. Die «Argumentationshilfe gegen die 'Schulhof-CD' der NPD» befindet sich auf www.arbeitsstelle-neonazismus.de. Die «Argumentationshilfe gegen die Neuauflage der 'Schulhof-CD' der NPD» wird auf mehreren Internetseiten angeboten, z. B. auf www.netz-gegen-nazis.de und www.gelbehand.de
Linkliste mit Direktlinks zu den in diesem Artikel genannten Seiten befinden sich auf www.comic-i.com/rechte_comics.html

2 Der Deutschunterricht Nr. 5/2007. Thema: Sprache und Gewalt. S. 55–66.

3 DS-Extra. Deutsche Stimme. Stuttgart: September 1998. Abb. in Munier, Gerald. Geschichte im Comic – Aufklärung durch Fiktion? Hannover: Unser Verlag, 2000. S. 88.

4 Munier, Gerald: Geschichte im Comic – Aufklärung durch Fiktion? Hannover: Unser Verlag, 2000. S. 87–88. Gekürzte Fußnoten im Zitat (18): «Einen guten Überblick über die aktuelle Welle der Skinhead-Nazibands bietet der Artikel 'Zensur von Nazi-Musiktexten' im Informationsdienst COMPUTER & MEDIEN, Heft 1/März 1993. (...)». Zitat (19): «Eine Ausnahme bildet die Albenserie TRIGAN von D. Lawrence und M. Butterworth, deren faschistoider Inhalt des öfteren kritisch moniert wurde, (...).»

Linkeliste: rechte_comics.html

Auf den Geschmack gekommen?
Weiterlesen im COMIC!-Jahrbuch 2009
  Alle Jahrbücher
Comic Jahrbuch 2009
Comic Jahrbuch 2008
Comic Jahrbuch 2007
Comic Jahrbuch 2006
Comic Jahrbuch 2005
Comic Jahrbuch 2004
Comic Jahrbuch 2003
Comic Jahrbuch 2001
Comic Jahrbuch 2000
COMIC!-Jahrbuch 2009
Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2008
240 Seiten S/W
EUR 15,25
BESTELLEN