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COMIC!-JAHRBUCH 2007

«Mein Bestreben ist es, die Wirklichkeit zu übertreffen»
Interview mit Jamiri (Jan-Michael Richter)

von Michael Bregel
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COMIC!: Meine erste Erinnerung an Jamiri ist ein Unicum-Cartoon über Sprockhövel ...

Jamiri: Echt, ja? Dieser Comic hängt mir bis heute nach, weil ich glaube, ich war nie besser. Dieses Ding ist am meisten nachgedruckt worden, man wird immer wieder darauf angesprochen. Es ist fast das «schwarze Loch Sprockhövel» (lacht). Das Ding ist ja von 1993. Das heißt, daß ich seitdem nicht mehr besser war. Das ist schmerzhaft.

COMIC!: Nie mehr besser? Nein, finde ich gar nicht. Deine Themen haben sich geändert, obwohl der Stil sehr ähnlich geblieben ist, trotz Wechsel von Handzeichnen auf Computer. Für mich als Bayern war Sprockhövel eben Anfang der 90er noch ziemlich alienmäßig.

Jamiri: Ja, irgendwie ist mir da ein Wurf geglückt. Das habe ich beim Machen gar nicht so gemerkt. Ich bin ja da praktisch nebendran aufgewachsen. Da ist ja eigentlich nichts, in Sprockhövel gibt es nur ein paar Schafe und Nieselregen.

COMIC!: Mir ist der Sprockhövel-Comic spontan wieder eingefallen, als ich in einer Jamiri-Biographie gelesen habe: « ...verbrachte die Schulzeit mit dem Drehen von Science-Fiction-Filmen.» Falls irgendwann mal Aliens bei uns landen, dann bestimmt bei Sprockhövel.

Jamiri: (lacht) Das stimmt mit dem Science-Fiction. Als Jugendlicher wollte ich eigentlich Filmemacher werden. Und ich habe auch mit dem Meisterwerk «Future Tense», Teil 1 und Teil 2, am ersten bundesweiten Schülerfilmfestival in Hannover teilgenommen. Und ich kriegte keinen Preis, weil es eigentlich bloß eine Mischung aus «Kampfstern Galactica», «Star Wars» und «Enterprise» war. Das ist toll, wenn man das jetzt als Erwachsener sieht, man schreit vor Lachen. Super 8, richtig aufwendige Trickaufnahmen, mit selbst gebauten Modellen, mit selbst gemaltem Sternenhintergrund, mit Pyrotechnik. Meine Eltern sind immer wahnsinnig geworden. Meine Ambitionen, Filmemacher zu werden, fanden allerdings ein jähes Ende, nachdem ich später ein Praktikum bei Adolf Winkelmann aus ziemlich merkwürdigen Gründen nicht bekam.

COMIC!: Aber deine schon früh entdeckten kreativen Ambitionen müßten doch eigentlich durch die Waldorf-Schule, die du besucht hast, gefördert worden sein ...

Jamiri: Das ist eigentlich auch wahr. Also, man wird als Schüler Gott sei Dank nur in sehr geringem Ausmaß mit der Ideologie, die hinter der Waldorf-Pädagogik steht, behelligt. Insofern war das einigermaßen erträglich. Aber hinsichtlich Comics, die konnte ich an der Schule eben nicht, ähm ... so was durfte da nicht vorkommen. Also, ich durfte es nicht zeigen, und Comics waren einfach Dreck.

COMIC!: Man hat immer das Klischee im Kopf, man wäre an solchen Schulen für alles offen, Hauptsache jemand kann sich kreativ ausdrücken. Gibt es da dann doch so klare Schubladen?

Jamiri: Ja. Ich habe damals aber viel gemalt, Aquarell, Naß-in-Naß, das war so das Waldorf-Ding damals. Es hat natürlich schon den Vorteil, daß man, wie soll ich sagen, manuell ein Gefühl für die Materie bekommt. Das heißt, wenn man sich ernsthaft mit Aquarellmalerei beschäftigt oder mit Malerei allgemein, hat man schon einen Gutteil des Rüstzeugs.

