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Herausragendes Szenario:
"Drüben!"
von Simon Schwartz
(Avant Verlag)

"Sperrbezirk" von Tobi Dahmen (Schwarzer Turm)
Zu den eindrücklichsten Szenen in Simon Schwartz’ Erzählung "drüben!" zählt die, die im Geburtszimmer ihres Autors spielt: Das kleine Würmchen Simon ruht in den Armen des Vaters, die Mutter liegt erschöpft im Klinikbett. Das junge Paar ist an jenem Punkt im Leben angelangt, an dem junge Paare voller Dankbarkeit zurück- und voller Vorfreude in die Zukunft blicken. Doch nichts von beidem in dieser Szene. Der Blick zurück ist dem Paar verwehrt, der Blick nach vorne ungewiss: Auf den Knien einer weinenden Mutter liegt der zornige Abschiedsbrief der Schwiegereltern. Denn die Jungen wollen die DDR verlassen – und das können die Alten nicht verwinden.
Die Wirkung solcher leisen Szenen ist es, auf die "drüben!" vertraut – und mit Recht, denn sie machen Simon Schwartz’ Erzählung ästhetisch haltbar. Warum das so ist, wird noch deutlicher, wenn man sich klarmacht, worauf sie nicht vertraut: Auf Bilder von grisseligen Fernsehmonitoren, die Günter Schabowski zeigen. Auf Szenen im Tumult der Bornholmer Straße, in denen sich Heino Ferch und Veronica Ferres nach langer Trennung in die Arme fallen.
Wer von der deutschen Teilung und ihrem Ende erzählt, indem er die Topoi des kollektiven TV-Gedächtnisses aufwärmt, begibt sich in Kitschgefahr. Schwartz nicht, denn er setzt auf eine Story, die klein, aber sein ist. Das tut er in einem ruhigen Rhythmus, in dem emotionale Großmomente mit raffenden Erläuterungen abwechseln. Dahinter wiederum steht eine Erzählstruktur, die eigentlich recht kompliziert ist: Erinnerungen des Erzählers an seine kindlichen Eindrücke vor und nach der Ausreise 1984 wechseln ab mit Rückblenden aus der Sicht beider Eltern auf die 60er und 70er Jahre. Im Fokus steht der Rollenkonflikt des Vaters, der sich lange nicht durchringen kann, der DDR das Vertrauen zu entziehen – und so durchbricht mitten im Zentrum des Buchs eine surreale Szene alle sonstigen Erzählperspektiven, in der der Vater als multiple Persönlichkeit sich direkt an den Leser wendet.
Doch so kompliziert die Geschichte mit ihren Ebenen jongliert, so einfach und flüssig liest sie sich. Schon das ist keine geringe szenaristische Leistung. Schwartz erzielt sie, indem er seine schnell wechselnden Episoden verknappt auf nur wenige, dafür aussagekräftige Schauplätze und Szenen. All das verteilt auf nur ein bis fünf Panels pro Seite, klug kommentiert und flächig-überschaubar in einem reduzierten Cartoon-Stil gehalten.
Noch rühmenswerter aber ist, dass diese Reduktion keineswegs "didaktisch" wirkt – obwohl sie sicher bestens geeignet ist, Nachgeborenen ein Gefühl dafür zu vermitteln, was die deutsche Teilung war. Und das vermittelt sie, weil sie bei aller Verknappung doch immer wieder viel Raum für die Blickwinkel einzelner Figuren behält: Sehr eindrucksvoll etwa die staunende Optik des Kindes bei der Passkontrolle oder die Klaustrophobie der Eltern, während sie auf die Ausreisegenehmigung hoffen.
Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer steht die deutsche Teilung hoch oben auf der Agenda des deutschen Films, der Literatur und des Comic. Die Berliner Republik scheint sowohl reif als auch bedürftig, das Gewesene erzählerisch zu überformen – um sich von ihm abzunabeln, aber auch, um es – verarbeitet zur Kunst – ins kollektive Gedächtnis einzuspeisen. Nicht jeder Erzähler aber ist reif genug, das auch in eigenständiger und haltbarer Weise zu tun. Simon Schwartz zeigt diese Reife bereits in seinem Erstlingswerk. Grund genug, ihn als einen herausragenden Szenaristen zu würdigen.
Clemens Heydenreich
Aus: "Menschen am Sonntag"

 
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