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COMIC!-JAHRBUCH 2008

Bunte Vielfalt in der Nische
Eine Galerie deutscher Zeitungs-Strips

Von Clemens Heydenreich und Nina Mahrt


Die klare Mehrzahl der Comic-Strip-Serien, die derzeit in Deutschlands Tages- und Wochenzeitungen erscheinen, stammt aus der Feder von einheimischen Zeichnern. Wie bitte? Oh doch, dieser Satz trifft völlig zu: Unsere Recherchen im April und Mai 2007 ergaben, daß auf 20 Titel aus dem Ausland 30 deutsche Strips kommen – allerdings von deutlich begrenzterer Verbreitung. Eben deshalb dürften selbst Szenekenner Mühe haben, auf Anhieb mehr deutsche als importierte Serien aufzulisten – jenseits von «Leuchttürmen» wie «Strizz» oder «Käpt’n Blaubär». Denn die allermeisten hiesigen Produktionen erscheinen (anders als «Käpt’n Blaubär») in jeweils nur einer Zeitung, und zwar oft (anders als «Strizz») «nur» in einer regionalen. Ihre Präsenz ist somit auf Nischen beschränkt, während die Import-Konkurrenz in puncto Verbreitung pro
Strip weitaus besser dasteht.

Diejenigen einheimischen Titel, die noch immer erscheinen und mit deren Autoren wir Kontakt aufnehmen konnten, stellen wir hier vor. Eine Porträtgalerie, in der die abseitige Lokalblüte neben der populären Kult-Produktion hängt, das handwerklich Perfekte neben dem liebenswert Unausgereiften. Und neben Strips von grotesker Verschrobenheit finden sich immer wieder Strips, die zeichnerisch so ansprechend und inhaltlich so mehrheitsfähig sind, daß mit ihrem breiteren Erfolg fest gerechnet werden darf – wenn nicht morgen, dann übermorgen. Denn noch eins, und das sollte im Zusammenhang mit unserem Eingangssatz optimistisch stimmen: Fast alle hier gelisteten Serien – und ihre Autoren – sind noch relativ jung.


Am Rande der Gesellschaft
Autor: Hauck & Bauer
Erscheinungsweise: wöchentlich
Erscheint regelmäßig seit: März 2003 in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG

Warum zögert man ein wenig, diesen Comic-Strip einen «Comic-Strip» zu nennen? Am Format kann es nicht liegen, obwohl das kurios genug ist: Der Strip verläuft senkrecht – «Am Rande der Gesellschaft» eben, will sagen, am Außenrand der Seite Eins im «Gesellschafts»-Buch der FAS. Weitaus strip-untypischer ist, daß Elias Hauck und Dominik Bauer kein festes Figurenarsenal einführen; öfter mal zu sehen ist nur ein Reporter, der Leute interviewt. Und dann diese reduzierte Grafik! Sie fängt (geschult an Rattelschneck?) Pointen von oft unverfrorener Albernheit so ein, daß sie bestens zünden, wirkt aber so locker hingerotzt, als zeichne Elias Hauck noch immer aus dem Augenwinkel unter jener Schulbank in Franken, an der er und Texter Dominik Bauer sich einst kennenlernten. So reduziert ist sie, daß man sich wiedererkennbare Figuren in ihr auch kaum vorstellen kann. Mit einem Wort: «H&B» loten die Grenzen zwischen Cartoon und Comic-Strip neu aus. Und außer ihrem FAS-Strip veröffentlichen sie denn auch fast nur Einzelbildwitze – gedruckt in der TITANIC, im Netz auf der SPIEGEL ONLINE-Satireseite «Spam». Ihr erstes Buch, das unter dem Titel der FAS-Serie diesen Sommer bei Carlsen erschienen ist, versammelt neben den Strip-Beiträgen auch solche Cartoons.


Bigbeatland
Autor: Andreas Michalke
Erscheinungsweise: wöchentlich
Erscheint regelmäßig seit: August 2002 in der JUNGLE WORLD

Wäre «Bigbeatland» einfach nur ein politisch-aktueller Wochen-Funny – bereits dann wäre er ein Blickfang in der deutschen Serien-Landschaft. Daß aber Andreas Michalkes zweiter Zeitungsstrip (nach «Sophie», 1999/2000 in der BERLINER ZEITUNG) auch noch eine stetig fortlaufende Handlung pflegt, macht ihn vollends zum Unikum. Und weil Michalke ihn auf die Leser der JUNGLE WORLD zuschneidet, auf linke, eher junge, allemal subkulturell bewegte Großstädter also, ist er ein Kultphänomen. Denn just Typen, die die JUNGLE WORLD selber lesen würden, formieren auch das Serienpersonal. Verhärmte Hardcore- und opportunistische Softcore-Linke weben seit 2002 an zahllosen Handlungssträngen mit. Modepunks, Öko-Trullas, Medien-Szenefuzzis: Lauter einander beargwöhnende Sekten, denen Michalke, ein mehr als würdiger Erbwalter Gerhard Seyfrieds in Zeiten linker Zersplitterung, spöttisch-liebevoll auf Lebenspraxis und Szene-Insignien schaut. Die Zeitläufte haben sie nach Nordkorea gespült und in den Irak. Ihr Epizentrum aber bleibt die turbulente WG um «Subcomandante» Markus, die – nein: nicht in Berlin liegt. Aber liegen könnte, das bleibt bewußt offen. Ganz TV-soap-mäßig führt jede Folge einen Handlungsstrang fort, beendet einen alten und eröffnet einen neuen. Und daß ein Wochen(!)-Strip solche Anforderungen scheinbar unangestrengt erfüllt, ist eine geradezu unglaubliche Leistung.


Carl Theodor
Autorin: Silke Herrmann
Erscheinungsweise: wöchentlich
Erscheint regelmäßig seit: Februar 2005 in der SCHWETZINGER ZEITUNG und der HOCKENHEIMER TAGESZEITUNG (Lokalausgaben des MANNHEIMER MORGEN)

Carl Theodor, das ist der Kurfürst von Mannheim, der die Stadt im 18. Jahrhundert zu kultureller und wirtschaftlicher Blüte führte. Weil er lange nach seinem Ableben auf Erden eine Pokerpartie gegen Gott verliert, wird er aus dem Himmel geworfen und irrt nun durch das beginnende 21. Jahrhundert, wo ihm allerlei Merkwürdigkeiten begegnen.
Politik, Soziales, Wirtschaft, Sport und Kultur – das sind die Themen, aus denen sich Silke Herrmann für ihre «Comic-Glosse» bedient. Dabei dreht sich die Hälfte der Folgen um Geschehnisse in der Region, aber auch bundes- und weltweite Ereignisse werden aufgegriffen – Hauptsache aktuell und satiretauglich. Und weil sich aus diesen Zutaten mehr als ein Strip speisen läßt, konzipiert sie derzeit eine «Comic-Glosse» zum bundespolitischen Tagesgeschehen.

Tabelle der Strips in deutschen Zeitungen mit Vollredaktion

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2007
232 Seiten S/W
EUR 15,25
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