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COMIC!-Jahrbuch 2005
Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2004
224 Seiten DIN A4, S/W
EUR 15,25
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COMIC!-JAHRBUCH 2005

Bester Comic-Beitrag (Realistisch):
«Scherbenmund» von Tobias Meissner und Reinhard Kleist

Interview mit Reinhard Kleist von Constanze Döring und Klaus Schikowski


COMIC!: Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Preises für den besten realistischen Comic! Würdest du dich selbst als realistischen Zeichner bezeichnen?

Reinhard Kleist: (lacht) Oh Gott, das fängt ja gut an. Eigentlich nicht; ich versuche zwar, einen realistischen Stil zu machen, aber wenn ich etwas Realistisches zeichne, verfremde ich das immer. Den Realismus benutze ich, um den Leser in diese verfremdete Welt einzuführen. An anderen Stellen lasse ich den Realismus auch mal bleiben, um einen anderen Effekt zu erzielen. Wie z. B. bei «Amerika», der eher phantastisch war.

COMIC!: Kannst du dir auch vorstellen, nicht nur realistische Comics zu machen, sondern auch mal einen Funny?

Reinhard Kleist: Im Atelier ist es ja so, daß wir durchaus gemischt sind. Ich bediene eher die realistische Schiene, und die anderen machen alle eher Funny. Wir beeinflussen uns schon, besonders in dieser gemeinsamen Arbeit, dem «Comicgarten». Was ich da gemacht habe, war auch ein Funny - schon ein bißchen düster, aber deutlich weg von dem, was ich normalerweise mache. Der Moga-Mobo-Beitrag, den ich für die letzte Ausgabe gemacht habe, war ja eigentlich auch im Funny-Stil. Ich habe sehr viel positive Kritik dafür bekommen! Da macht man sich dann schon mal ein paar Gedanken darüber, wenn man sonst zwei Tage an so einer Seite sitzt. Da hatte ich also eine Seite in einer Stunde runtergezeichnet, und das hatte schon einen großen Effekt. Aber ich habe auch schon Funny-Sachen für Werbung und Illustrationen gezeichnet. Es funktioniert, aber ich merke, es ist nicht ganz mein Fall. Ich bräuchte schon jemanden, der mir bei den Texten hilft, wenn ich so etwas machen würde. Das Zeichnen kriege ich schon irgendwie hin, obwohl ich mich am Anfang nicht ganz wohl fühle. Ich muß mich erst mal reinarbeiten, aber es ist durchaus möglich.

COMIC!: Wenn du sagst, daß es nicht dein Fall ist und du weiterhin eher realistisch zeichnen möchtest, was ist der Reiz daran? Warum möchtest du eher beim Realismus bleiben?

Reinhard Kleist: Das beruht darauf, wie ich an Geschichten herangehe, auch, was ich gerne lese und welche Filme ich gerne sehe. Ich mag Filme, Bücher, Comics, die mich mitziehen in eine spezielle Welt, die nicht irgendwie abgedreht und aus Fantasy sein muß. Kann auch eine Welt sein, die um die Ecke ist. Ich mag es, den Leser so in die Geschichte reinzuführen - in die Welten, die ich in meinem Kopf erfinde - daß er darin versinken kann, daß er das vielleicht sogar riechen oder auch Laute hören kann. Wenn ich eine Straßenschlucht zeichne, möchte ich beim Leser das Gefühl hervorrufen, daß er förmlich mittendrin steht. Bei vielen Geschichten, die ich gelesen oder gesehen habe, habe ich das Gefühl, daß die Zeichner oder Autoren mich nicht in ihrer Welt haben wollen, daß die das so beschreiben, daß ich immer draußen stehe. Das möchte ich nicht haben. Ich habe mir dafür gerade in der letzten Zeit einen sehr harten, detaillierten Realismus ausgesucht, der natürlich auch seine Zeit dauert. Ich versuche auch immer noch, andere Sachen herauszufinden und zu experimentieren. Es kann sein, daß ich beim nächsten Buch in eine ganz andere Richtung gehe, das kommt auch immer auf die Geschichte an. Meinen Stil passe ich der Geschichte an, dem, was ich erzählen möchte und wie ich es erzählen möchte.

COMIC!: Du hast eben erwähnt, daß du zwei Tage an einer Seite sitzt. Wenn man überlegt, daß so eine Seite in einem Comicbuch eine Lesezeit von 30 Sekunden hat - was ist die Intention, Comics zu machen? Man arbeitet tagelang für etwas, das in der Lesezeit ziemlich schnell vergänglich ist.

Reinhard Kleist: Wenn man so denkt, darf man eigentlich auch keine Filme drehen. Da geht’s ja noch schneller. Aber da verdient man unter Umständen wenigstens viel Geld dabei.



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