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Burkhard Ihme (Hrsg.)
Oktober 2002
240 Seiten DIN A4, S/W
EUR 15,25
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Zeichnung pur
Über Cartoons und die spezifischen Mittel des Zeichners

Von Thees Carstens

Als ich Kind war und gerade eben lesen konnte, schenkten mir meine Eltern ein dickes Witzbuch für Kinder aus dem Ravensburger Taschenbuch Verlag. Ich glaube, es war grün, hatte auf dem Cover die markante blaue Ecke rechts unten und enthielt neben vielen artigen Witzchen auch einige Cartoons. Von allen Witzen und Cartoons ist mir nur einer in Erinnerung geblieben. Er zeigte einen Bettler, der unter einem offenen Fenster auf dem Gehweg sitzt. Im Fenster spielt ein Kind total schief auf seiner Geige und der Bettler trägt ein Schild um den Hals: "TAUB" - und seine Pupillen blicken nach oben zum Fenster. Unter der Zeichnung standen die beiden Worte "ohne Worte".
Ich weiß noch, dass mich der Cartoon beeindruckt hat. Sicher fand ich ihn auch damals nicht brüllend komisch. Ich glaube, er löste in mir eher so etwas wie ein tiefes wissendes und befriedigendes Schmunzeln aus. Mir gefiel der visuelle Humor und die Pointe, die sich erst bei der Beobachtung des kleinen Details, den Pupillen des Bettlers, zu erkennen gab. Und mir gefiel die Sinnlichkeit der gezeichneten Idee - ich meinte den Geigenspieler fast hören zu können, obwohl ich nur ein Bild ansah.
Erst zwanzig Jahre danach, als ich bereits Cartoons zeichnete, erwachte mein Interesse an visuellem Humor erneut und ich begann Cartoons "ohne Worte" zu zeichnen. Etwas später schrieb ich meine Examensarbeit an der Hamburger Kunsthochschule über visuellen Humor, über meine Cartoons und über die spezifischen zeichnerischen Mittel, die ich gefunden und angewendet hatte. Einiger dieser Cartoons habe ich mir erlaubt auch in diesem Artikel wiederzugeben.
Auf meiner Suche nach anderen Beispielen visuellen Humors bin ich nur selten bei jüngeren aktuell arbeitenden Zeichnern fündig geworden. Warum gibt es heute nicht mehr viele neue Cartoons mit der altmodischen Unterzeile "ohne Worte"? Warum erzeugen die meisten Cartoonzeichner ihre Pointen mit Hilfe der Sprache, mit Dialogen und geben dem Bild allenfalls eine unterstützende Funktion. Humor, der sich durch Bilder vermittelt, erzeugt eine andere Art des Lachens und setzt beim Betrachter eine andere Art von Humor voraus. Einen Humor, der nicht mit drastischen Aussagen und Effekten arbeitet, sondern mit einfachen, stillen Ideen. Vielleicht sind Cartoons ohne Worte einfach nicht mehr witzig genug?
Cartoons ohne Worte arbeiten nicht mit den Mitteln der Sprache, sondern mit denen der Zeichnung. Das Interesse an den spezifischen Mitteln der Zeichnung aber, das Interesse oder auch nur das Bewusstsein für die Möglichkeiten der Zeichnung scheint heute weniger vorhanden zu sein als früher. Zeichner, die nicht nur sehr gute visuelle Pointen finden können, Zeichner, die sich experimentierfreudig mit den spezifischen Mitteln des Zeichnens auseinandergesetzt haben, gibt es immer seltener. Zu den aktivsten in diesem Bereich gehörten und gehören Friedrich Karl Waechter, Sempé, Bosc, Chaval und über allen schwebend Saul Steinberg. Und nicht zuletzt Wilhelm Busch. Natürlich erzählen dessen Verse die Geschichten und tragen den Großteil der Pointen. Aber in seinen Bildern wird ein Bewusstsein und eine Virtuosität im Umgang mit den Möglichkeiten der Zeichnung deutlich, die nach ihm selten jemand erreicht hat. Wilhelm Busch hatte keinen chiffrenhaften Stil drauf, in dem er alles so gut wie möglich zeichnete, was man in diesem Stil eben zeichnen konnte. Bei ihm musste sich der Bildinhalt nicht seinem Stil unterwerfen, ganz im Gegenteil. Busch passte seinen Stil dem Bildinhalt an und erreichte damit Ausdrucksmöglichkeiten, die heute von den meisten Zeichnern nicht mehr erreicht werden.
Zurück zum visuellen Humor in Cartoons. Was meint der Begriff "visueller Humor"? Eigentlich nur, dass eine Pointe nicht durch Worte oder Sätze, sondern durch das Bild erzeugt wird - was allerdings nicht ausschließt, dass in einem entsprechenden Cartoon auch ein paar Worte vorkommen können. In diesem Artikel soll es um solche Beispiele visuellen Humors gehen, in denen die Pointe durch das Bild und gleichzeitig mit Hilfe der ganz besonderen Möglichkeiten und Mittel der Zeichnung erzeugt wird. Zeichnung pur sozusagen. Neun dieser spezifischen Mittel der Zeichnung, oder genauer gesagt neun zeichnerische Prinzipien möchte ich hier anhand einiger Beispiele vorstellen.

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