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COMIC!-JAHRBUCH 2008

Vorwort

Von Burkhard Ihme


Nach einem Manga-Schwerpunkt im letztjährigen COMIC!-Jahrbuch widmet auch diese Ausgabe EINEM Thema größeren Raum. Clemens Heydenreich, Nina Mahrt, Klaus Schikowski und Guido Weißhahn, alles Mitglieder der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) und/oder Teilnehmer deren erster Tagung im November 2006 an der Universität Koblenz, haben untersucht, wie im Jahr 2007 der Stellenwert von Comics (insbesondere Arbeiten deutscher Zeichner) in deutschen Zeitungen ist. In Deutschland gibt es 131 Tageszeitungen mit Vollredaktion, 11 Sonntagsableger von Tageszeitungen sowie 9 reine Wochenzeitungen; macht 151. Sie alle wurden kontaktiert und befragt, ob und – wenn ja – welche Strips sie derzeit regelmäßig drucken. Das Ergebnis ist auf den Seiten 8–29 nachzulesen, eine exakte Aufstellung ist aus Platzgründen auf unsere Website unter www.comic-i.com/comicstrips.html ausgelagert worden. Abgerundet wird das Thema durch ein Interview mit Jan Taussig von Bulls Press, dem größten Vertreiber von Comic-Strips in Europa, einen Blick auf Pressecomics in der DDR sowie ein Interview mit TAZ-Zeichner ©TOM in der Rubrik «Atelierbesuch». Ebenfalls im Internet kann zur Ergänzung von Ralf Palandts Artikel «Comics für eine gerechtere Welt» (themen- aber nicht inhaltsgleich mit «Können Comics Menschleben retten» in COMIXENE 98) eine Link-Liste der non-gouvernmental organizations (NGOs) angeklickt werden (www.comic-i.com/NGO.html).
Bei dieser Gelegenheit möchten wir auch gleich auf größere Änderungen auf der ICOM-Website hinweisen, die noch im Planungsstadium sind, aber lange vor Erscheinen des COMIC!-Jahrbuchs 2009 abgeschlossen sein sollen. Mitglieder werden ein Schwarzes Brett gestalten und in einem Chat miteinander kommunizieren können, das Archiv der E-Groups soll mit einer Suchfunktion ausgestattet werden. Für Nicht-Mitglieder wird vor allem neu sein: • ein überarbeitetes Zeichnerarchiv mit vielfältigen Suchmöglichkeiten, einer Übersicht der zuletzt eingestellten Arbeitsproben und der Möglichkeit des PDF-Downloads von Künstler-Portfolios, • ein Newsletter und • ein Mitglieder-Blog, der so reichhaltig und vielfältig sein sollte, wie über 300 Mitglieder dies eben sind.