COMIC!: Also war es technisch lehrreich, aber hinsichtlich dessen, was du eigentlich machen wolltest, nicht so der Treffer.

Jamiri: Also der Zugriff auf die Kunst ist durch die antroposophische Weltanschauung schon eingeschränkt gewesen. Das heißt, nachdem ich Abitur hatte und da raus war, hatte ich wirklich das Gefühl – das habe ich auch mal geschrieben – ich wäre unter einer Käseglocke, einer beschlagenen Käseglocke hervorgekrochen.

COMIC!: Wo wir es vorhin von Außerirdischen hatten: Einer deiner Lieblingscharaktere in den Comics ist ja Gott. Ich habe hier deine neulich im Unicum veröffentlichte, sehr dezidierte ganzseitige Stellungnahme zum Karikaturenstreit. Seitdem wundere ich mich, daß so ein Gewese um die Äußerungen von Ralf König gemacht wird, aber niemand deine bemerkenswerten Einlassungen dazu diskutiert. Hat das vielleicht einfach keiner verstanden?

Jamiri: Es gab eine Leserzuschrift, die mir klar gemacht hat, wie das möglicherweise rezipiert worden ist. Das war so ein relativ gönnerhafter Ton, den das Ganze hatte: Es sei ja schön, daß sich sogar Comiczeichner berufen fühlten, sich in derartige Debatten einzumischen. Das heißt, von vornherein ist die Haltung wohl so, daß sich der Comiczeichner nicht zu solchen Höhen aufschwingen sollte.

COMIC!: Nicht mal, wenn es um Comics geht?

Jamiri: Ja, nicht mal, wenn es um Comics und Karikaturen geht. Ganz merkwürdig. Und da ist mir klar geworden, daß viele Leute meinen Text wahrscheinlich gar nicht gelesen haben. Und daß so was gewissermaßen von vornherein gar nicht den Grad der Ernsthaftigkeit, den es eigentlich hat, haben darf. «The medium is the message». Das heißt: «Der ist nur Comiczeicher, das ist nur die Comicseite und dementsprechend ist auch der Gehalt dieser Seite von vornherein zu bewerten», ganz egal, was tatsächlich draufsteht und was tatsächlich drin ist.COMIC!: Meine erste Erinnerung an Jamiri ist ein Unicum-Cartoon über Sprockhövel ...

Jamiri: Echt, ja? Dieser Comic hängt mir bis heute nach, weil ich glaube, ich war nie besser. Dieses Ding ist am meisten nachgedruckt worden, man wird immer wieder darauf angesprochen. Es ist fast das «schwarze Loch Sprockhövel» (lacht). Das Ding ist ja von 1993. Das heißt, daß ich seitdem nicht mehr besser war. Das ist schmerzhaft.

COMIC!: Nie mehr besser? Nein, finde ich gar nicht. Deine Themen haben sich geändert, obwohl der Stil sehr ähnlich geblieben ist, trotz Wechsel von Handzeichnen auf Computer. Für mich als Bayern war Sprockhövel eben Anfang der 90er noch ziemlich alienmäßig.

Jamiri: Ja, irgendwie ist mir da ein Wurf geglückt. Das habe ich beim Machen gar nicht so gemerkt. Ich bin ja da praktisch nebendran aufgewachsen. Da ist ja eigentlich nichts, in Sprockhövel gibt es nur ein paar Schafe und Nieselregen.

COMIC!: Mir ist der Sprockhövel-Comic spontan wieder eingefallen, als ich in einer Jamiri-Biographie gelesen habe: « ...verbrachte die Schulzeit mit dem Drehen von Science-Fiction-Filmen.» Falls irgendwann mal Aliens bei uns landen, dann bestimmt bei Sprockhövel.

