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Burkhard Ihme (Hrsg.)
November 2004
224 Seiten DIN A4, S/W
EUR 15,25
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50 Lieferungen - und ein bißchen weise
Das Lexikon der Comics: Eine Zwischenbilanz

Von Britta Madeleine Woitschig


Im Juni 2004, kurz nach dem 11. Comic-Salon in Erlangen, erschien die 50. Lieferung des «Lexikons der Comics». Inzwischen umfaßt es acht Ordner für die lose gelieferten Blätter mit einem Umfang von ungefähr 9.800 Seiten, die sich auf drei verschiedene Bereiche verteilen. Im Teil 1: Werke von zur Zeit vier Ordnern finden sich Artikel über bisher 220 Alben, Serien und Zeitschriften. Jeder Artikel beginnt mit einem Porträt des Werkes, dem eine Werkübersicht der erschienen Titel in der Originalsprache und eine Bibliographie der deutschsprachigen Ausgabe folgen. Teil 2: Personen porträtiert bisher in drei Ordnern 152 Personen, die im Comic-Metier tätig sind.Neben ausführlichen biographischen Daten werden die Arbeiten und ihre Erfolge der Kreativen in die jeweilige Zeit eingeordnet. Der letzte Ordner Teil 3: Themen/Aspekte liefert Informationen über Verlage, Zeichentechniken, die internationalen Marktsituationen, Aspekte wie Zensur in Deutschland und Sonstiges wie das Centre Belge de la Bande Dessinée (CBBD), das belgische Comicmuseum in Brüssel. Die beeindruckende Masse hat natürlich auch ihren Preis, der 398,- € (Deutschland) bzw. 414,- € (Österreich) bzw. 757,- SFr (Schweiz). Der Kauf des Werkes verpflichtet zur Abnahme der weiteren Lieferungen, bei denen jede Seite derzeit 0,18 € kostet. Eine solche Anschaffung will wohl überlegt sein, denn das Verhältnis von Preis und Leistung errechnet sich über die Qualität der Beiträge, der sich diese Zwischenbilanz widmet.
Seit der Lieferung des Grundwerkes im April 1991 hat sich einiges verändert. Dieses Grundwerk wurde, um es gelinde auszudrücken, zurückhaltend aufgenommen. Die Rezensionen waren spärlich und geizten mit Lob, so hieß es im Comicer 19/Juli 1991: «Dies ist das unglaublichste Werk, das ich in den letzten Jahren zu Gesicht bekam.» Rezensent Winni Secker hob seinen Verriß hervor, indem er das Lexikon in der Rubrik Leselisten in die Kategorie «Unter aller Kanone» einordnete. Da verwundert es nicht, daß der Initiator Heiko Langhans die Lust an diesem eigentlich langfristigen Projekt verlor und mit der 4. Lieferung seine Funktion als Herausgeber aufgab. Zu diesem Zeitpunkt stand das Lexikon kurz vor dem Aus.
Einem der bisherigen Autoren, Marcus Czerwionka, der beruflich mit Immobilien zu tun hat, lag jedoch so viel an diesem Lexikon, daß er sich entschloß, in die Bresche zu springen und neuer Herausgeber wurde. Durch diesen Wechsel änderte sich die Konzeption des Lexikons, so daß der Aufbau jetzt weniger zufällig und mehr systematisch abläuft. Czerwionka hat Erfahrungen als Autor, unter anderem publizierte er bei Zweitausendeins «Heidnische Altertümer». Diese Professionalität brachte er durch seine Funktion als Herausgeber in das Lexikon ein, indem er den Schwerpunkt, der bis zur 4. Lieferung bei amerikanischen Comics lag, auf den europäischen, sprich vorwiegend frankobelgischen, Markt verlagerte.
Deshalb versuchte Czerwionka, Autoren anzusprechen, die sich auf diesen Gebieten Lorbeeren erworben hatten. Auf diese Weise wurden Volker Hamann und Roland Mietz von der Reddition eingebunden, die durch die losen Blätter die Gelegenheit haben, die Daten in ihren Beiträgen schneller aktualisieren und ergänzen zu können als in den Dossiers ihrer Zeitschrift. Die Comicforscher der Hamburger Universität, die Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL), mit Michael Hein, Ole Frahm und Jens Balzer wurden vom neuen Herausgeber ebenfalls angesprochen und lieferten bis vor wenigen Jahren fachkundige Beiträge über deutsche, französische, belgische, US-amerikanische und kanadische Comics und deren Autoren.
Mitte der neunziger Jahre etablierte sich mit den Manga ein neues Segment der Comics, das aus dem fernen Japan kam und das Czerwionka in das Lexikon einbinden wollte. Zu diesem Zweck nahm er über den Verlag edition q Kontakt mit der Autorin des Standardwerks Phänomen Manga, der Japanologin und Kulturwissenschaftlerin Jacqueline Berndt, auf, die seit 1995 an der Ritsumeikan-Universität Kyoto Kunstsoziologie lehrt. Durch ihre Beiträge und die Artikel, die original für das Lexikon von japanischen Forschern geschrieben und von Berndt übersetzt werden, erhalten die Leser des Lexikon einen Einblick in das asiatische Geschehen, wenn die Geschichte der Manga in Japan und der Manwha in Korea beleuchtet werden. Czerwionka selbst sammelt und liest zwar Comics aus aller Herren Länder, weil er jedoch nur im Englischen sattelfest ist, betreut er in seinen eigenen Beiträgen amerikanische Comics mit Schwerpunkt auf dem Klassiker Jack Kirby.
Wer heute das Lexikon in die Hand nimmt, erkennt den hohen Anspruch des Herausgebers. Um für das Lexikon zu schreiben, ist kein akademischer Titel nötig, doch die abgelieferten Artikel sollten wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, ohne durch Fachlatein unlesbar zu werden. Bei manchen Beiträgen kann der Eindruck entstehen, sie enthielten Überflüssiges, weil dort Sachverhalte ausgebreitet werden, die als selbstverständlich angesehen werden, aber das ist beabsichtigt und trägt der Nutzung in der Zukunft Rechnung. Im Rückblick wird das heute Selbstverständliche nämlich zu etwas Fremdem. Außerdem wendet sich das Lexikon vorwiegend an wissenschaftliche Benutzer, die möglicherweise kaum tiefe Comic-Kenntnisse haben, und berufliche Benutzer wie Comic-Journalisten, die schnell bestimmte zuverlässige Daten finden wollen. Die Hälfte der Abonnenten sind wissenschaftliche Bibliotheken in der gesamten Bundesrepublik, und die Summe der Abonnenten, die der Corian-Verlag verschweigt, ist so groß, daß sich das Lexikon finanziell trägt. Wer das ständig besser werdende Werk nutzen und genießen möchte, sollte für die vorliegenden Lieferungen achtzig Zentimeter in Regal freiräumen. Ein solches Lexikon wird immer ärgerliche Lücken haben, doch der Herausgeber bemüht sich, diese zu stopfen, und im Gegensatz zu einem Buch eröffnet sich hier die Möglichkeit, neue Tendenzen aufzugreifen und einzuarbeiten.
Meiner Meinung nach scheint sich das Lexikon inzwischen zu einem echten Geheimtip entwickelt zu haben. Wenn Sie das nächste Mal in einer Universitätsbibliothek sind, werfen Sie einen Blick hinein! Es lohnt sich!



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