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Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2003
256 Seiten DIN A4, S/W
EUR 15,25
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COMIC!-JAHRBUCH 2004

Holocaust und NS-Verbrechen im Comic: Von Krigsteins "Master Race" bis Crocis "Auschwitz" - Ein vergleichender Überblick

Von Martin Frenzel

Kaum ein Thema geriet in den letzten Jahren so sehr in den Blickpunkt des Filmmetiers wie der Holocaust, die NS-Verbrechen und Hitlers willige Vollstrecker: Steven Spielbergs "Schindlers Liste" löste eine regelrechte Welle von Kinofilmen aus, darunter sehenswerte Streifen wie Roberto Benignis "Das Leben ist schön" und zuletzt Roman Polanskis Meisterwerk "Der Pianist". Diese nouvelle vague ging indes auch mit einer veränderten Perspektive der internationalen Holocaust- und NS-Forschung einher, die nun zunehmend begann, nicht mehr nur die Täter, sondern auch die Opfer, vor allem aber Einzelschicksale ermordeter Juden oder anderer NS-Verfolgter in den Blick zu nehmen. Im Zuge dieser Entwicklung weckten auf einmal auch "Hitlers willige Vollstrecker" (Daniel Jonah Goldhagen) das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit: Es ging und geht nun nicht mehr um die obersten Chargen des Nationalsozialismus, um die Hitlers, Himmlers und Heydrichs, auch nicht um das "System" des SS-Staats, sondern konkret um "ganz gewöhnliche Deutsche", die zig tausendfach zu Tätern, Mitwissern oder "nur" Zuschauern wurden. Diejenigen also, die mitmachten oder zuschauten, obwohl die Entrechtung, Verfolgung, und raubzugähnliche materielle und fiskalische Enteignung, Deportation und Ermordung vor aller Augen geschah. Insofern drängt sich die Frage auf, ob dieser kulturelle Trend einer oral history sowohl der Opfer als auch der Täter, der sich ja bis hinein in die Musik widerspiegelt (siehe die Popularität jiddischer Klezzmer-Musik eines Giora Feidman etc.), nun auch im Comic seinen Widerhall findet.
Als Meilenstein in diesem Genre der "Holocaust"-Bildergeschichten gilt Art Spiegelmans grandiose, preisgekrönte und autobiografische Katz-und-Maus-Allegorie "Maus - Die Geschichte eines Überlebenden". Im amerikanischen Original zwischen 1980 und 1991 erschienen (eine Vorläufer-Kurzstory "Maus" erschien bereits 1972/73 in "Funny Animals"), 1989 und 1992 auch in deutscher Sprache, in zwei Dutzend Sprachen der Erde übersetzt, seit 1992 u. a. mit dem Pulitzer-Preis und dem Erlanger Max-und-Moritz-Spezialpreis geehrt. Der 1948 im schwedischen Exil als Sohn zweier Auschwitz-Überlebender geborene New Yorker Künstler und kritische Intellektuelle (Kommentator und Glossist des NEW YORKER) schildert in seinem Epos nicht nur die Geschichte seiner Eltern und seiner in Auschwitz fast vollständig ermordeten Familie (u. a. wurde Art Spiegelmans älterer Bruder Richieu dort umgebracht) - von der Verfolgung und Entrechtung über die Deportation bis hin zum Schrecken des Vernichtungslagers, sondern "Maus" ist zugleich die mühselige Auseinandersetzung mit dem Vater-Sohn-Konflikt zwischen Art Spiegelman und seinem Vater Wladek. Und es ist eine Geschichte über die Folgen des Holocaust-Traumas auch und gerade für die Nachgeborenen der Holocaust-Generation. Henryk M. Broder stellt treffend fest, "Maus" sei auch deshalb ein großes Kunstwerk, weil es eine genaue Dokumentation über das mühsame Leben nach dem Überleben darstelle und darüber, "wie die Leiden und Schmerzen von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden." Art Spiegelmans Mutter begeht 1968, nachdem er das Elternhaus verlassen hatte, Selbstmord, mit dem Vater - das wird im Comic immer wieder deutlich - verbindet ihn eine Art prekäre Hassliebe, ein hochgradig gestörtes Verhältnis, zumal Wladeks rechthaberische und geizige Natur das Gespräch mit ihm erschwert. Überdies gibt es in "Maus" noch eine dritte Handlungsebene, eine Art Metaebene, in der Spiegelman den Leser in die Schwierigkeit diskursiv mit einbezieht, sich dem Thema Holocaust im Wege einer Bildergeschichte zu nähern. Grafisch gesehen persifliert Art Spiegelman in "Maus" das Disney-Funny Animals-Genre, nutzt es aber zugleich auch zum Zwecke eines nahezu genialen, Distanz schaffenden Verfremdungseffekts (Nazis als Katzen, Juden als Mäuse, Polen als Schweine, Amerikaner als Hunde), der ihm (und dem Leser) hilft, das Unvorstellbare der systematischen, fabrikmäßigen Vernichtung von Millionen Menschen überhaupt zu ertragen. In Polen, wo "Maus" erst vor zwei Jahren publiziert wurde, kam es sogar zu Bücherverbrennungen, weil es manchem missfiel, als "Schwein" herhalten zu müssen. Im ersten Maus-Band (dt. "Mein Vater kotzt Geschichte aus") schildert Spiegelman, wie sich sein Vater Wladek und seine Mutter Anja Zylberberg 1930 in Sosnowitz (Polen) kennen- und lieben lernen. Wladek erbt durch die Heirat von Anjas betuchten Eltern eine Textilfabrik. Die Erzählung reicht vom Beginn der antisemitischen Entrechtung und Pogrome (Registratur aller Juden im besetzten Polen, Schwarzmarktgeschäfte, Überleben im Ghetto) - bis zur Deportation nach "Mauschwitz". dass die Spiegelmans erst 1944 bei der Flucht nach Ungarn durch den Verrat von Menschenschmugglern gefasst werden, verdanken sie einer Mischung aus Glück, Vitamin "B" und Geld bzw. Wertgegenständen. Im Zuge des ersten Bands erfährt der Leser zum einen davon, wie Wladek und Anja Spiegelman mit viel Chuzpe, List und Tücke sich - trotz der Verfolgung und Repressalien - durchschlagen. Im zweiten Band ("Und hier begann mein Unglück") schildert Spiegelman anhand zahlreicher Episoden das (Über-) Leben in "Mauschwitz" - den wahnsinnigen Alltag der Vergasungen und Verbrennungen, die Morde und Brutalitäten der SS, Hunger, Typhus und alltäglichen Terror - bis hin zur Befreiung, der Flucht nach Schweden und in die USA. Eine materialreiche CD-ROM zum Maus-Opus ergänzt die schwere, aber brillant gemachte Comic-Kost. Spiegelman hat seit "Maus" immer wieder von sich reden gemacht - zuletzt mit seinem in internationalen Tageszeitungen laufenden 11.September-Comic "In the shadows of No-Towers" (u. a. in DIE ZEIT) und durch sozialkritische Titelbilder für die Zeitschrift NEW YORKER, die auf deutsch in einem empfehlenswerten Sammelband bei 2001 erschienen sind ("Küsse aus New York").

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