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COMIC!-JAHRBUCH 2008

Der niederländische Comicmarkt: Zeitungsstrips gehören zum Mobiliar

Von Rik Sanders
aus dem Holländischen von Mark O. Fischer


Ohne Zeitungsstrips hätte es in den Niederlanden Klassiker wie «Tom Poes en Heer Bommel» (Marten Toonder), «Kapitein Rob» (Pieter Kuhn/Evert Werkman) und «Eric de Noorman» (Hans G. Kresse) nie gegeben. Auch heutzutage drucken Zeitungen noch eine große Anzahl Strips, aber so bedeutend wie frühere Serien sind diese nicht mehr.

In den zwanziger Jahren hatten die ersten Strips in den niederländischen Zeitungen ihren Durchbruch. Es gab gleich Krach zwischen «Bulletje en Boonestaak« und «Jopie Slim en Dikkie Bigmans». Im sozialistischen Tagesblatt VOORWAARTS und später HET VOLK lief «Bulletje en Boonestaak». Bis 1934 sollte dieses Paar viele Abenteuer erleben, und die Buchausgaben gingen in zehntausenden Exemplaren über den Ladentisch. Die Macher waren Texter A.M. de Jong (auch bekannt als Volksschriftsteller, 1943 von der SS erschossen) und der belgische Zeichner George van Raemdonck.
Die Reisen von Bulletje & Boonestaak über den Erdball waren nicht nur pure Unterhaltung. Die Autoren beabsichtigten auch zu zeigen, daß es auf der Welt nicht per se lustig zuging. So ist der Wahnsinn des Krieges ein regelmäßig wiederkehrender Handlungsstrang, genauso wie die Auswüchse kolonialer Regime. Dieser Anti-Militarismus und Anti-Imperialismus gehörten zum Themenkanon der sozialistischen Bewegungen in den zwanziger und dreißiger Jahren. De Jong und Van Raemdonck setzten sich mit «Bulletje & Boonestaak» vom Strip «Jopie Slim en Dikkie Bigmans» ab, der zur selben Zeit in DE TELEGRAAF lief. Dies war ein Abdruck von «Billy Bimbo and Peter Porker» (wahrscheinlich von Harry Folkard), übernommen aus der Londoner EVENING NEWS. De Jong und Van Raemdonck ärgerten sich derartig über diesen in ihren Augen «faden Strip mit zwei Bravlingen», daß sie in einer Folge Bulletje & Boonestaak nach London schickten. Das Duo stieß da «zufällig» mit Jopie und Dikkie zusammen und verabreichte den beiden englischen Stripkollegen eine gehörige Tracht Prügel.
Übrigens fand nicht jeder die Erlebnisse von Jopie Slim und Dikkie Bigmans fade. Der Zeitungsstrip war unter den DE-TELEGRAAF-Lesern äußerst populär. 1924 wurde sogar das «Marschlied van Jopie Slim en Dikkie Bigmans» vertont, allem Anschein nach ein großer Hit in dieser Zeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg brach die Blütezeit der niederländischen Zeitungsstrips an. «Tom Poes en Heer Bommel» wurde äußerst populär, auch wenn der Autor Marten Toonder für seine Weiterarbeit im Krieg für den «kollaborierenden» DE TELEGRAAF kritisiert wurde. Toonder wies darauf hin, daß sein Studio ein Deckmantel für illegale Drucksachenaktivitäten war und Mitarbeiter unterbrachte, die sonst in Deutschland ins Arbeitslager gesteckt worden wären. «Bommel» erschien nach dem Krieg in zahllosen Zeitungen, und Toonder baute seine Toonder Studios aus. Diese «Stripfabrik» produzierte jahrzehntelang viele andere Zeitungsstrips, darunter «Panda», «Kappie» und «Koning Hollewijn». Viele bekannte niederländische Comiczeichner haben einst ihre Karriere in diesen Studios begonnen.
Neben Toonder hatte auch Pieter Kuhn nach dem Krieg viel Erfolg mit seiner Kreation «Kapitein Rob». Der Strip erschien in der alten Widerstandszeitung HET PAROOL. Auch «Eric de Noorman» von Hans G. Kresse gehörte zu der «hors categorie». Markantes Detail ist, daß dieser Tagesstrip zuerst in einer belgischen Zeitung, HET LAATSTE NIEUWS, erschien, bevor der Durchbruch in den Niederlanden folgte.
Der Comic-Strip war auf jeden Fall in den Jahrzehnten nach dem Krieg aus den Tageszeitungen nicht mehr wegzudenken. Der Strip «Vader & Zoon» von Cartoonist Peter van Straaten brachte es noch in den siebziger und achtziger Jahren zu landesweiter Bekanntheit. In diesem Zeitungsstrip aus HET PAROOL führten von 1970 bis 1987 ein konservativer Vater und sein linker Sohn jeden Tag einen humoristisch-satirischen Dialog über Politik, Ökonomie, Religion, Sex, Arbeit und Studieren, Erziehung, Geld, Essen, Rauchen und natürlich die Ehe. Als Sohn Hans endlich das Haus verläßt, um mit Mariette zusammenzuziehen, verbietet der Vater ihm, ein Ding mitzunehmen: «Das gesellige Plakat von Mao, das früher über dem Bett hing».
Auch der Fußballstrip «Sportvereniging/F.C. Knudde» von Toon van Driel wuchs zu einem nationalen Phänomen heran. Immer noch steht jeden Tag ein Streifen im AD (vorher ALGEMEEN DAGBLAD).

Uitgeverij Stripstift, die das niederländische Comicfachmagazin STRIPSCHRIFT herausbringt, begann letztes Jahr mit der Kollektion «Nederlandse stripparels». Darin erscheinen Bildergeschichten, die noch nie in Buchform herausgebracht wurden. Der Schwerpunkt liegt auf Zeitungsstrips, eine fast unerforschte Quelle. So sind in der Kollektion inzwischen Bände erschienen von «Kraaienhove» und «Marco Silvester» von Zeichner Willy Lohmann und von «Hermanus», einem clownesken Pantomimenstrip, der 2003–2005 in einer Anzahl regionaler Tageszeitungen lief. Hierin spielt der auch in Deutschland populäre Sänger Herman van Veen (Erfinder der Comicfigur Alfred J. Kwak) die Hauptrolle als Clown in einer schwarzweiß karierten Jacke und mit roter Nase. Der Zeichner dieses Pantomimenstrips ist Jan Bart Dieperink. Von dem Album im Piccolo-Format ist auch eine deutsche Version herausgekommen.

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2007
248 Seiten S/W
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