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COMIC!-JAHRBUCH 2007

Manga - Aspekte einer Erfolgsgeschichte

von Andreas Dierks


1. Manga-Anfänge

Der Comic sei Mitte des 19. Jahrhunderts nach Japan gekommen, nachdem der Kontakt zur abendländischen Zivilisation1 hergestellt worden war, behaupten die Autoren um Claude Moliterni.2 Das klingt in dieser Form etwas überheblich und wird japanische Comicforscher vermutlich auf die Palme bringen. Gemeint ist von Moliterni sicherlich der Comicstrip westlicher Art,3 der ab 1854 nach Japan kam und Verbreitung fand,4 womit er nicht ausschließt, daß es andere (Früh-) Formen des Comic in Japan schon vorher gab.
Unter der Überschrift «A thousand years of Manga» schildert Frederik L. Schodt seine Sicht auf die Geschichte des Manga.5 Der renommierte Manga-Experte beginnt in seinem vielzitierten Buch «Manga! Manga! – The World of Japanese Comics» den Rückblick mit Belegen aus dem 6./7. Jahrhundert n. Chr., karikierende Zeichnungen, die in Tempeln gefunden wurden. Witzige Zeichnungen werden folglich als frühe Manga empfunden. Als Belege für frühen Comic im Verständnis heutiger Forschung taugen diese Karikaturen allem Anschein nach jedoch nicht. Comic entsteht erst durch die Anreihung von mindestens zwei Szenen, zwischen denen sich irgendeine Art von Erzählung abspielt, mindestens zwei Szenen, die aufeinander Bezug nehmen. Oft stellen wiederkehrende Figuren in solchen szenischen Reihungen diesen Bezug her. Nach solchen szenischen Reihungen würde ein Comic-Historiker unserer Tage in Japan suchen. Das ist vielleicht mühsam, aber man wird zum Glück fündig.

1.1 Emakimono

In der Manga-Geschichtsschreibung geht man stets auf den emakimono ein.7 Mit den beiden Händen wickelt man diese Rollbilder auf der einen Seite ab und der anderen wieder auf, mal nach links mal nach rechts, so daß vor den Augen des Betrachters immer nur einzelne Szenen der Erzählung sichtbar werden. Dietrich Seckel schildert dieses Vorgehen und das Zurechtfinden im Raum-Zeit-Kontinuum der Abfolge der Szenen in seiner Einführung zu «Emaki – Die Kunst der klassischen japanischen Bilderrollen» schon 1959 ausführlich.8 Man liest diese Bilderrollen im Prinzip von rechts nach links, wie auch den heutigen Manga. Dennoch fällt es nicht leicht, die richtige Reihenfolge der Szenen zu erkennen. Anläßlich der Ausstellung «Die Welt der japanischen Comics» im Japanischen Kulturinstitut Köln im Jahr 2000 kam ein Katalog heraus, in dem Fusanosuke Natsume am Beispiel eines nicht näher bezeichneten Emakimono und einer zugehörigen Ummontierung in eine moderne Darstellung der Szenen die Lesereihenfolge erklärt (vgl. Abbildung 2 und 3).
Der Katalogtext von Fusanosuke Natsume erweckt den Eindruck, als sei der Emakimono ein Vorläufer des Zeichentrickfilms. Da die Erzählzeit jedoch vom Leser und nicht vom Maler/Regisseur bestimmt wird, führt diese Behauptung in die Irre. Vermutlich erinnerte die Autoren die Bildrolle an eine Filmrolle, wodurch sie die doch so verschiedenen Formen des Erzählens mit Bildern als benachbart empfanden. Da die Geschwindigkeit des Betrachtens einer japanischen Bilderrolle nicht von außen bestimmt wird, ist Emakimono früher Comic.9 Dieses Kriterium zur Unterscheidung von Film und Comic ist auch für die Abgrenzung von Manga zu Anime10 nützlich.
Schodt und Moliterni nennen als einige der ältesten bekannten Emakimono «Chôjûgiga» von Kakuyu Toba, Bilderrollen vom Beginn des 12. Jahrhunderts. Diese werden auch «Animal Scrolls» genannt, weil die dargestellten Personen als Tiere gezeichnet wurden.