Als Schwarzen Freitag empfanden es viele Comicsammler, als bekannt wurde, daß der Pionier der Comicnachdrucke und Herausgeber des «1. Allgemeinen Deutschen Comic-Preiskatalogs» am 13. April 2007 mit 63 Jahren gestorben war. Auch für Comicleser, denen die Grundversorgung der Hansrudi Wäscher-Fans nicht so sehr am Herzen lag, war Norbert Hethkes Magazin DIE SPRECHBLASE, in dem schon früh Comics wie «Storm», «Prinz Eisenherz», «Conan», «The Phantom und «Star Wars» von Russ Manning abgedruckt wurden, immer wieder interessant (vergleiche auch «Riccardo Rinaldi über Rolf Kauka» auf Seite 46 dieses Jahrbuchs, in dem auf die 20teilige [!] Serie von Peter Wiechmann in der SPRECHBLASE über seine Zusammenarbeit mit Rolf Kauka eingegangen wird).
Die SPRECHBLASE war nicht die erste Zeitschrift der Comic-Sekundärliteratur, ist aber das am längsten durchgängig erscheinende Fachmagazin in Deutschland: Die August-Nummer mit einem Nachruf auf N.H. trägt die Nummer 209. Zum Vergleich: Die früher gestartete COMIXENE brachte es bei einigen Unterbrechungen auf etwa 90 Ausgaben (in der Zählung sind etliche Doppelnummern enthalten), das amerikanische COMICS JOURNAL ist bei Nummer 284 angelangt, die niederländische STRIPSCHRIFT (an dieser Stelle sei auf den Marktreport «Comicszene Niederlande» von STRIPSCHRIFT-Redakteur Rik Sanders auf Seite 140 verwiesen) bei 386 (die Zeitschrift erscheint im 39. Jahrgang).
Als das COMIC!-Jahrbuch im Jahr 2000 zum erstenmal erschien, verwiesen wir auf die Lücke, die auf dem Gebiet der Sekundärliteratur klaffte, nachdem Magazine wie COMIC!, COMIC FORUM, STRIPSPIEGEL, die COMIXENE (Juni 1994 bis März 1996 von Joachim Kaps neubelebt) und die COMIC SPEEDLINE ihr Erscheinen eingestellt hatten (einen ähnlichen Klageruf hatte Joachim Kaps 1992 in dem von ihm herausgegebenen «Comic-Almanach» angestimmt, allerdings einzig auf das im Vorjahr eingestellte «Comic-Jahrbuch» von Andreas Knigge bezogen). Zwischenzeitlich schien es wieder den Anschein zu haben, als kämen auf jeden Comicsammler zwei Sekundärmagazine, aber mittlerweile ist ein deulicher Schwund zu registrieren. Das Sammlermagazin TREFFER legte nach der Nummer 38 (Dezember 2006) eine laut Vorwort «etwa halbjährliche Denkpause» ein, XOOMIC erschien letztmals vor über zwei Jahren, die COMIXENE (Version 3.2003/JNK), die zunächst mit 10 Ausgaben im Jahr startete und 2006 auf zweimonatliches Erscheinen umstellte, erfreute seine Leser in den letzten zwölf Monaten mit nur noch drei Ausgaben. Die REDDITION erscheint seit jeher nur zweimal jährlich und beschäftigt sich zudem nur selten mit dem deutschen Comicmarkt. Einzig die ANIMANIA versorgt ihre Klientel fast monatlich mit Informationen und verkauft zudem laut IVW (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern) 30.000 Exemplare, allerdings sind Comics (in diesem Fall Manga) nicht vorherrschendes Thema des Heftes. Eine Auflage von immerhin 15.000 Exemplaren erreicht die MANGASZENE, erscheint allerdings nur noch unregelmäßig mit Themenheften. Dem gegenüber stehen laut «Martktrückblick 2006» in der Nummer 98 der COMIXENE 2.335 Veröffentlichungen, allein im relativ kleinen Albenbereich 543 und davon immerhin 77% Novitäten (bei den 934 Heften und Magazin und 858 Taschenbüchern – darunter 92% Manga und Manwha – wurde dieser Wert nicht errechnet bzw. konnte gar nicht erhoben werden). Eine kritische journalistische Begleitung (auch wenn zunehmend in Themenmagazinen und Tagespresse Rezensionen abgedruckt werden) scheint da schwer, ganz ungeachtet der Tatsache, daß nur wenige Autoren Karlheinz Borcherts fast zwanzig Jahre alte Forderung nach «Grundwissen über verwandte Medien wie Musik, Film, Literatur, Kunst oder Theater» erfüllen können. Das Internet bietet dagegen unbegrenzten Raum, allerdings nur in seltenen Fällen ein Entgelt über den kurzen Ruhm einer Veröffentlichung hinaus. Dies gilt auch für Comiczeichner und Cartoonisten, die dieses Medium zur Selbstdarstellung nutzen. Nur wenigen gelingt damit der Einstieg in den Buchmarkt, wie etwa Joscha Sauer (Carlsen), Leo Leowald und Dirk Schwieger (Reprodukt).