Jamiri: (lacht) Das stimmt mit dem Science-Fiction. Als Jugendlicher wollte ich eigentlich Filmemacher werden. Und ich habe auch mit dem Meisterwerk «Future Tense», Teil 1 und Teil 2, am ersten bundesweiten Schülerfilmfestival in Hannover teilgenommen. Und ich kriegte keinen Preis, weil es eigentlich bloß eine Mischung aus «Kampfstern Galactica», «Star Wars» und «Enterprise» war. Das ist toll, wenn man das jetzt als Erwachsener sieht, man schreit vor Lachen. Super 8, richtig aufwendige Trickaufnahmen, mit selbst gebauten Modellen, mit selbst gemaltem Sternenhintergrund, mit Pyrotechnik. Meine Eltern sind immer wahnsinnig geworden. Meine Ambitionen, Filmemacher zu werden, fanden allerdings ein jähes Ende, nachdem ich später ein Praktikum bei Adolf Winkelmann aus ziemlich merkwürdigen Gründen nicht bekam.

COMIC!: Aber deine schon früh entdeckten kreativen Ambitionen müßten doch eigentlich durch die Waldorf-Schule, die du besucht hast, gefördert worden sein ...

Jamiri: Das ist eigentlich auch wahr. Also, man wird als Schüler Gott sei Dank nur in sehr geringem Ausmaß mit der Ideologie, die hinter der Waldorf-Pädagogik steht, behelligt. Insofern war das einigermaßen erträglich. Aber hinsichtlich Comics, die konnte ich an der Schule eben nicht, ähm ... so was durfte da nicht vorkommen. Also, ich durfte es nicht zeigen, und Comics waren einfach Dreck.

COMIC!: Man hat immer das Klischee im Kopf, man wäre an solchen Schulen für alles offen, Hauptsache jemand kann sich kreativ ausdrücken. Gibt es da dann doch so klare Schubladen?

Jamiri: Ja. Ich habe damals aber viel gemalt, Aquarell, Naß-in-Naß, das war so das Waldorf-Ding damals. Es hat natürlich schon den Vorteil, daß man, wie soll ich sagen, manuell ein Gefühl für die Materie bekommt. Das heißt, wenn man sich ernsthaft mit Aquarellmalerei beschäftigt oder mit Malerei allgemein, hat man schon einen Gutteil des Rüstzeugs.

COMIC!: Also war es technisch lehrreich, aber hinsichtlich dessen, was du eigentlich machen wolltest, nicht so der Treffer.

Jamiri: Also der Zugriff auf die Kunst ist durch die antroposophische Weltanschauung schon eingeschränkt gewesen. Das heißt, nachdem ich Abitur hatte und da raus war, hatte ich wirklich das Gefühl – das habe ich auch mal geschrieben – ich wäre unter einer Käseglocke, einer beschlagenen Käseglocke hervorgekrochen.

COMIC!: Wo wir es vorhin von Außerirdischen hatten: Einer deiner Lieblingscharaktere in den Comics ist ja Gott. Ich habe hier deine neulich im Unicum veröffentlichte, sehr dezidierte ganzseitige Stellungnahme zum Karikaturenstreit. Seitdem wundere ich mich, daß so ein Gewese um die Äußerungen von Ralf König gemacht wird, aber niemand deine bemerkenswerten Einlassungen dazu diskutiert. Hat das vielleicht einfach keiner verstanden?

Jamiri: Es gab eine Leserzuschrift, die mir klar gemacht hat, wie das möglicherweise rezipiert worden ist. Das war so ein relativ gönnerhafter Ton, den das Ganze hatte: Es sei ja schön, daß sich sogar Comiczeichner berufen fühlten, sich in derartige Debatten einzumischen. Das heißt, von vornherein ist die Haltung wohl so, daß sich der Comiczeichner nicht zu solchen Höhen aufschwingen sollte.

COMIC!: Nicht mal, wenn es um Comics geht?

Jamiri: Ja, nicht mal, wenn es um Comics und Karikaturen geht. Ganz merkwürdig. Und da ist mir klar geworden, daß viele Leute meinen Text wahrscheinlich gar nicht gelesen haben. Und daß so was gewissermaßen von vornherein gar nicht den Grad der Ernsthaftigkeit, den es eigentlich hat, haben darf. «The medium is the message». Das heißt: «Der ist nur Comiczeicher, das ist nur die Comicseite und dementsprechend ist auch der Gehalt dieser Seite von vornherein zu bewerten», ganz egal, was tatsächlich draufsteht und was tatsächlich drin ist.


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Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2006
232 Seiten S/W
EUR 15,25
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