1.2 Kibyôshi

Nach seinen gelben Buchdeckeln wurden in der Edo-Zeit12 die kibyôshi benannt.13 Beginnend ab 1775 befaßten sich die Kibyôshi auf humorvolle Weise mit dem Alltag des Volkes. Als sie sich zum Teil sogar zur Möglichkeit für politische Satire entwickelten, griff die staatliche Zensur ein. Die gelben Bücher wandten sich daraufhin inhaltlich romantischen Blutrachegeschichten oder aufwendigen Abenteuergeschichten zu.14
In den Abb. 4 und 5 sind vier Seiten des Kibyôshi «Happyakuman ryo kogane no kamibana» (d.i. «Acht Millionen Taler Gold Götterblüten») von Santô Kyôden von 1791 in westlicher Lesereihenfolge zu sehen. Je zwei Seiten wurden zwar auf getrennten Bögen gedruckt, gehören aber dicht zusammengelegt, wie schon der Flußlauf und der Wurf der Gewänder der im Wasser stehenden Figuren verrät, die vom linken Bildfeld ins rechte hineinragen. Erzählt wird die Geschichte von Chôemon und Ohan, die sich während einer Pilgerreise ineinander verliebten. Um die Figuren leichter erkennbar zu machen, hat ihnen der Zeichner Namenszeichen in runden Kartuschen beigefügt. Auf dem Blatt 13 recto (13r) sitzt der Gott des Todes, der die beiden Liebenden auf Blatt 12 verso (12v) zum Doppelselbstmord aus unschicklicher Liebe in den Fluten des Katsuragawa verleitet. Das Band der Verliebtheit zwischen Chôemon und Ohan ist in 12v mit einer Schleife gebunden. In 13v finden wir das Band gelöst und groß mit dem Schriftzeichen für «in die Irre gehen» versehen. Was ist passiert? Der Daijingû (die oberste Gottheit) hat eingegriffen und den Gott des Todes niedergerungen. In 14v schwingt der Daijingû sein Himmelsschwert, mit dem er das Tau der ungehörigen Verbindung zwischen beiden durchtrennte.15 Jetzt können Chôemon und Ohan ihre Pilgerfahrt in der gebotenen Frömmigkeit fortsetzen.
Neben Martina Schönbein hat sich auch Stella Bartels-Wu um die Prinzipien zur Neuausgabe von Kibyôshi verdient gemacht, indem sie «Myô-kinako kogome Dômyôji» (d.i. «Seltsames Bohnenmehl und Bruchreis vom Dômyôji-Tempel») ins Deutsche übertrug.17 Ihr Augenmerk richtete sich unter anderem auf das für Kibyôshi typische Text-Bild-Gemisch und sie beklagt, daß bei der Neuausgabe von Kibyôshi die Bilder nur als Illustration aufgefaßt würden, was diese durchaus nicht seien, da sie Teile der Erzählung enthalten, die sich im Text nicht fänden. Sie schuf daher eine Ausgabe, in der sie sich um eine integrale Wiedergabe von übersetztem Text und Bild bemühte.18
Die in dem von Bartels-Wu untersuchten Kibyôshi vorgefundenen Texte haben verschiedene Funktion. Zum einen wird der Erzählfluß durch einen «Kopftext» im oberen Bilddrittel vorangebracht, zum anderen gibt es Redetexte der handelnden Personen und kurze Beschreibungen, die sowohl im Original als auch von ihr in der Nähe der gezeichneten Figuren eingebracht wurden. Das Ergebnis ihrer Bemühungen zeigt die Abb. 7 an den Blättern 10 verso und 11 recto.
Da es die Computertechnik vor zehn Jahren noch nicht erlaubte, ein lebendigeres, vorlagengetreueres Schriftbild zu erzeugen, und da auch ein Handlettering offenbar nicht in Frage kam, wirkt die Übertragung ins Deutsche optisch langweilig. Doch man kann sich durch sie gut vorstellen, wie sehr der Kibyôshi um 1800 bereits dem Manga unserer Tage ähnelte. Den «Kopftext» findet man heute beispielsweise in einem Textkasten ober- oder unterhalb des Panels, die Redetexte würde man jetzt meist in Sprechblasen setzen.
Bartels-Wu erkennt in ihrem Buch die Bedeutung ihrer Untersuchung für die Geschichte des Manga, widmet dem Thema daher ein ganzes Kapitel, in welchem sie comicähnlichen Elementen in «Myô-kinako kogome Dômyôji» und anderen Kibyôshi nachspürt. Sie entdeckt das Entstehen von (Erzähl-) Zeit durch die Text-Bild-Abfolge, sie bemerkt einzelne Speedlines, Traum- und Denkblasen. Diese Ergebnisse belegen einmal mehr, daß es keinen «ersten Manga» oder «ersten Comic» gibt, sondern daß sich das, was wir heute Comic nennen, langsam entwickelt hat. Dabei standen ihm die jeweiligen technischen Möglichkeiten (z.B. die Drucktechnik) kräftig zur Seite.
Ende des 19. Jahrhunderts brachten zum einen der Engländer Charles Wirgman (The Japan Punch) und der Franzose George Bigot (Tôbaé) Humormagazine westlicher Art nach Japan und prägten damit die einheimischen Zeichner, zum anderen kam aus dem Westen auch neue Drucktechnik, die den aufwendigen Umgang mit dem Holzschnitt ablöste. Der Einsatz von Kupferplatten, Lithografie und metallenen Lettern machten Massenmedien möglich. Der Japaner ließ den Pinsel liegen und griff zum Stift.20
In der Bindung von Büchern gab es zwischen Kibyôshi (chinesische oder Japan-Bindung, d.h. die nur einseitig bedruckten Blätter werden nicht im Falz, sondern am gegenüberliegenden Rand zu Doppelseiten zusammengenäht) und dem westlichen Buch große Unterschiede. Zwar glichen sich die Japaner auch hier irgendwann den westlichen Standards an, doch die Leserichtung von rechts nach links (bzw. hinten nach vorne) behielt man bei, auch beim Manga.



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Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2006
232 Seiten S/W
EUR 15,25
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