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 INDEPENDENT COMIC PREIS 2003
Edition 52 Preis für den besten Independent Comic 2003: Edition 52 für "Floralia" von Ulf K. und "Kosmonaut Laika" von Laska Comix

Wegen einer Vielzahl preiswürdiger Arbeiten, die dieses Jahr eingereicht wurden, hat sich die Jury entschieden, den Preis in der Kategorie "Bester Independent Comic" diesmal nicht einem einzelnen Titel oder Künstler zuzusprechen, sondern einem Verlag: der Edition 52. Die Edition 52 wird namentlich für zwei Publikationen ausgezeichnet, auf die sich die Jury einstimmig festlegen mochte: Ulf K. - "Floralia" und Laska Comics - "Kosmonaut Laika", Erwähnt werden müssen aber auch zwei Minderheits-Voten, nämlich: Reinhard Kleist - "Das Grauen im Gemäuer" und Nicolas Mahler - "Das Raupenbuch".

Alle vier Publikationen verdeutlichen gleich gut, weshalb dieses Jahr die Idee nahe lag, einen Verlag auszuzeichnen. Denn es ist die gemeinsame verlegerische Linie, die in jedem dieser Titel deutlich wird: Durch das Geschick bei der Auswahl, die thematischen Vorlieben und nicht zuletzt die meist gelungene, liebevolle Präsentation und Herstellung hat sich die Edition 52 ein unverwechselbares Profil erarbeitet, von dem auch größere Verlage nur zu träumen wagen. Das ist allemal preiswürdig.

Die Publikationen dieses Verlags hätten ansonsten auch alle anderen Kategorien besetzen können, was aber zu dem Eindruck geführt hätte, beim Independent-Comic wäre es zu einer ähnlichen Monopolisierung gekommen wie bei den Großen der Branche. Dass dem erfreulicherweise nicht so ist, beweisen die übrigen Kategorien. Ein Verlag ist natürlich nichts ohne seine Künstler. Dass aber Künstler, die beim richtigen Verlag erscheinen, einen erheblichen Mehrwert gewinnen können, das bewies auf eindrucksvolle Weise die Edition 52.
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"Floralia" von Ulf K.
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"Floralia" ist ein wunderschöner Comic, der ohne Text auskommt, der die wenigen Dialoge in Piktogrammen darstellt und der dennoch eine rundum gelungene Geschichte erzählt. In einem Zirkus gibt es einen kleinen traurigen Clown, der in Form des Starken Mannes einen Gegner hat, der ihn gerne verspottet. Der Starke Mann wiederum ist mit der Dompteurin zusammen, worauf der Clown ein bisschen neidisch ist. Als einziger Freund des kleinen Clowns entpuppt sich eine Blume, die unweit des Zirkus unter einem Baum wächst.
Aus diesen kleinen Themen entwickelt Ulf K. seine wunderbare, märchenhafte Geschichte, die bis zu einem hoffnungsvollen Höhepunkt geführt wird. Lustig ist das nicht erzählt, eher traurig und melancholisch; umso besser kommt hier das Ende.
Zeichnerisch bleibt Ulf K. bewusst schlicht, benutzt neben schwarz und weiß als einzige Farbe ein ohnehin schon traurig wirkendes Ockergelb. Damit schafft er eine spezielle Stimmung, die er konsequent durchhält. Der nur scheinbar schlichte Strich von Ulf K. hat in diesem Comic etwas ganz Besonderes erzeugt: eine fragile Balance zwischen retro-orientiert und modern.
Zeichnerisch schwebt Ulf K. mit einer beneidenswerten Leichtigkeit zwischen nostalgischen Anklängen, die an den Ligne-Claire-Klassiker "Der kleine König" von Soglow erinnern, und einem expressiven Ausdruck, der möglicherweise von Yves Chaland inspiriert, ins hier und jetzt übertragen wurde. "Floralia" ist traditionsbewusst und dennoch ganz eindeutig ein Comic des 21. Jahrhunderts.
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"Kosmonaut Laika" von Laska Comix
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Einiges von dem, was zu Ulf K. und "Floralia" gesagt wurde, trifft auch auf "Kosmonaut Laika" von Laska Comix zu. Mit einer Rakete startet die stets mit großen Augen durch ihren Raumhelm starrende Hündin Laika zu ihrer großen Reise ins All. Was mit einem Routineflug beginnt, entwickelt sich rasch zu einer zauberhaften Geschichte, in der ein fröhlicher kleiner Außerirdischer eine wichtige Rolle spielt.
In wunderschönem Schwarzweiß-Stil erzählt das Laska-Team diese Geschichte, die ohne Worte in Sprechblasen auskommt und immer ein bisschen traurig wirkt. Auch dieser Comic findet ein wunderbares Gleichgewicht zwischen einem Thema, das zu einer Zeit die Menschen bewegt hat, als die Laskas wahrscheinlich noch gar nicht geboren waren, und einer Aussage, die heute mindestens ebenso aktuell ist, wie in den frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als mit den ersten Sputniks auch die ersten Lebewesen ins All geschossen wurden ohne Rückfahrkarte. Die Melancholie, die jeden normal empfindenden Menschen packt, der sich irgendwann mal nächtens mit seinem Blick in einem sternklaren Himmel verliert, dieses Gefühl schwingt auch noch lange, nachdem man das Heft von Laska Comix zugeklappt hat, in einem nach. Es gibt eigentlich kein besseres Qualitätsmerkmal, das die Wirkung einer kreativen Leistung beschreibt, als dieses emotionale "Nachbeben".

Neben diesen beiden Titeln sollen noch zwei weitere genannt werden, die zwar für sich genommen, nicht ausgezeichnet, aber zumindest lobend erwähnt worden wären:
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Reinhard Kleist - "Das Grauen im Gemäuer"
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Toll gezeichnete Adaptionen von Lovecraft-Geschichten - Reinhard Kleist hat's einfach drauf. Die schwarzweißen Zeichnungen sind detailliert und klar, sie spiegeln den düsteren Charakter der Geschichten wunderbar wieder. Erfreulicherweise sind die Dialoge sehr kurz gehalten, so dass die Geschichten vor allem aufgrund der Optik ihre Wirkung entfalten können. Ärgerlich ist allerdings das Format: Wenn die Geschichten als Album erschienen wären, könnte man sie besser lesen - so sieht das ganze durchgehend gestaucht und verkleinert aus.
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Nicolas Mahler - "Das Raupenbuch"
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In einem sehr reduzierten und gestrichelten Zeichenstil gibt es hier drei Geschichten, die miteinander in einem Zusammenhang stehen - letztlich durch das im Titel genannte Raupenbuch. Die Menschen sind alle gestört, sie leben als vereinzelte Wesen in einer Welt, mit der sie nicht klarkommen: keine erfreuliche Botschaft, die Mahler hier mitteilt. Letztlich geht es ihm um die gleiche "Botschaft" wie sie schon in "Floralia" und "Kosmonaut Laika" zum Ausdruck kommt. Nur ist er noch unerbittlicher, noch schwärzer in Stil und Aussage. Es geht ihm jegliche Melancholie ab, die ja eine gefühlsmäßige Nähe zum Leser schafft. Deshalb ist dieser Titel sperriger und macht es dem Betrachter schwerer, weshalb sich wohl auch in der Jury nur ein Minderheitsvotum für "das Raupenbuch" fand.