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Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2003
256 Seiten DIN A4, S/W
EUR 15,25
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COMIC!-JAHRBUCH 2004

Im Norden viel Neues
Comic-Szene Dänemark:
Von "Homo Metropolis" bis "Egoland"

Von Martin Frenzel

Sie gilt als Dänemarks Antwort auf die Grande Dame des feministisch inspirierten sophisticated strips, Claire Bretécher ("Die Frustrierten"): die 43jährige Comic-Zeichnerin und Multi-Künstlerin Nikoline Werdelin ist im hohen Norden eine Ikone. Vor zwanzig Jahren, 1984, feierte Werdelin mit ihrem ironisch-hintergründigen Zeitungscomic "Café" ein glänzendes Debüt. Satirisch, humorvoll und treffsicher - in einem skizzenhaft-verzerrten, aufs Wesentliche konzentrierten und doch präzisen Zeichenstrich - zog sie die Marotten ihrer Mitmenschen, von Männern und Frauen, in den zynischen 1980ern durch den Kakao respektive durch den Milchkaffee. Einzig die beiden Serviererinnen des Cafés, in dem sich ihre skurrilen Charaktere treffen, und die schrullige Mutter der einen zählten zum Dauerinventar des Strips. Ohne den Comic-Wettbewerb der großen, liberalen Tageszeitung Politiken zu deren 100jährigem Gazetten-Jubiläum 1984 wäre damals wohl kaum jemand auf ihr Talent aufmerksam geworden. Werdelin gewann den ersten Preis.
Die Serie "Café" erschien sodann zwischen 1984 und Oktober 1988 in Politiken, von Anfang 1987 an auch als vierfarbige Sonntagsseite. Seitdem gehört Nikoline Werdelin, die am 15. September 1960 in Kopenhagen geboren wurde und dort heute noch als Zeichnerin, Dramatikerin und Illustratorin lebt, zum festen Inventar des Blatts. Die "Café"-Serie erschien bald als Albenreihe (Carlsen Comics; 1986-1989/1996). 1986 heimste sie hierfür den begehrten dänischen Comic-"Oskar", den Ping-Preis ein, benannt nach Robert Storm Petersens berühmtem Urcomic. Zudem schuf die Arzttochter noch eine Zweitserie für Dänemarks "Brigitte", die Frauenzeitschrift Alt for Damerne (Alles für die Damen): "Rose" (mit Texter Jørgen Stegelmann) erschien erstmals 1986 (Album 1988) und präsentierte sodann wöchentlich eine moderne Frau - mit all ihren Sehnsüchten, Gefühlen und Problemen. Auch die 1989 neu auf den Markt kommende Serie "Laura og Nugga" - über eine allein erziehende Mutter und deren anstrengende Tochter - entstand für Alt for Damerne (4 "Laura og Nugga"-Alben 1993-1997). Ihr opus magnum liefert Nikoline Werdelin indes nach mehrjähriger Schaffenspause bei ihrer "Hauszeitung" - seit 1994 wieder für die Tageszeitung Politiken: Der damals neue Chefredakteur Tøger Seidenfaden holte sie ins Blatt zurück. Seither erscheint die brillante Großstadtsatire "Homo Metropolis" täglich auf den Seiten dieser Zeitung. Treffsicher nimmt Nikoline Werdelin hier den täglichen Wahn ihrer Landsleute in Gänze aufs Korn - nicht zuletzt die Schwierigkeiten vieler Dänen mit der multikulturellen Gesellschaft (und der Toleranz). Inzwischen sind - seit 1995 - sechs Alben erschienen, darunter "I storbyens favn" (dt. etwa: Von der Großstadt umarmt) von 2000 (Verlag Rosinante). Die Kritik zeigte sich auch diesmal begeistert: "Nikoline Werdelin ist dabei, unsere Gegenwartsgeschichte zu schreiben", lobte etwa die Boulevardzeitung Ekstra Bladet. Kritiker loben auch ihr fotografisches Gedächtnis für die scheinbar unbedeutsamen Kleinigkeiten. Es gehört zu Werdelins Kunst, ihren Zeitgenossen gnadenlos Spiegel vorzuhalten, in einer Welt der Ego- und Ellenbogengesellschaft, in der materielle Güter, Oberflächlichkeit und Prestige zum Endzweck geraten. Da gibt es zum Beispiel die dominante Hannah, deren Mann Carl-Bo nach jahrelangem Ehemartyrium das Weite sucht, zunächst als Bier trinkender, die Urschrei-Therapie praktizierender Nackedei in einer Männergruppe, sodann in den Armen der jungen Lisa. Oder die eiskalt berechnende, heiratssüchtige Fiona, die sich den steinreichen Paul angelt, um sich den sozialen und pekuniären Aufstieg zu sichern. Da sind aber auch Pia, die zusammen mit ihrer Schildkröte sozial ganz unten vor sich hin vegetiert, gar in der Regenbogenpresse Trost sucht, und Helmutsen, ein Bankangestellter, der nach jahrzehntelanger Arbeit plötzlich tief stürzt, seinen Job verliert. Sie entlarvt das "Lifestyle"-Getue als das, was es ist: der Versuch, via "Haste was, biste was" Anerkennung und soziale Bedeutung zu erheischen. So gesehen ist Nikoline Werdelin eine Art weiblicher Till Eulenspiegel der Postmoderne. Mit "Homo Metropolis" gelang es ihr endgültig, neue Leserschichten zu erobern, die normalerweise keine Comics lesen. Kritiker nannten Nikoline Werdelin nicht umsonst die "unermüdliche Seismologin des Lebensstils". Ihr gelangen "menschliche Komödien", die - zusammen mit Ivar Gjørups "Egoland" - den dänischen Zeitungscomic auf ein ungeahntes Niveau hoben und ihr den Ruf des "Balzac" der Comic-Kultur einbrachten. 1997 erhielt sie den dänischen Publizistenpreis für ihr Gesamtwerk.

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