Was waren nun 2007 die Themen im Albenmarkt? Die größten Schlagzeilen machte Zack Snyders Verfilmung der Schlacht bei den Thermopylen (480 v. Chr.), die auf der Graphic Novel «300» von Frank Miller basierte und zu kontroversen Diskussionen führte. Obwohl der Comic nicht im Mittelpunkt der Berichterstattung stand, konnte Cross Cult doch 12.000 Exemplare des hochpreisigen Hardcoverbandes verkaufen. In Frankreich schwemmte der Animationsfilm «Persepolis» Marjane Satrapis sperrige Comicvorlage drei Jahre nach Erscheinen noch einmal auf Platz 5 der Comiccharts. Dagegen scheinen Superheldencomics kaum von Hollywood zu profitieren (siehe US-Markt-Bericht auf Seite 128).
Auch bei den deutschen Großverlagen scheint das Stichwort «Synergieeffekte» zu heißen. Diese greifen zum einen bei Adaptionen erfolgreicher Romane («Die Chronik der Unsterblichen», «Die Wellenläufer» bei Egmont, «Der erste Frühling» bei Carlsen), bei Künstlerbiografien («Cash», «Elvis») als auch bei Gesamtausgaben bekannter Comicserien («Peanuts», «Garfield», «Blueberry»). Ob dies auch bei der großen Zahl weiterer Titel und auch bei Kleinverlagen funktioniert, werden die nächsten Jahre zeigen. Angekündigt sind auf jeden Fall schon mal «Yoko Tsuno», «Isnogud», «Storm», «Andrax» (Cross Cult), «Bob Morane» (Epsilon), «Manos Kelly» (JNK), und für die edle «Carl Barks Collection» (10 Schuber zu jeweils 153 )) ist ein Folgeprojekt in Planung.
Die Gesamtausgabe von Jeff Smiths «Bone» (in einer Schwarzweiß- und in einer Farbausgabe) war beim Mangaverlag Tokyopop bisher noch ein Solitär in der Rubrik «Comics». Nun kommt mit «Kleiner Thor» von Kim Schmidt und Patrick Wirbeleit sogar eine Eigenproduktion dazu. Ebenfalls bemerkenswert: Tokyopop hat seinem bisherigen Vertrieb Anisan gekündigt. Zu der Kooperation äußerte sich Joachim Kaps im Interview mit dem COMIC!-Jahrbuch 2005 noch so: «Das Modell der Zusammenarbeit, das Tokyopop und Anisan hier gemeinsam entwickelt und etabliert haben, ist ganz und gar neu und hat sich bereits in der Einführungsphase bestens bewährt.» Nun wird Tokyopop zusammen mit Stephen Kahler (früher Egmont) einen neuen Vertrieb aufbauen.
Manga (und zunehmend Manwha) sind nicht mehr die Selbstgänger wie vor einigen Jahren. Zwar ist der Gesamtumsatz nach wie vor auf Rekordkurs, doch verteilt sich diese Geld auf immer mehr Titel in unterschiedlichen Genres. Zudem ist der zum Erreichen der Gewinnschwelle erforderliche Verkauf bei den Großverlagen durch die knapp kalkulierten Preise mit etwa 10.000 Exemplaren recht hoch. Neue Wege geht Carlsen mit dem Format Chibi (9,5 x 14,5 cm, 64 Seiten zu 1,95 €), in dem deutsche Mangaka vorgestellt werden (bisher liegen Chibis von elf Autorinnen vor). Künstlerisch anspruchsvollere Inhalte werden dagegen in der Reihe Graphic Novel vorgestellt (die sich von Autorencomics offenbar durch das Herkunftsland – Japan und Amerika – unterscheidet).
Zu vermelden ist noch der Verkauf von Lappan an den Wiener Verlag Carl Ueberreuter. Standort (Oldenburg) und Mannschaft bleiben aber die alten. Zur Situation des (an frankobelgischen Lizenzgebern orientierten) Albenmarktes schreibt Klaus Schikowski in seinem Artikel «Was ist neu an den neuen Verlagen» (ab Seite 60). Daß hier eine ältere Leserschaft angesprochen wird, zeigen nicht nur die Preise sondern auch die Ausrichtung auf abenteuerliche Genres. Funnys haben es schwer in Deutschland (nur Salleck Publications bietet eine größere Anzahl an).
Zum Schluß wieder einige Jubiläen, denen zum Teil große Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zuteil wurde: Hergé wurde 100, Gaston 50, der Buch Musik & Film Verlag (der dieser Jahbuchreihe die ISBN «leiht») 25 und Commander Cork 20 Millionen Jahre alt (das Ereignis wurde zwar bereits im vergangenen Jahr gefeiert, ist aber angesichts der Relativität von Zeit und Raum immer noch hochaktuell).

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Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2007
232 Seiten S/W
EUR 15,25
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