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COMIC!-JAHRBUCH 2008

Der Höhenkamm der Comics –
Von den Klassikern zum Kanon?

Von Britta Madeleine Woitschig

Wovon ist die Rede?

Um sich miteinander verständigen zu können, ist es notwendig zu wissen, wovon die Rede ist. Das klingt banal und trivial, die Brisanz dieser Voraussetzung wird jedoch deutlich, wenn es um das Medium Comic geht. Scheinbar wissen alle Bescheid, aber sobald es um konkrete Fakten geht, werden allzu häufig Vorurteile reproduziert, die in den seltensten Fällen hinterfragt werden – auch innerhalb der Comic-Szenen. Denn eine einheitliche Szene existiert nicht, vielmehr wandeln sich mehrere Szenen nebeneinander her, die einander in der Regel fremd und mit Vorurteilen beladen gegenüberstehen. Jede hat ihre eigenen favorisierten Autoren und ihre Klassiker. Wenn nicht einmal innerhalb des Mediums ein Dialog zustande kommt, wie soll ein Dialog mit der Außenwelt (außerhalb der Szenen) gelingen?
Die Lösung liegt in einem minimalen Konsens, durch den ein übersichtlicher Bestand von Werken und Autoren (und Autorinnen!) definiert wird, deren Qualitäten die visuelle und narrative Bandbreite des Mediums an sich aufzeigen und zugleich lustvoll sinnlich dazu verführen, mehr zu erfahren. Für diesen Kanon müßten die selben Prinzipien gelten wie für den Filmkanon, der 2003 in einer Kooperation der Filmförderungsanstalt Berlin, der Bundeszentrale für politische Bildung und einer Auswahl renommierter Forscher und Journalisten erarbeitet wurde: Die ausgewählten Werke sollten jederzeit für die breite Öffentlichkeit zugänglich sein (d.h. für Comics erschwinglich im Preis); ihre Qualität und ihr Status innerhalb der Geschichte des Mediums sollten so aufbereitet sein, daß Multiplikatoren (z.B. Pädagogen, Geisteswissenschaftler) sich dieses Wissen leicht erschließen können; und das Medium sollte neben Literatur, Theater, Musik und Kunst gleichberechtigt in das Curriculum von Schulen und Universitäten integriert werden. Doch die gegenwärtige Geschichte des Mediums Comic zeigt, daß hier einige Schwierigkeiten bestehen, die sich nicht einfach beiseite wischen lassen, obwohl sich in letzter Zeit Tendenzen abzeichnen, die sich positiv auswirken könnten.


Kanonisierung, Pädagogik und Ignoranz

In der Mathematik bilden das Einmaleins und die Grundrechenarten die Grundlage für jede weitere Abstraktion, über die sich letztlich die gesamte Wissenschaft irgendwann erschließen läßt. Auch in den Geisteswissenschaften hatte sich ein Bestand herausgebildet, der als Minimalwissen selbst bei den jüngsten Studierenden vorausgesetzt werden konnte. Dabei orientierten sich die bürgerlichen Akademien am Modell der Theologie, die sich auf Konzilen einigte, welche Bücher als apokryph aus der definitiven Bibelfassung ausgesondert und welche als kanonisiert eingeschlossen werden sollten. Der gefaßte Beschluß konnte in den Kirchen autoritär durchgesetzt werden und wurde auch für die Laien verbindlich. Die Geisteswissenschaften formulierten durch die Gründung von bestimmten Gesellschaften, die sich bedeutenden Autoren wie Goethe oder Schiller widmeten, sowie durch ihre Forschung und Lehre einen ähnlichen Kanon als Kernbestand ihres jeweiligen Faches. Als der Muff von tausend Jahren unter den Talaren gelüftet und im Mai 1968 der Strand unter dem Pflaster der Straßen gesucht wurde, standen die bisherigen kulturellen Vereinbarungen auf dem Prüfstand, wodurch das Konzept des Kanons fragwürdig wurde. Unter gewissen Umständen wurde es möglich, sich vor allem in der Literaturwissenschaft und der Pädagogik mit dem Medium Comic zu befassen, obwohl die präsentierten Ergebnisse in der Regel mehr über die damaligen Vorurteile aussagten und weniger über das Medium.
Die Industrie und die Comic-Szene scherte das wenig: Die Verlage waren an hohen Auflagen und Gewinnen interessiert; viele Kreative verstanden sich als Handwerker der Unterhaltung und nur wenige als Künstler; das Fandom wurde von nostalgischen Liebhabern bestimmt, aus dem sich wiederum die Journalisten und die Forscher rekrutierten; die sich lockernden Jugendschutzgesetze wurden mit sexuellen und aggressiven Inhalten pubertär erkundet (vgl. Sackmann 2000, S. 19–68). Die fast ausschließlich männlich geprägte Szene und die Geisteswissenschaften mit ihrem hohen Anteil von Studentinnen kamen nicht zueinander, sondern redeten aneinander vorbei, so daß die Atmosphäre von gegenseitiger Verachtung und Ignoranz geprägt war. Sogar nach fast zwei Jahrzehnten Comic-Journalismus aus der (deutschen) Szene weist Karlheinz Borchert den Schreibenden erschreckende Mängel nach, sie wissen und können zu wenig, um ihrer Aufgabe gerecht werden zu können, und vergleicht ihr Vorhaben mit Leuten, die in Turnschuhen die Zugspitze besteigen wollen (vgl. Borchert 1988).
Inzwischen hat sich einiges geändert: Der Comicmarkt ist so vielfältig, daß er unübersichtlich wird; anspruchsvolle Comics werden im Feuilleton rezensiert; und international etabliert sich eine Forschung, die akademischen Maßstäben gerecht wird. Und gerade wegen dieser Erfolge wächst der Ruf nach einer verbindlichen Richtschnur, an der Neulinge und Laien sich orientieren und in das Medium einarbeiten können, die als Grundbestand in Stadt- und Schulbibliotheken als bekannt vorausgesetzt werden kann und die Qualitäten des Mediums in wenigen exemplarischen Werken verdichtet. Im Windschatten der Öffentlichkeit laufen längst Debatten, in denen über einen Kanon gestritten wird, ohne daß der Begriff explizit fällt. Klassiker wie «Astérix», «Peanuts» und «Lieutenant Blueberry» erscheinen in gebundenen Werkausgaben; die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die BILD-Zeitung legten Comic-Bibliotheken vor, und in Internet-Foren wird über Werke diskutiert, von denen eine überfällige Übersetzung oder eine Neuauflage gewünscht wird. Diese Debatten laufen nebeneinander her, weil sie meist national geführt oder an eine bestimmte Sprache gebunden sind, gehen nach unterschiedlichen Kriterien vor und kommen deshalb zu Ergebnissen, die nur selten übereinstimmen. Mir geht es in meinem Artikel nicht nur um einen Überblick, vielmehr geht es mir um einen Vergleich der Ansätze, bei denen ich die jeweiligen Kriterien verdeutlichen möchte, die ich zum vorläufigen Konsens eines Kanons zusamenfassen möchte.

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2007
232 Seiten S/W
EUR 15,25
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