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COMIC!-JAHRBUCH 2008

Landschaft mit Biotopen
Deutsche Zeitungen und (deutsche) Comic-Strips im Jahr 2007

Von Clemens Heydenreich


Die deutsche Comic-Strip-Landschaft treibt mehr und buntere Blüten denn je: So kreativ, vielfältig und qualitativ hochwertig wie zur Zeit ist es noch nie zugegangen in der einheimischen Szene. Die Tages- und Wochenpresse, also das Geburtshelfer-Medium des Comic-Strips schlechthin, wird zwar so schnell nicht wieder zum «natürlichen» Lebensraum der Gattung werden – die sich weiterhin eher in Wochen- und Monatsmagazinen durchschlägt. Doch zeigt unser Überblick: In immer mehr Zeitungsverlagen sind Redakteure zugange, die mit Strip-Inhalten reflektiert umgehen und bewußt inländische Autoren fördern, statt unbesehen Lizenz-Strips zuzukaufen. Zwar hat das gewiß auch damit zu tun, daß sich die Zeichnerhonorare seit der großen Anzeigenkrise um das Jahr 2001 herum nicht mehr aus der Prekariatszone herausbewegt haben. Doch gleichwohl: Die wachsende Vielfalt und Qualität deutscher Strips fördert nicht nur den Idealismus in den Redaktionen (und einzelnen Agenturen), sondern auch das Selbstbewußtsein unter den Zeichnern. Eine Gemengelage, die ernsthaft hoffen läßt, daß die Trendwende nachhaltig sein wird.

«Das ist kein Comic-Strip»! Sich diese Warnbeschwörung gesagt sein zu lassen, das hatte offenbar nötig, wer am 29. Oktober 1959 den KÖLNER STADT-ANZEIGER aufschlug. Zumindest unterstellte das die Redaktion. Hatte sie doch an jenem Stichtag das Wagnis zu rechtfertigen, etwas ins Blatt gehievt zu haben, was wir heute einen, nun ja ... Comic-Strip nennen würden. Und was man auch damals schon so hätte nennen dürfen, können, müssen. Aber nein, so heißt es weiter: «Das ist kein &Mac220;komischer Streifen&Mac221; (...). Man hat viel darüber geredet, wie unnütz und geisttötend solche Bilderserien seien und daß eigentlich eine Zeitung, die was auf sich hält, davon nichts halten sollte.»1
Die Debatte um «jugendgefährdenden Schmutz und Schund», in deren Geiste sich die rheinischen Redakteure so sehr wanden, ihren Lesern Tove Janssons «Mumin» vorzustellen, ist heute ein halbes Jahrhundert her. Als sie in Deutschland kulminierte, war sie ihrerseits bereits so alt wie das Genre «Comic-Strip» selbst, nämlich wiederum ein halbes Jahrhundert. Daß sie sich erst um 1950 herum auch auf Sprechblasencomics bezog, lag daran, daß sich ebensolche – während in den USA just die Tagespresse zu ihrem Mutter-Medium geworden war, wobei deutsche Traditionen und Autoren sie entscheidend befruchtet hatten – im deutschsprachigen Raum vom Kaiserreich bis in die Nazizeit nie durchgesetzt hatten, mit seltenen Ausnahmen, die aber nie in der allgemeinen Tages-, sondern nur in der Spartenpresse stattfanden, etwa in linken Parteiblättern. Und so verfügte die deutsche Informationspresse der 50er Jahre über keine eigene Comic-Strip-Kultur – und nicht einmal über den gängigsten Erfahrungswert der US-Kollegen: «Unnütz» sind Comic-Strips keineswegs, gerade für Zeitungen nicht. Sie binden Leser.
Wie weit aber ist der Umgang deutscher Zeitungen mit Comic-Strips im Jahre 2007 gediehen? Hat der Comic-Strip nach hundert Jahren auch in ihnen ein so festes Zuhause gefunden, daß man (so wie letzthin von einer neu erblühten deutschen Comic-Landschaft allgemein) von einer «neuen deutschen Zeitungsstrip-Kultur» sprechen kann – oder entwickelt sich eine solche zumindest? Welchen Stellenwert räumen Tages- und Wochenzeitungen dem Comic-Strip ein? Was trauen sie ihm zu, was ist er ihnen wert? Lassen sie ihn mal gerade so, notgedrungen, als Mittel zum Zweck gelten, oder machen sie sich Gedanken über ihn – und sehen sich gar in der Verantwortung, ihn zu pflegen und zu entwickeln?
Für das COMIC!-Jahrbuch haben Nina Mahrt und ich einen faktennüchternen Überblick über den Ist-Zustand angestrebt. 131 Tageszeitungen mit Vollredaktion gibt es in Deutschland, darunter 124 Abonnementzeitungen (117 regionale, 7 überregionale) und 7 Boulevardblätter. Hinzu kommen 11 Sonntagsableger von Tageszeitungen sowie 9 reine Wochenzeitungen: macht 151. Sie alle haben wir kontaktiert und befragt, ob und – wenn ja – welche Strips sie derzeit regelmäßig drucken. (Die komplette Liste unserer Ergebnisse findet sich – natürlich offen für allfällige Aktualisierungen – im Internet unter www.comic-i.com/comic-strips.html). So hofften wir, nicht nur auf die oben gestellten Fragen Antwort zu finden, sondern vor allem auf eine: Was bedeutet die «neue deutsche Comic-Strip-Kultur», wenn es sie gibt, für die Autoren und Zeichner im eigenen Land? Herrscht ein Klima, in dem sich mehr von ihnen als früher zu größerer Kreativität als früher ermutigt fühlen dürfen, oder greifen weiterhin vor allem hartgesottene Idealisten zur Zeichenfeder?
Beginnen wir mit Statistischem, und zwar bei den «Negativposten»: Es gibt nur wenige Tageszeitungen, die den Comic-Strip auch heute noch für so «unnütz» halten, daß sie ihm keine Chance geben. Nur bei 24 von 131 Tageszeitungen verneinte man die Frage nach einem abgedruckten Strip. Als Hintergrund dafür genannt wurde mal «eine prinzipielle Verlegerentscheidung» (BREMER NACHRICHTEN), mal ging es um «Kostengründe» (WESTFALEN-BLATT). Und letztere – in Verbindung mit dem ebenfalls genannten «Platzbedarf» – werden wohl auch gelten, wo gleich mehrere Blätter angeben, zwar früher einmal einen Strip gedruckt zu haben, und zwar auf ihrer Unterhaltungs- oder Serviceseite, diese Seite aber inzwischen relauncht (LAUSITZER RUNDSCHAU, OLDENBURGISCHE VOLKSZEITUNG) oder ganz abgeschafft zu haben (NORDKURIER, Neubrandenburg).

Tabelle der Strips in deutschen Zeitungen mit Vollredaktion

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2007
232 Seiten S/W
EUR 15,25
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