Lektüre
 Independent Comic Shop   ICOM-Publikationen   Kostenlos   Fachmagazine   Sekundärliteratur 
Das COMIC!-Jahrbuch | Das ICOM!-Handbuch | Der ICOM!-Ratgeber
FILMRISS | Das verbandseigene Fachmagazin
  Alle Jahrbücher
COMIC!-Jahrbuch 2006
COMIC!-Jahrbuch 2005
COMIC! Jahrbuch 2004
COMIC! Jahrbuch 2003
COMIC! Jahrbuch 2001
COMIC!-Jahrbuch 2000
COMIC!-Jahrbuch 2003
Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2002
240 Seiten DIN A4, S/W
EUR 15,25
BESTELLEN  
COMIC!-JAHRBUCH 2003

Preisträger 2002
Bester Comic-Beitrag (Realistisch):
"Alte Frauen" von Tim Dinter und Kai Pfeiffer

Ein Porträt von Carmen Jonas

Aus jedem Fenster der Altbauten am Prenzlauer Berg könnten jetzt neugierig-gelangweilte "Alte Frauen" schauen. Doch der gleichnamige Comic spielt in Berlin Mitte. Nicht hier im Berliner Osten, am Helmholtz Platz. Stattdessen stehen gegenüber, in der Lettestraße, Tim Dinter und Kai Pfeiffer am geöffneten Fenster im Erdgeschoß ihres neuen Ateliers, weil die Klingel noch nicht geht. Der große Schreibtisch wirkt winzig in dem riesigen Raum. Eine Alu-Klappleiter, ein Farbkübel, zwei Stühle. Das war’s. Vorerst. Die restliche Einrichtung kommt später.
Der große blonde Kai, der lustigerweise schwarze Schuhe trägt, begräbt im Sitzen einen der Stühle unter und hinter seiner Gestalt. Der dunkelhaarige Tim, obwohl nicht klein gewachsen, erscheint daneben fast zierlich. Beide sehen die Welt durch rechteckige Brillengestelle. Das ist Zufall. dass sie zusammen Comics machen Absicht. "Alte Frauen", ein ungewöhnlicher Großstadt-Thriller mit integrierter Lovestory, gebettet in eine präzise Milieustudie vergreister Berliner Damen, ist bisher ihr größtes gemeinsames Werk. Und in erster Linie Tims Diplomarbeit. Er hat den Comic gezeichnet und gelettert. Kai hat die Geschichte dazu geschrieben. Beide studierten Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.
Blauäugig, dennoch rasierklingenscharfen Blickes scannen die beiden Künstler die Hauptstadt ab. Das Seziermesser in Kopf und Stift, skizzieren sie ihre Berlin-Erlebnisse. Tim Dinter in Bild, Kai Pfeiffer in Schrift und Bild. Großstadtspione. So sehen sie sich gerne. "Ich sitze halt immer rum und belausche Gespräche oder mache Fotos von irgendwelchen Details und da kommen natürlich sehr viele Ideen für fiktive Geschichten, die sich aus der Realität speisen", nuschelt Kai der Tischplatte zu, auf der sich sein Blick beim Sprechen festsaugt. Von konstruierten Geschichten halten beide wenig. Funny-Comics finden sie nicht witzig. Lustige Knollennasen-Typen haben in ihren Geschichten Auftrittsverbot. "Ich weiß nicht", begründet Tim seine Abneigung. "Aber ich tue mich wahnsinnig schwer, lustige Geschichten zu lesen. Da kann ich überhaupt nicht drüber lachen. Eher umgekehrt. Wenn ich etwas sehr Ernsthaftes lese und dann kommt irgendwann mal ‘ne Pointe, dann ist das unterhaltsamer als von vorne herein komisch angelegte Sachen. Natürlich gibt es Ausnahmen."
Eine davon macht der Belgier Hergé mit seinem Werk "Tim & Struppi." Denn Tim Dinter zeichnet in "Alte Frauen" konsequent die von Hergé geprägte Ligne Claire: "Mich fasziniert die ganze Philosophie um die Ligne Claire. Vor allem, dass Hergé mit wenigsten Strichen etwas erzählt. Das Ganze hat etwas Typographisches. Also, die Bilder ordnen sich der Handlung unter, genauso wie sich die Buchstaben der Schrift unterordnen: Das Ganze dient der Erzählung und hat wenig Firlefanz und Verspieltheit." Sogar die Speedlines stimmen überein: "Das sind natürlich eindeutige Zitate. Die mache ich mit einem gewissen Schmunzeln. Ich könnte auch andere Linien machen." Eine Zeitlang entfernte er sich von der Ligne Claire und arbeitete freier, hat sich ihr aber inzwischen wieder angenähert. Jetzt zeichnet er seine Vorzeichnungen mit Bleistift und setzt dann diese klaren Linien "als Entscheidung."

Auf den Geschmack gekommen?
Weiterlesen im COMIC!-Jahrbuch 2003!