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Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2005
224 Seiten DIN A4, S/W
EUR 15,25
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Preisträger 2005 Bestes Szenario:
«Import/Export» von Thomas Gilke
Ein Porträt

Von Achim Schnurrer


Der Anlaß ist durchaus bemerkenswert. Da erhält ein Comic-Künstler den ICOM-Independent-Comic-Preis für eine Arbeit, die außerhalb der «Szene» und ihrer üblichen Publikationen, nämlich in einem Literaturmagazin erscheint. Und er erhält diesen Preis in erster Linie nicht für die illustrativen, grafischen Aspekte seines Beitrags, sondern für die szenaristische Leistung. Damit wird Thomas Gilke vor allem als Autor gewürdigt. Das paßt zu den neun Einseitern, die unter dem Titel «Import/Export» das Erscheinungsbild der Leipziger Literaturzeitschrift EDIT Nr. 34 bestimmen. Ein Comic-Künstler erhält in seiner Teilfunktion als Autor einen Preis für eine Arbeit innerhalb eines strikt literarisch ausgerichteten Umfelds. Das ist in seiner feinen Dialektik zweifellos erwähnenswert.

Um nun jeden Verdacht von vorneherein zu zerstreuen, der bildnerische Anteil fiele gegen den erzählerischen ab, möchte ich mich zuerst einmal mit den grafischen Elementen seines preisgekrönten Beitrags beschäftigen.
Das bedeutet, sich in eine hochstilisierte, nachgerade formelhafte Welt von Piktogrammen zu begeben. Für den Betrachter erschließt sich auf den ersten Blick kaum, welcher Aufwand, welche Mühen der Entwicklung in diesen einfachen Zeichnungen stecken. Die Kunst der Reduktion besteht nicht nur im Weglassen – das, was übrig bleibt, soll schließlich noch verstanden werden. Die formale Strenge, der sich Thomas Gilke bei der Erarbeitung der Import/Export-Seiten unterworfen hat, werden schon durch den stets gleichbleibenden äußeren Rahmen vorgegeben.
Der ist definiert durch vier in der Grundform quadratische Kästchen, in sechs Reihen untereinander angeordnet, wobei das erste Kästchen der ersten Reihe weggelassen wird, um mit der Nummer der Episode in einem auseinanderspritzenden Strahlenkranz das einzige grafische Element zuzulassen, das einen scheinbar legeren Duktus gegenüber der ansonsten strengen Formen aufweist.
Der «Rest» sieht auf den ersten Blick so aus, als könne man sich alle anderen Elemente aus den zigtausend Clip-Art-Sammlungen zusammenbasteln, die im Internet verfügbar sind. Dem ist natürlich nicht so. Doch daß diese Oberflächenanmutung entstehen kann, scheint Kalkül zu sein. Haus und Schaf in einem der Panels erwecken den Eindruck von alten Holzfiguren aus den pädagogisch wertvollen Spielzeugkästen für Kleinkinder. Die sorgfältig ausgesägten Umrisse sind das einzige Erkennungsmerkmal, durch das sich das Schaf vom Haus unterscheidet.
Im gleichen Einzelbild taucht im Hintergrund noch ein Leuchtturm auf, der die Angelegenheit schon schwieriger macht: Der freischwebende Kreis mit der pfeilspitzenförmigen Andeutung des Lichtkegels oberhalb der konischen Turmform, das alles erschließt sich nur korrespon-dierend mit den anderen Bildelementen. Sie sind also für sich genommen nicht selbsterklärend.
Thomas Gilke ist in den Einzelbildern von «Import/Export» das Kunststück gelungen, auf kleinstem Raum die perfekte Balance zwischen Formelhaftigkeit, Reduktion und Detailfülle zu finden. Die Skyline einer Großstadt mit Hochhäusern wird eben nicht nur durch ihren Umriß angedeutet, sondern auch durch winzige Fensteröffnungen. Während Figuren, seien es Menschen oder Hunde oder Schafe, auf die Anmutung von Ampelmännchen zurechtgestutzt werden.
Natürlich erinnern diese Gestalten an die Gestaltung von Verkehrszeichen oder Hinweisschildern oder von Bildchen, mit denen zumindest früher in der theoretischen Führerscheinprüfung irgendwelche Vorfahrtsregeln abgefragt wurden. Dennoch gehen sie auch weit darüber hinaus. Sie entpuppen sich als viel beweglicher, dynamischer und erweisen sich letztlich als ziemlich anarchische Charaktere. Gerade dieser Widerspruch zwischen Inhalt und Darstellungsart macht einen Hauptreiz dieser neun Einzelepisoden aus, die Thomas Gilke für das Leipziger Literaturmagazin geschaffen hat.


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