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Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2003
256 Seiten DIN A4, S/W
EUR 15,25
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COMIC!-JAHRBUCH 2004

Die niederländische Comic-Szene

Von Rik Sanders / Aus dem Holländischen von Mark O. Fischer

Da sind sie wieder: Die Comic-Magazine! Nach jahrelanger Durststrecke tauchten in den letzten anderthalb Jahren auf einmal allerlei Ausgaben auf. Ob ihnen ein langes Leben beschieden sein wird, ist zwar noch die Frage, aber sie geben der niederländischen Comicwelt auf jeden Fall mehr Farbe. Außerdem schwirrte noch der Geist des erschossenen populistischen Pim Fortuyn umher, und es gab reichlich bemerkenswerte Comicproduktionen zu genießen.

Vor ein paar Jahren sah alles noch nach Kummer und Qual aus, als Abschied genommen wurde von Striparazzi, dem letzten populären Comic-Magazin niederländischer Machart. Aber genau wie in anderen Ländern, der Wiederauferstehung von ZACK in Deutschland und diversen auf Comics von bestimmten Herausgebern spezialisierten Magazinen in Frankreich, ist auch in den Niederlanden eine Gegenbewegung entstanden. Da ist zum einen das Heft Fox Kids Magazine nach dem in Holland populären TV-Kinderkanal "Fox Kids", das nicht wegen der Comics aus amerikanischer Lizenz, sondern vor allem zur Zuschauerbindung gegründet wurde. Das vielversprechendste Heft ist Myx Stripmagazine vom Verlag Silvester. Dieses Monatsmagazin bringt einen Mix aus niederländischen Comics (inklusive der neuen Abenteuer von "Franka" von Henk Kuijpers), erfrischenden ausländischen Arbeiten und Informationen. Hierbei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass ein Großteil der niederländischen Beiträge zum Albenprogramm von Silvester gehört.
Außerdem erschienen noch zwei andere zeitungsartige Ausgaben, die sich mit dem Hintergrund der Ermordung des populären, populistischen Politikers Pim Fortuyn am 6. Mai 2002 befassten. Ein terroristischer Akt, der in Holland, wo der Ministerpräsident bis zu diesem Moment noch auf seinem Fahrrad zum Binnenhof (dem Regierungszentrum der Niederlande) fahren konnte, zu großer Bestürzung führte. Diskussionen über die Frage, wie es zu so einer Aktion in Holland kommen konnte, kamen auf, wobei linke Politiker und Journalisten dafür büßen mussten ("die Kugel kam von links") und einige unter ihnen Drohbriefe bekamen. Außer dass viele Cartoonisten in Zeitungen und Politmagazinen sich von Fortuyn inspirieren ließen, sowohl vor als auch nach seinem Tod, sprang gleichzeitig eine Anzahl einzelner Ausgaben ins Auge. Das satirische Heft PIM (Politisch Inkorrektes Magazin) zum Beispiel spielte darauf an und brachte neben zahlreichen Essays und Interviews, in denen gesellschaftliche Entwicklungen auf die Schippe genommen wurden, viele Cartoons und Gagstrips von Willem, Berend Vonk, Djanko, Guido van Driel und Marc van der Holst, aber auch von Belgiern wie Bart Schoofs, Kim und Pieter de Poortere. Ganz im Stil von Fortuyns Erben - der Partei Liste Pim Fortuyn (LPF), die durch all das interne Gerangel politisch gesehen fast weggefegt wurde - beendete das Blatt PIM nach drei Nummern und Streit zwischen der Redaktion und dem Herausgeber Hans van Brussel das Thema. Besser schien es mit der anderen Zeitungsausgabe zu laufen: Vreemd (Fremd), herausgegeben von Yakup Karahan. Dieses zweisprachige Monatsblatt (türkisch und niederländisch) macht sich mit einem gehörigen Augenzwinkern über das multikulturelle Zusammenleben lustig, ein Thema, das Fortuyn am Herzen lag. Es beinhaltet sowohl Beiträge ausländischer als auch inländischer Zeichner, unter anderem Peter de Wit. Dieser Zeichner hatte großen Erfolg mit seiner Ente in seinem täglichen Gagstrip "Sigmund", den er für De Volkskrant (Die Volkszeitung) machte. Darin ließ er Sigmund - einen trübsinnigen Psychiater - im Oktober 2002 wiederholte Male Drohungen erhalten, woraufhin die Chefredaktion der Zeitung mitteilte, den Comic zu stoppen. Viele Leser fielen darauf herein und schickten entrüstete Briefe an De Volkskrant. Ein paar Tage später zeigte sich Sigmund auf einer Südsee-Insel; er hatte alles in Szene gesetzt. Nicht jeder war amüsiert von diesem Scherz: Der Anwalt der Zeitung fand es journalistisch unverantwortlich, dass die Chefredaktion bei dem Komplott mitmachte, um die Leser hereinzulegen.

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